Lesereise (15). Leipzig. Ich will.

Kein Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Leipzig, Café Stein, Theater Fact, 15./16. März 2012

(Dieser Text wäre ohne Wie soll ich schreiben? von Katharina Luger nicht entstanden.)

Ich will nach Leipzig auf die Buchmesse fahren.
Ich will dort Freunde treffen.
Ich will dort nicht aus Ausschau halten nach Tigern lesen.
Aber ich will dort lesen.
Ich will ganz wichtig Kontakte knüpfen, ich will mein Netzwerk erweitern, ich will BusinessBusiness.
Ich will mit meiner Bahncard keine Bonuspunkte sammeln, mit denen ich mir nach hundert Fahrten ein Käsebrett Natur, einen Standby-Killer oder ein Linien-Laser Quigo bestellen kann.
Ich will den Kopf gegen die Scheibe lehnen, während im Sonnenuntergang die Chemiefabriken von Leuna an mir vorbeiziehen und dabei einen Einfall bekommen, der Grundlage wird für einen übernächsten Roman, aus dem ich auf fünf Veranstaltungen der Leipziger Buchmesse 2014 lesen werde.
Ich will, dass niemals wesentlich mehr als 500.000 Menschen in Leipzig leben.
Ich will, dass das nächste sächsische Tatortteam mal nicht in Leipzig ermittelt.
Ich will jetzt ein Brötchen mit Mett.

Ich will ins Café Stein.
Ich will dort aus der iPhone-App snippy lesen.
Ich will Kopfhörer tragen und darüber die Stimme der Vorlesenden so hören, als würden die Vorlesenden direkt in meine Ohren flüstern.
Ich will die Lautstärke am Funkempfänger nicht auf zehn drehen.
Ich will mich für Technik begeistern.
Ich will über die Zukunft nachdenken.
Ich will mich für die Zukunft interessieren.
Ich will mich für die Zukunft begeistern.
Ich will ein Futureboy sein.
Ich will, dass es immer Bücher zum Anfassen gibt.
Ich will aber auch alle Vorteile von digital.
Ich will, dass Leute nicht glauben, es gäbe ein Recht auf kostenlos.
Ich will nicht, dass jemand die Begriffe Urheberrecht und Verwertungsrecht in manipulativen Zusammenhängen benutzt.
Ich will, dass alle Menschen immer Zugang zu allen Formen von Geschichten und Informationen haben, ohne jede Einschränkung.
Ich will von etwas leben können.

Ich will, dass aus Bestehendem Neues geschaffen wird.
Ich will Remixe, Adaptionen, Mashups, Kollagen, ein Fortspinnen, ein Übernehmen, ein Weiterdenken.
Ich will keine Paragedichte.
Ich will nicht, dass Remixe, Adaptionen, Mashups, Kollagen, ein Fortspinnen, ein Übernehmen, ein Weiterdenken als Vorwand für „kostenlos“ benutzt.
Ich will endlich mal Antworten auf die dringenden Fragen des 21. Jahrhunderts.
Ich will eine Antwort, die alle Seiten zufriedenstellt.
Ich will etwas, dass es niemals geben wird.

Ich will während der MDR-Liveschalte die Liveschalte mit einer spektakulären, aber nicht unsympathischen Aktion stören.
Ich will eine Geschichte über das Gipfeltreffen in Heiligendamm vorlesen.
Ich will mir lieber etwas vorstellen, als es nacherzählen.
Ich will jedem Wort Gewicht beimessen, ohne dabei prätentiös zu klingen.
Ich will garantiert kein prätentiöser Literat sein, der seine Schrullen mit viel Sorgfalt kultiviert und darum eine Aura baut, von der er glaubt, sie wäre eigen, wobei sie maximal eigenartig ist, meistens jedoch nur borniert.
Ich will kein Entertainer sein, der performt.
Ich will niemandem genau das geben, was er erwartet.
Ich will gern wissen, was andere erwarten.
Ich will kurz vor Ende einer Langen Lesenacht keinen Eintritt mehr zahlen müssen.
Ich will mich nie daran gewöhnen, Rotwein zu trinken, der in kleinen Glaskaraffen gereicht wird.
Ich will, dass die Karl-Liebknecht-Straße mehrere zehn Kilometer lang ist, besonders spät in der Nacht.

Ich will mal nicht erst irgendwann am Mittag auf dem Buchmessegelände aufkreuzen.
Ich will endlich mal einen Text über die Buchmesse Leipzig schreiben, ohne über Cosplay zu schreiben.
Ich will diesmal kein Foto von der grünen Treppe machen.
Ich will unter keinen Umständen Martin Walser auf dem Blauen Sofa sehen.
Ich will keine Lederwaren auf der Buchmesse Leipzig kaufen können.
Ich will keine Hörbücher.
Ich will nicht nur bei den bekannten Namen stehenbleiben.
Ich will Nischen.
Aber nur manchmal.
Ich will eine weitere Diskussion über den Einbruch des Digitalen ins alltägliche Leben.
Ich will jede Menge Diagramme und Buzzwörter.
Ich will Mahner, Visionäre, Kulturpessimisten.
Ich will keine Krimis, besonders keine Regionalkrimis.
Ich will zu den Leuten draußen in der Sonne.
Ja, danke, ich will eine Probeexemplar der westfälischen Occupy-Zeitung Okkupierer.
Ich will ein Magnum Infinity Chocolate.
Ich will keinen frisch gepressten Orangensaft für fünf Euro.
Ich will noch immer die Juri-Gagarin-Tragetasche von der Buchmesse 2011.
Ich will jetzt ein Paar Ersatzfüße.

Ich will ins Theater Fact.
Ich will in einem Raum lesen, der mit Zeitungspapier tapeziert ist.
Ich will ein eigenes Mikrophon.
Ich will, dass der Tontechniker auf das Feedbackpfeifen reagiert.
Ich will einen Text über die Loveparade lesen.
Ich will et statt ampersand sagen.
Ich will lieber etwas nacherzählen, als mir etwas vorstellen.
Ich will mich nicht wundern, wenn in einem anderen Text an diesem Abend eine abwesende weibliche Figur den gleichen Namen wie eine abwesende weibliche Figur in meiner Geschichte trägt.
Ich will nach der Lesung schnell nach Lindenau.
Ich will nicht beim verspäteten Erscheinen, dass die Tür so entsetzlich aufmerksamkeitsheischend knarrt.
Ich will wissen, was ein Fichtekranz ist.
Ich will mir kein belegtes Brötchen aus dem Backstagebereich borgen.
Nein, ich will eigentlich noch nicht weiter.
Ich will kein Großraumtaxi fahren.
Ich will, dass die Discokugel sich dreht.
Ich will eine Nacht wie diese.

Ich will jetzt heim.

(Ich will nicht, dass der Titel dieses Textes mit Rammstein in Verbindung gebracht wird.)


Gelesen: Heiligendamm, /watch?v=Rle9aVknnzb&

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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