Letztens war ich Urheber. Verwerter. Verwender.

Letztens war ich Urheber.
Ich habe einen Roman geschrieben. Ich habe sehr viele Stunden damit verbracht. Manchmal war ich voller Euphorie, manchmal frustriert, meistens aber war das Schreiben einfach Arbeit. Ich nutzte dabei auch die Werke anderer. Für einige Szenen nahm ich die Atmosphäre von The Virgin Suicides zum Vorbild, im Text verwies ich auf Superman, während des Schreibens hörte ich viel Musik. Eines Tages fand ich einen Verlag für mein Manuskript. Ich war froh, weil sich so die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass meine Geschichte gelesen werden konnte. Ich war froh, weil der Verlag sich um Lektorat, Satz, Öffentlichkeitsarbeit, Vertrieb und die Organisation von Lesungen kümmerte, weil er das weitaus besser konnte als ich und ich dadurch Zeit hatte, anderes zu tun. Schreiben beispielsweise. Ich war überrascht, wie viele Menschen in wie vielen Bereichen notwendig waren, um aus dem Manuskript ein Buch zu machen. Ich bin niemals davon ausgegangen, dass sich Kultur anhand ökonomischer Kriterien bewerten lässt.

Letztens war ich Verwerter.
Ich habe für die Verbreitung von Inhalten gesorgt. Ich half, einen Film ins Kino zu bringen und veröffentlichte die CD meiner Band. Wir bezahlten, um Musik in einem Studio aufzunehmen, wir ließen CDs pressen und wir spielten Konzerte, auf denen wir die CD anboten. Nach einem dieser Konzerte kamen drei. „Wir kaufen euch eine CD ab und brennen die dann untereinander“ sagten sie und fügten überschwänglich hinzu, dass ihnen unsere Musik sehr gefallen hätte. Ich freute mich, weil ich es wunderbar fand, dass unsere Lieder so gehört werden konnten. Ich ärgerte mich, weil nicht jeder der Drei für etwas bezahlte, in dem unser Herzblut, unsere Zeit und unser Geld steckte.

Vor etlichen Jahren drehten wir eine kurze Doku über Klezmermusik und brachten einige wenige DVDs in Umlauf. Wir haben erfahren, dass diese Doku sehr beliebt ist und innerhalb einer bestimmten Szene stark kopiert wurde. Wir haben damit keinen Cent verdient, was im Grunde genommen okay ist, weil die Kurzdoku niemals als kommerzielles Projekt geplant war. Als wir uns entschlossen, unseren langen Dokumentarfilm über Klezmermusik, an dem wir vier Jahre gearbeitet hatten, ins Kino zu bringen, mussten wir überlegen, wie sich das bewerkstelligen lässt. Wir mussten ganz anders denken als wir als Filmmacher gedacht hatten. Wir mussten beispielsweise überlegen, ob die Filmlänge nicht Kinos davon abhalten würde, ihn zu aufzuführen. Wir mussten ökonomisch(er) denken und die ökonomischen Schlussfolgerungen mit unseren künstlerischen Absichten in Einklang bringen. Manchmal gab es da keine Differenzen, manchmal schon. Wir hoffen, dass einige Menschen, die sich damals die Kurzdoku kopiert haben, heute für den Kinobesuch oder die DVD des langen Dokumentarfilms bezahlen werden.

Letztens war ich Verwender.
Ich habe Kultur genutzt, nicht immer im Einklang mit den Gesetzen. Ich habe Lieder aus dem Radio aufgenommen, später CDs auf Kassetten kopiert, noch später Mix-CDs für Freunde zusammengestellt. Ich habe mich geärgert, wenn ich Musikvideos wegen eines Streites zwischen zwei Interessengruppen im Internet nicht sehen konnte. Ich befürchte, eines Tages für ein Zitat, für einen falsch gesetzten Link, für ein markenrechtlich geschütztes Wort auf meiner Homepage abgemahnt zu werden. Ich will nicht, dass das Weitergeben von Kultur als Anlass genommen wird, einen Überwachungsmechanismus einzuführen, der Freiheiten einschränkt. Denn ich habe weiterhin vor, Freunde für Filme/Serien/Lieder/Bücher zu begeistern und diese mit ihnen zu teilen. Ich habe weiterhin vor, jemanden die erste Staffelbox von Seinfeld leihen, in der Hoffnung, er würde dann die restlichen acht Staffeln auch sehen wollen. Ich leihe oft Bücher aus und leihe mir selbst Bücher von anderen. Überhaupt ist die Mehrzahl der von mir gelesenen Bücher nicht gekauft. Dafür bezahle ich eine Kulturflatrate. Sie heißt Bibliothek.

Letztens war ich an der Debatte über das Urheberrecht interessiert.
Ich habe viele Texte dazu gelesen. Einige Texte waren überraschend und reflektierten sachlich, von solchen Texten konnte ich lernen. Oft aber waren in den Texten die eigenen Standpunkte mit Stacheldraht abgesteckt. Es wurde gehasst. Kreative wurden gehasst. Ihnen wurde gesagt, dass niemand sie gebeten hätte, kreativ zu sein. Erfolgreichen Künstlern wurde aufgrund ihres Erfolges das Recht zur Meinungsäußerung abgesprochen, nicht erfolgreichen Künstlern wurde ihre Erfolglosigkeit vorgeworfen, eben, weil der Markt sich gegen deren Kunst entschieden hätte. Verwerter wurden gehasst und als geldgierige, kulturzerstörende Contentmafia bezeichnet. In solchen Texten wurde gern einen Satz später der Begriff „Raubkopie“ als polemisches Wort der Gegenseite gebrandmarkt. Sehr oft wurde die GEMA gehasst, nahezu immer wurde dabei die mittlerweile widerlegte Geschichte von den Kindergärten und den Noten als Beweis für die Niederträchtigkeit von Verwertungsgesellschaften angeführt.

