Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Hamburg, Harburg, Uferbar, Kulturwerkstatt, 29., 30. Januar

Als ich losfahre, sind die Zahlen auf der Wetterkarte im Großraum Norden höher als die in der Landesmitte. Da denke ich noch: „Das ist ja ungewöhnlich, ansonsten ist es an der See so oft kälter als anderswo, das ist doch mal ein gutes Omen, da brauch ich die dicken Socken nicht extra einzupacken.“ Fünf Minuten später denke ich: „Sollte ich jemals über die Lesereise nach Hamburg schreiben, sollte ich keinesfalls darüber schreiben.“ Denn wer über Wetter schreibt, hat im Grunde genommen schon kapituliert.

In Hamburg angekommen kapituliert zuerst einmal mein Körper. Was ich bin, verfängt sich im Wind und das ist garantiert nicht poetisch gemeint. Der Westwind treibt den Geruch der Stadt in den Osten, weshalb die Stadtgebiete der Reichen auch im Westen liegen. Zudem verwandelt mich der Westwind prompt in ein Iglu, in dem eine Gefriertruhe offensteht. Kristalle bilden sich, Haar bricht, es sieht wunderschön aus und fühlt sich an wie die Amundsenexpedition, nur eben ohne Happy End. Da die Kälte bleibt und bleiben wird, beschließe ich, auf den beiden Lesungen dreimal Hager zu lesen, ein Vorhaben, welches ich später tatsächlich in die Tat umsetze.

Bis dahin vergeht Zeit. Momente passieren, mit unterschiedlichen Ereignissen. Im öffentlichen Nahverkehr wird meine Tageskarte auffällig oft auf ihre Rechtmäßigkeit überprüft. Dort fällt auch der Satz „Mein Bruder ist so hässlich, der hat weniger als zweihundert Freunde auf Facebook.“ Ich sehe einen Kronleuchter aus Porzellanrosen. Und jemand trinkt Früchtetee mit Parmesan.

Am ersten Abend geht es nach Eimsbüttel. Dort befindet sich ein Restaurant mit offener Küche. Außerdem steht ein Klavier an der Wand. Das ist unverhältnismäßig ungünstig, denn das Klavier soll heute eine zentrale Rolle spielen, weil es bespielt werden soll. Von Katharina, die ich werweißwielange kenne. Werweißwieoft haben wir gesagt: „Das wäre doch was – eine macht Musik, einer liest.“ Werweißwieviele Gründe haben das bisher verhindert. Umso größer die Freude an diesem neunundzwanzigsten. Also rollen wir das Klavier durch das Lokal, manövrieren es an flammkuchenessenden Gästen vorbei in eine der gegenüberliegenden Ecken. Eine PA wird aufgebaut und dazu ein Verstärker auf den Lesetisch gewuchtet. Idealerweise hat der Verstärker die Farbe meiner heutigen Bekleidung, die in diesem Ambiente keine halben Sachen macht. Trotzdem fühle ich mich noch maximal underdressed.

Später beginnen wir nahezu pünktlich. Ein Musikstück, ein Stück Text lautet der Plan für die nächsten beiden Stunden. Und interessant. Weil nur ein Mikro und dafür offene Küche, regele ich während der Lesung die Lautstärke nach. Mal so, mal leiser, gern mit mehr Höhen, die Bässe trotzdem drinnelassen. Multitasking als Herausforderung. Aber immerhin. Ton kommt, manchmal auch zum richtigen Zeitpunkt.

