Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste sonst.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Krefeld, Schule, 8. Februar

Ich glaube oft zu wissen, wie etwas ist. Und dann ist es ganz anders. Krefeld beispielsweise. Ich dachte: eine eher dreckige Stadt im Ruhrpott. Da sind mindestens zwei Annahmen falsch. Ersetze Ruhrpott mit Niederrhein und dreckig mit „zweit grünste Stadt der Bundesrepublik Deutschland.“ Ansonsten statte ich sehr gern dem Petermannplatz einen Besuch ab und bestaune vor Fotoläden die penibel in deutsch und türkisch aufgeteilten Schaufenster.

In einer Buchhandlung wollen zwei kleine Mädchen ein Horrorbuch für Erwachsene erwerben. Ihre Mutter hätte sie mit dem Auftrag losgeschickt, ihr zum Geburtstag ein Horrorbuch zu kaufen. Die Buchhändlerin hakt nach, klopft die Geschichte auf Ungereimtheiten ab und holt den Rat von Kolleginnen ein. Schließlich bittet sie um die Telefonnummer der Mutter. Der Vater nimmt ab und bestätigt die Angaben seiner Töchter. Daraufhin stellt die Händlerin vor dem Horrorbuchregal einige momentan stark nachgefragte Horrorbücher vor. Die Mädchen entscheiden sich für Der Übergang und verlassen bald darauf zufrieden das Geschäft.

Außer Geschäften sind in Krefeld auch Schulen. In einer davon sitze ich.
8.50 Uhr, 2. Stunde. Das ist schon mal anders als das meiste, was ich die letzten Jahre gemacht habe. In einer Schule sitzen. Das war zwölf Jahre quasi meine Hauptbeschäftigung. Jemandem zuhören, der vorn steht und spricht, gelegentlich eigene Gedanken entwickeln und hauptsächlich nachvollziehen, welche Informationen relevant sind, für das Leben oder, besser noch, die nächste Kurzkontrolle.

Heute sind keine Informationen relevant. Außer der ausdrücklichen Aufforderung seitens der LehrerInnen: „Seien Sie ja nicht pädagogisch. Wir bügeln hinterher schon alles wieder aus.“ Eigentlich ist das super. Es gibt kein Lernziel, das ich erfüllen sollte, nicht einmal ein Wertegerüst, dem ich verpflichtet bin. Ich soll einfach eine Lesung halten. Als „junger“ Autor wurde ich angekündigt. Wobei jung natürlich mehr als relativ ist. Ich glaube kaum, dass ich aus der Sicht einer achten Klasse als jung gelte. Eher ganz im Gegenteil.

Überhaupt die achte Klasse. Oder die neunte. Oder erst recht die Zehnte. Was für Texte sind da angemessen? Nur weil Jugendliche oder Kinder in einer Geschichte auftauchen, bedeutet dies ja nicht unbedingt: Ist geeignet. Springbreak Europe. Hier geht es um junge Erwachsene und sicherlich auch Themen, die nicht uninteressant für 8./9./10. Klassen sein könnten. Aber 8.50 Uhr am Morgen mit „Zieh, brüllen die Jungs, zieh“ zu beginnen, da würde ich die Aufgabe, nicht pädagogisch zu sein, sehr wahrscheinlich übererfüllen.

Glücklicherweise wurde Der Zitronenfalter soll sein Maul halten verfilmt und ebenso glücklicherweise wurde dieser Film letztens im Unterricht gezeigt und ausführlich besprochen, teilweise sogar als Referendariatsprüfungsthema eingesetzt. Da ist schon klar, dass ich den Text dazu lese und auf die vielen Unterschiede zu sprechen kommen werde und auf jeden Fall aus der Wunderwelt des Filmemachens berichten kann. Außerdem wurden Fragen vorbereitet. Nur gegen die Frage „Wem gilt die Widmung in Ihrem Roman?“ hat sich der Klassenverband einstimmig entschieden, weil die Frage viel zu privat sei und mein Persönlichkeitsrecht verletzen würde.

Aber nichts wird verletzt. Nach einer überaus freundlichen Einleitung sehe ich mich gezwungen, auch einige Worte in die erwartungsvollen Gesichter zu sagen. Ich lerne schnell, dass sich eine Schullesung schon im Grundsätzlichen von anderen Lesungen unterscheidet. Bei anderen Lesungen ist die große Herausforderung das Ende. Ein „Danke“ am Ende genügt meistens nicht. Wenn nicht sofort ein Moderator einspringt oder Musik einsetzt, entstehen oft seltsame Leerräume, in die dann ungelenke Worte fallen, welche diesen Leerraum füllen sollen. In der Schule sind Enden ganz einfach. Irgendwann klingelt es. Dann ist Schluss. Super leicht verständlich. Hingegen die passenden Worte am Anfang finden … sagen wir mal so: nach den drei Schulstundenlesungen steht es 2:1 gegen mich.