In anderen Texten hassten Künstler das Internet. Autoren hassten ihre Leser. Worte wie Geizgeilheit und Umsonstmentalität fielen. Die Vernichtung von Lebensgrundlagen, die Zerstörung der Kultur, der Gesellschaft wurde heraufbeschworen. Ich las viele Definitionen vom geistigen Eigentum und Urheberrecht. Schwere Geschütze wurden aufgefahren, besonders gegen die Piraten. Wurden die Piraten nicht gehasst, wurden sie verlacht.

Ich las aber auch von Buy-Out-Verträgen im Zeitungswesen, von Autoren, die viel zu geringe Anteile an eBook-Verkäufen erhielten, von Filmproduktionsfirmen, die ihre Gewinne kleinrechneten, um so weniger an Künstler zahlen zu müssen, von Bands, die allein von ihren Shirtverkäufen leben können, von denen die Plattenfirmen auch nochmal mehrstellige Prozentbeträge bekommen. Ich las das Kleingedruckte von manchen Texten und stellte fest, welcher Interessenverband für den Text verantwortlich war. Interessenverbände sind nicht schlimm. Jeder braucht jemanden, der seine Interessen vertritt. Nur wurde in manchen Texten im Namen des Urheberrechts für das Verwertungsrecht gesprochen, während in anderen Texten tiefe Gräben zwischen Verwertern und Urheber gezogen wurden. Solche Texte hatten den meisten Schaum vor dem Mund.

Ich hatte die Wahl, mit verschiedenen Kampagnen zu sympathisieren. Mit Autoren, Künstlern, Vertretern der Verwerter, Bürgern, Konsumenten. Ich hätte sie alle unterschreiben müssen. Ich unterschrieb keine.

Letztens habe ich gedacht:
Ich will eigentlich nur, dass sich Ideen, Informationen, Meinungen, Geschichten ohne Begrenzungen verbreiten, so dass sie andere auf Ideen bringen, dass aufgebaut wird auf Bekanntem, dass Bekanntes genutzt wird, um Neues, Aufregendes, Wichtiges, Gutes zu schaffen. Und ich will, dass diejenigen, von denen die Ideen stammen, mit Respekt behandelt werden, dass diejenigen davon auch leben können. Ich dachte: Es müsste mehr Lösungsvorschläge geben. Ich dachte: Ich müsste mehr machen, als nur meine Standpunkte aufschreiben. Ich müsste die Lösungsvorschläge, die es schon gibt, leben. Als Urheber. Als Verwerter. Als Verwender.

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(Ungeordnet Hinweisen zu Texten, von denen ich gelernt habe, die mich maßlos geärgert haben, die Vorurteile bestätigten oder ausräumten.)

Die fünf größten Irrtümer im Urheberrechtsstreit
Mein Plattenladen heißt Herunterladen
Bei Kathrin Passig
Offener Brief an die Contentindustrie
Liebe Piraten: Fickt euch. Aber nicht mich.
Copyright-Debatte: Mein Euter gehört mit
Alternative Einkommensmodelle in der Diskussion
Du bist kreativ? Mein Beileid.
Schluss mit dem Hass
Zankapfel Urheberrecht: Der ungelöste Grundwiderspruch der Piraten
Wir sind – ohne mich
Wir müssen über Geld reden
Unendliche Geschichte Urheberrecht. Vom Orchideenfach zum gesellschaftlichen Reizthema
The Future of a completely decentralized P2P-Network
Warum das aktuelle Urheberrecht den Urhebern nichts nützt – und wer sie wirklich ausplündert
Die Enteignung der Wirklichkeit
Wer den Apfel küsst
Schneiden wir den Kuchen neu an
Das Internet sorgt für mehr Künstler, mehr Musik und mehr Filme
Wieder ein Erfolgs-Autor, der sagt, Filesharing sei Marketing für Buchverkäufe
Sven Regener auf BR3
Sven Regener, du erzählst Unsinn, und ich erklär dir, warum
Gedanken über Künstler und die Digitalkopie
Das bedingungslose Grundeinkommen ist ultraliberal und sozial
Eure Psychologisierung kotzt mich an
Sie unterschreiben Erklärungen und offene Briefe, denn sie wissen nicht, dass sie bloggen könnten.
Nachtrag
Linksammlung Urheberrecht

(Alle hier verwendeten Bilder stammen von der Ausstellung „Hier und Weg“ von Sandy Craus.)

4 Gedanken zu “Letztens war ich Urheber. Verwerter. Verwender.

  1. Klasse Artikel zu den verschiedenen Sichtweisen zur Urheberrechtsdebatte! Und vielen Dank für die zahlreichen Links und das Verlinken zu meinem Blog.

  2. Wie schön, hier zwischen allen Fronten noch jemand zu treffen, die nicht daneben steht, sondern Verständnis für jede Seite hat – aber trotzdem findet, dass alle zusammen etwas übersehen. Ja, ich bin auch überzeugt, dass diese verhärteten Positionen verhindern, dass wir kreativ eine neue Regelung entwickeln, die genau das ermöglicht, was du formulierst und was ohnehin jeder vernünftige Mensch will.

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