Was für ein Drama.

[Dieser Text ist in der RP Plus erschienen und auch hier zu finden.]

Am Sonntag wurden in den USA die Emmys für die besten Serien vergeben. Viele der Favoriten wie „Mad Man“ oder „Homeland“ gehören zu einer neuen Art von Fernsehen: Die komplexen Serien haben sich fest etabliert. Der Weg dorthin war lang – ein Überblick.

Es gibt Musik, Bücher oder Filme, die zur kulturellen Grundausstattung des modernen Menschen gehören. Doch mittlerweile existiert ein ebensolcher Kanon auch von Fernsehserien. Dazu gehören „The Sopranos“, „The Wire“ oder „Lost“, Serien, über die sich wie über die großen Klassiker der Kulturgeschichte diskutieren lässt.

Da steht Don Draper („Mad Men“) ebenbürtig neben Jay Gatsby, Walter White („Breaking Bad“) übt die gleiche Faszination wie „Taxi Driver“ Travis Bickle aus und die Dialoge in „West Wing“ haben eine ähnliche Musikalität wie „Sgt. Pepper“. Denn auch wenn die komplexen Serien eine noch vergleichsweise junge Erscheinung in der Geschichte des Fernsehens sind, haben sie die Sehgewohnheiten verändert.

Von Seifenopern, Sitcoms und Krimiserien

Über viele Jahrzehnte hinweg wurden Serien von zwei Formaten dominiert. Auf der einen Seite Sitcoms und Krimiserien, die in Episoden erzählten, sich nicht aufeinander bezogen und in denen sich die Figuren auch nicht weiterentwickelten. Stattdessen wurden nach jeder Folge alle Ereignisse zurück auf Null gesetzt.

Dem gegenüber standen die Seifenopern, die von einer ständigen Veränderung lebten, dabei aber einfach erzählten und mit Stereotypen agierten, weshalb es möglich war, trotz fortschreitender Handlung jederzeit der Geschichte zu folgen. In den 70er Jahren bildete sich mit „Roots“ oder „Reich und Arm“ ein drittes Format heraus. Diese Mini-Serien basierten oft auf Romanen und erzählten deshalb eine fortlaufende Handlung, die aber aus nur wenigen Folgen bestand.

Später kamen einige Mischformen dazu. „Dallas“ oder „Denver Clan“ bedienten sich bestimmter Mechanismen der Seifenopern, wurden aber bewusst für das Abendprogramm konzipiert und dementsprechend hochwertiger produziert. Zudem sorgte „Dallas“ mit der Frage „Wer erschoss J.R.?“ für einen der bekanntesten Cliffhanger und etablierte ein wichtiges Stilmittel, das viele Serienformate übernehmen sollten.

In den 80er Jahren versuchten „Polizeirevier Hill Street“, „Chefarzt Dr. Westphall“ oder „Die besten Jahre“ vielschichtiger zu erzählen und setzten damit wichtige Impulse. Auch in einer ansonsten traditionellen Krimiserie wie „Miami Vice“ wurde ein Handlungsbogen eingebaut, der sich über mehrere Staffeln erstreckte, während „Das Model und der Schnüffler“ schon selbstironisch über den eigenen Status als Fernsehserie reflektierte.

Die Geburt der komplexen Serie

Man kann sich streiten, ob es überhaupt so etwas wie eine Geburtsstunde für komplexe Serien gegeben hat oder ob nicht Serien wie „Dr. Who“, „Auf der Flucht“ oder die britische Agentenserie „Nummer 6“ (die viel von dem vorwegnahm, was „Lost“ 40 Jahre danach so erfolgreich machte) schon früh in diese Kategorie fielen. Doch erst „Twin Peaks“ wies Anfang der 90er Jahre viele der Merkmale auf, die komplexe Serien auszeichnet.

Hinter „Twin Peaks“ stand in David Lynch ein Schöpfer, der maßgeblich die Gestaltung der Serie bestimmte. In der Geschichte selbst verschmolzen verschiedene Genres wie Seifenoper, Krimi und (surrealistische) Mysteryelemente ineinander. Die Handlung war fortlaufend und auch nicht beendet, als das große Rätsel – Wer ermordete Laura Palmer? – aufgelöst wurde. Außerdem bot „Twin Peaks“ bewusst viele offene Interpretationsmöglichkeiten an, die von akribisch schauenden Fans mit eigenen Theorien gefüllt wurden, eine Methode, die auch „Lost“ oder „Buffy“ übernehmen sollten.