Manchmal aber auch komplett das Gegenteil. Reizhusten beispielsweise. Seit Wochen versuche ich meinen Hals zu schützen und trage deshalb einen Schal. Ich lerne, dass ein Schal, getragen ohne Mantel oder Jacke, das Potenzial hat, einen in nullkommanix in einen Snob zu verwandeln. Außerdem trinke ich hauptsächlich Tee und wenn nicht, werfe ich Salbeibonbons ein. Trotzdem nachts schweißgebadet Albträume, in denen ich die Lesungen vorträume. In denen sage ich dann zwei Worte, bevor mich ein monumentaler Hustenanfall überkommt, mich in Krämpfen schüttelt und schließlich zu Boden wirft. Ratlos sitzen die Leute davor und weil ich mich während des Reizhustensvorfalls nicht erklären kann, wächst ihre Ratlosigkeit mit jeder Minute. Nicht unbedingt das, wofür man an einem Sonntagabend auf den Tatort verzichtet.

Die Wirklichkeit ist natürlich meistens anders, aber damit nicht unbedingt angenehmer. Ein hartnäckiger Hustenreiz löst sich nur durch ein Räuspern oder, wahrscheinlicher noch, durch Abhusten. Was sich im Alltag einigermaßen unauffällig bewerkstelligen lässt, ist auf Lesungen, bei denen jedes Wort zählt, ein garantierter Stimmungskiller. Gerade bei Texten wie dem Hidden Text. Glücklicherweise haben wir für solche Fälle einen Plan B in petto: sollte aus dem Abhusten ein Dauerhusten werden, klopfe ich dreimal aufs Klavier. Daraufhin wird Katharina augenblicklich mit einem Lied einspringen. Während ich also den Hidden Text lese und versuche, das Räuspern nicht die Schwelle zum Abhusten überschreiten zu lassen, denke ich: „Eigentlich wäre es fast schöner für mich, heute mal nicht zu lesen und stattdessen nur der Musik zuhören zu können.“

Vierundzwanzig Stunden später gibt es keine Musik. Dafür jedoch Irritationen. Ist das jetzt Hafencity oder Harburg? Irgendwie liegt auch hier alles am Wasser und ist aus Glas und hoch. Am Binnenhafen in der Kulturwerkstatt probt eine Theatergruppe, der ich heute den Raum wegnehme. Im Raum stehen viele Stühle, die – um das Ende vorweg zu nehmen – nicht alle besetzt sein werden. Klar, draußen sind mittlerweile dreißig Grad unter Null. Wer irgendwo ist, bleibt auch da. Ich rücke den Lesetisch mit der „Ein Kran für Harburg“-Tasse näher an die besetzten Stühle heran und lese, was wenig überraschend ist, Hager. Seltsame Winterwunderwelt. Ab und an trinke ich Salbeitee, ab und an mache ich launige Bemerkungen und ab und an lese ich weniger launige Texte. Was aber okay ist, weil es genau aufgrund dieser Texte später zu Gesprächen kommt. Das Wort „Mob“ fällt und damit bin ich schon mehr als zufrieden.

Ich werde gefragt, ob ich nochmal für kleine Waschbären müsste. Auf Speckfettbrote werden geröstete Zwiebeln gestreut. Essbare Goldtaler liegen aus und wenn jemand von uns Inflation heißen würde, könnte man mit gutem Gewissen sagen: Inflation frisst das Geld auf. Der Verleger schreibt eine Widmung in Ausschau halten nach Tigern – Ich finde, er sollte das zukünftig beruflich machen. Kein monumentaler Hustenanfall wirft mich zu Boden. Stattdessen gehen wir nach draußen. Die Temperatur ist um weitere zwanzig Grad gefallen. Wir laufen fünf Meter und ich denke: „Ist ja interessant. Ich spüre meine Füße nicht. Und meine Hände auch nicht. Überhaupt meinen Körper nicht mehr. Wie wunderbar.“ Alles wird warm und weich und friedlich. In der Ferne leuchten Lichter auf, möglicherweise eine der Hafencitys, möglicherweise ein Kronleuchter aus Porzellanrosen.



Gelesen: Heute lernen wir Tschüss zu sagen, Glufke, Hager, Sie haben jetzt Kinder, Blaues Kleid, Schweineholger

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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