Der Rest ist interessant. Eine Gruppe hat den Film schon gesehen, eine wird den Film noch sehen, eine wird nix machen, sondern einfach nur zuhören. Verschiedene Altersstufen, verschiedene Texte. Verschiedene Fragen. Die werden freiwillig gestellt. Manchmal nicht. Mal wird jemand aufgefordert, etwas zu dem Gehörten zu sagen. Das Wort „glaubwürdig“ fällt. Jemand anderes wird aufgefordert. Er sagt: „Ich fand den Text auch sehr glaubwürdig.“ Jemand drittes soll sich äußern. „Mir hat an dem Text gefallen, dass er glaubwürdig war.“ Ein Vierter soll seine Meinung abgegeben, wird aber ausdrücklich gebeten, dabei nicht „glaubwürdig“ zu verwenden. Er sagt, dass er den Text realistisch fand.

Jemand bekommt einen Lachanfall, nachdem sie den Titel Der Zitronenfalter soll sein Maul halten gehört hat. Jemand kritisiert die vielen Sprünge in Außer Atmen. Aufmerksame und konzentrierte Gesichter, die sich verziehen, wenn ich von den toten Schmetterlingen berichte. Ein befreites Lachen, als von Carola Schachmanns gebrauchtem Kaugummi die Rede ist. Bei den Antworten Getuschel. Dabei habe ich keine Ahnung, ob das, was ich sage, überhaupt von Belang ist, ob nicht zu kompliziert, zu simpel, zu ausufernd, zu wenig erklärend, ob hauptsächlich nur zugehört wird, weil das Prinzip Schule ja maßgeblich auf Zuhören fusst.


Egal. Irgendwann sind zwei von drei Schulstundenlesungen geschafft. Ich lege eine Pause im Lehrerzimmer ein. Ein ehemals mystischer Ort vermutlich. Heute kann ich dort entspannen. Es gibt Gespräche über die Definition von einer Kurzgeschichte, über das Ende vom Zitronenfalterfilm, darüber, wie eine Problemlösung für Vincent aussehen könnte. Außerdem Ananas am Spieß. So eine Pause ist tückisch. Fühlt sie sich doch wie Feierabend an. Dabei ist noch nichts endgültig geschafft.

Der Abschluss des Tages gehört einer zehnten Klasse. Aus diesem Grund auch andere Texte. Retusche. Anschließend eine Diskussion über Schönheitsideale, ich argumentiere dabei leider pädagogischer als beabsichtigt. Jemand erzählt von Barbie und dass wenn Barbie ein echter Mensch wäre, in diesem Körper nicht alle Organe Platz fänden. Ich spreche von Fehlern, zu denen man stehen muss (siehe auch: der Anfang von Lesungen) und merke dabei, wie dies exakt das Thema von Was ich liebe ist. Das wollte ich ja eigentlich nie mehr lesen. Zu heftig, zu kraftlos habe ich mich nach der ersten und einzigen Lesung gefühlt. Hier aber wird Was ich liebe gewünscht.

Ich sage: „Die Geschichte beginnt harmlos, bleibt aber nicht so.“ So kommt es auch. Danach promptes Getuschel. Um sicher zu gehen fragt jemand nach, ob er das Ende auch richtig verstanden hat. Hat er. Erneutes Tuscheln. Aus dem Getuschel schälen sich Meinungen und Fragen, ein Vergleich zum Ende von Das Parfüm wird gezogen, die zwingende Logik des 5-D-Sehens besprochen und die Frage beantwortet, weshalb Logik nicht alles sein kann. Das werden Mathelehrer nicht gern hören, aber ehrlich, von nichts bin ich gerade weiter entfernt als von Zahlen.

Dann ist 12:30 Uhr. Es klingelt. Vor der Tür wartet schon ungeduldig die Oberstufe, um den Raum belegen zu können. Zwei Bücher werden in die Schulbibliothek überführt. In der Eingangshalle werden Vorbereitungen für den Schulfasching getroffen, im Lehrerzimmer Diktate korrigiert. Übermorgen wird es Zeugnisse geben, ein neues Schulhalbjahr wird anbrechen.

Gelesen: Der Zitronenfalter soll sein Maul halten, Carola Schachmann springt auf Tische, Der Zitronenfalter soll sein Maul halten, Außer Atmen, Retusche, Was ich liebe

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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