„Twin Peaks“ wurde nach nur zwei Staffeln abgesetzt. Trotzdem betraten kurz darauf gerade phantastische Serien erzählerisches Neuland. „Babylon 5“ entwarf von Beginn an einen über fünf Staffeln laufenden Handlungsbogen und wandte sich damit von dem bisherigen Monster-of-the-Week-Schema anderer Science-Fiction-Serien ab. Das Konzept erwies sich als erfolgreich und wurde von „Star Trek: Deep Space 9“ übernommen.

„Akte X“ wiederum kombinierte beide Varianten. Es gab sowohl die Fälle, die Mulder und Scully innerhalb einer Episode zu klären hatten, wie auch ein serienumfassendes Geheimnis, an dessen Entschlüsselung permanent geforscht wurde. Der sogenannte Mythology Arc beschrieb die Gesetze, nach denen das Serienuniversum funktioniert. Besonders in Mysteryserien wie „Fringe“ oder „Heros“ stellte dieses Konzept das eigentlich Faszinierende für die Zuschauer dar.

Der Aufstieg des Pay-TVs

Der entscheidenden Veränderung der Serienformate ging eine Veränderung der Fernsehlandschaft voraus. Im amerikanischen Markt gibt es neben den großen, landesweit ausgestrahlten Networks wie ABC, NBC oder FOX auch kleinere Pay-TV- Sender. Diese hatten sich lange Zeit darauf spezialisiert, Kinofilme nach der Ausstrahlung schnell im Fernsehen zu zeigen. Doch nachdem immer mehr solcher Sender gegründet wurden und sich durch digitale Videorekorder, DVDs und das Internet die Sehgewohnheiten wandelten, mussten die Pay-Sender neue Alleinstellungsmerkmale finden.

Das geschah durch Serien. Vorreiter war HBO mit den 1999 gestarteten „The Sopranos“. Die Erzählung über das Leben eines Mafiabosses in New Jersey beschränkte sich nicht auf die typischen Eigenarten einer Gangstergeschichte, sondern rückte die Beziehungen innerhalb der Familie in den Mittelpunkt und bot zudem zahlreiche psychologische und selbstreflexive Elemente.

„The Sopranos“ war in dieser Form nur im Pay-TV möglich. Während die großen Networks der Aufsicht einer Behörde unterworfen waren (und sind), die penibel die Einhaltung von „Anstands“-Regeln überwachte, konnten Pay-TV-Sender wie HBO, Showtime oder AMC frei von Zensurbestimmungen eine drastische Sprache verwenden und Gewalt- und Sexszenen senden.

Neben den „Sopranos“ machten das Westernepos „Deadwood“, das Serienkillerporträt „Dexter“ oder „The L-Word“ davon reichlich Gebrauch. Zudem finanzierte sich das Pay-TV aus den Einnahmen ihrer Zuschauer und musste deshalb keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Werbekunden nehmen. Damit waren Quoten (größtenteils) irrelevant. Stattdessen galt es, mit Serien eine eigene Marke aufzubauen und Nischen zu besetzen. Ein Massenpublikum musste nicht zwangsläufig erreicht werden, was Spielraum gab für experimentelle Erzählformen.

Mehr als Kinofilme

Oft werden komplexe Serien mit Kinofilmen verglichen. Während im Kino aber nur die Entwicklung einiger weniger Figuren verfolgt werden kann, bleibt in Serien Platz für ein weitaus größeres Ensemble, das mehr Konflikte über einen weitaus längeren Zeitraum austragen und damit in die Tiefe gehen kann. In dieser Hinsicht unerreicht ist die Polizeiserie „The Wire“, die in fünf Staffeln über 80 Figuren auftreten ließ. In komplexen Serien laufen zahlreiche Geschichten über lange Zeit nebeneinander und greifen mit ihren verschiedenen Charakteren unterschiedliche Themen auf.

So entsteht ein komplexes Geflecht aus Wechselwirkungen, das sich aufeinander bezieht, kommentiert, Gegenpositionen einnimmt und damit dem Zuschauer viele Perspektiven anbietet. Dabei muss das Erzähltempo nicht zwangsläufig so schnell wie in der Echtzeitaction „24“ sein. Gerade Serien wie „Mad Men“ leben von einer gerade provozierend langsam erzählten und vordergründig ereignislosen Geschichte. Die Faszination besteht darin, die Gesellschaft der 60er Jahre mit den Wertvorstellungen von heute zu vergleichen.

Komplexe Serien sind in vielerlei Hinsicht neue Wege gegangen. Ebenso wie „24“ bricht „In Treatment“ die Zeitstruktur in Fernsehformaten auf. Jede Episode von „In Treatment“ stellt eine Therapiestunde dar, wobei der Ausstrahlungstermin identisch zur Serienzeit ist. Komplexe Serien haben ein Gedächtnis und reflektieren die eigene Wahrnehmung. So sind Imitationen von „Der Pate“ Bestandteil der „Sopranos“, die Figur Hurley nimmt in „Lost“ immer wieder die Rolle des Zuschauers ein und wirft Fragen auf, welche die anderen Charaktere niemals stellen würden.

Zudem werden oft kontroverse Themen behandelt; Krebs („The Big C“), Polygamie („Big Love“) oder die Folgen des Kriegs gegen den Terror („Homeland“, „Battlestar Galactica“). „Six Feet Under“ spielt in einem Bestattungsunternehmen und macht den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod zum Zentrum seiner Geschichte.

Der Zuschauer als Senderchef

In vielen komplexen Serien gibt es Sonderepisoden, die sich vom herkömmlichen Sendeschema lösen; Folgen, die im Dokustil gedreht sind, Musicalfolgen, Folgen, die aus der Sicht nur einer Person erzählen. Ein herausragendes Beispiel war die West-Wing-Episode „Isaac and Ishmael“, die am 3. Oktober 2001 ausgestrahlt wurde und sich als erstes fiktives Fernsehformat mit 9/11 auseinandersetzte. Dabei nahm sie schon viele spätere Diskussionspunkte vorweg.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für den Erfolg komplexer Serien ist das Auflösen des Konzepts Fernsehen durch Internet und DVD-Boxen. Zwar bestimmt ein Sender mit der Erstausstrahlung nach wie vor den ersten Sendetermin. Danach aber kann jeder Zuschauer, legal oder illegal, frei einen eigenen Rhythmus wählen. Oft werden Serien nicht aktuell gesehen, sondern staffel- oder sogar serienweise. In Deutschland wurde diesen neuen Sehgewohnheiten Rechnung getragen, indem RTL 2 jeweils eine komplette Staffel von „The Walking Dead“ und „Game of Thrones“ an einem Wochenende zeigte.

Auf einer geheimnisvollen Insel, im Weißen Haus

„Lost“ und „The West Wing“ sind zwei Beispiele für erfolgreiche komplexe Serien, die nicht von einem Pay-TV-Sender produziert sind. „Lost“ nutzt innovative Erzählstrukturen wie Rück- und Vorblenden, alternative Handlungsbögen oder Perspektivenwechsel. Aus der anfänglichen Robinsonade entwickelt sich so eine Mystery/Science-Fiction-Serie, die mit Elementen der Dramaserie versetzt ist. Dabei wird geschickt die Balance zwischen den verschiedenen Genres gehalten und ist auch dadurch für ein größeres Publikum interessant.

„Lost“ thematisiert in besonderer Weise den eigenen Erzählkosmos. Den Zuschauern werden über die einzelnen Episoden hinaus zahlreiche Informationen angeboten, welche die Mechanismen der Welt, in der die Serie spielt, offenlegen. Zwischen den Staffeln wurde die Geschichte mit eigens dafür gedrehten Szenen im Internet weitergesponnen, Webseiten von fiktiven Firmen wurden erstellt, sogar ein Roman, der in der Serie erwähnt wurde, erschien kurz danach als reale Version. Damit wurde den Zuschauern das Gefühl gegeben, wichtiger Teil des Schaffungsprozesses der Serie zu sein.

In „West Wing“ wirft Autor Aaron Sorkin (der später für „The Social Network“ den Oscar erhielt) einen Blick hinter die Kulissen des Weißen Haus. Die Serie besteht nahezu ausschließlich aus Dialogen, in denen politische Themen wie Verfassungsrecht, Todesstrafe oder Waffenbesitz verhandelt werden. „West Wing“ lief parallel zu Amtszeit von George W. Bush und bot eine eine alternative Geschichtsschreibung an, die den Anspruch hatte, ein möglichst vollständiges Panorama der Politik zu entwerfen. Die Serie prägte das Bild amerikanischer Politik und wirkte in gewisser Weise auf tatsächliche Ereignisse wie die Wahl von Barack Obama ein.

Erfolg und Misserfolg

Doch nicht allen komplexen Serien gelingt es, Teil des Serienkanons zu werden. Sie werden vorzeitig abgesetzt. Gründe dafür gibt es viele; manche sind zu komplex („Carnivàle“), entsprechen nicht den Sehgewohnheiten („Rubicon“), scheitern an zu geringen Einschaltquoten (wie das aus Deutschland stammende „Im Angesicht des Verbrechens“) oder sind dem Druck, als Nachfolger anderer Erfolgsformate konzipiert zu sein, nicht gewachsen („Luck“, „Flash Forward“).

Denn eine Serie birgt ein finanzielles Risiko, da Episoden mehrere Millionen Dollar kosten, Pilotfilme teilweise das Drei-oder Vierfache. Die Investitionen rechnen sich erst bei mehrmaliger Ausstrahlung, bei einem weltweiten Erfolg, bei mehreren Staffeln, bei entsprechend verkauften DVD-Boxen.

Während bei episodischen Serien wie „C.S.I.“ oder Sitcoms wie „How I Meet Your Mother“ ein Einstieg jederzeit möglich ist, fordern komplexe Serie durchgehende Aufmerksamkeit und damit Disziplin vom Zuschauer. Keine Episode darf ausgelassen werden. Zwar ist es nicht mehr unbedingt nötig, dass alle Zuschauer von Anfang an dabei sind, weil durch die veränderten Bezugsmöglichkeiten Serien oft erst im Nachhinein gesehen werden können. Trotzdem braucht ein Sender Anhaltspunkte, ob eine Produktion auf Interesse stößt und entscheidet sichim Zweifel gegen eine Fortführung, auch wenn eine Geschichte noch nicht zu Ende gebracht ist.

Die Gegenwart der komplexen Serien

Aktuell zeichnen sich drei große Trends bei komplexen Serien ab. Einige besetzen bestimmte Genres: „Game of Thrones“ spielt in einem Fantasy/Mittelalter-Setting, „Boardwalk Empire“ in der Zeit der Prohibition, „The Walking Dead“ orientiert sich am (Zombie)Endzeitdrama. Andere Serien verschmelzen bewährte Konzepte.

So mischt „Homeland“ die Echtzeitspannung von „24“ mit dem Kriegsheimkehrdrama, „Boss“ die systemhafte Struktur von „The Wire“ mit dem Gangstertum in „The Sopranos“, und „Newsroom“ das politische Sendungsbewusstsein von „West Wing“ mit einem Blick hinter Fernsehkulissen wie in „30 Rock“ oder „Studio 60 On The Sunset Strip“. Darüber hinaus werden alte Serien unter veränderten Vorzeichen neu aufgelegt. „Girls“ adaptiert das Prinzip von „Sex And The City“ für ein alternativeres Publikum, „Hells On Wheel“ das Westerndrama „Deadwood“.

Heute ist die Serienlandschaft zersplittert. In nahezu jedem Genre gibt es Formate unterschiedlichster Komplexität. Selbst im komödiantischen Bereich existieren mit „Curb Your Enthusiasm“ oder „Louie“ Serien, welche die konventionellen Erzählmuster längst hinter sich gelassen haben.

So hat sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts ein Publikum gefunden, welches gewisse Erwartungen an Vielschichtigkeit und Qualität stellt. Ein Standard wurde geschaffen, der bedient und weiterentwickelt wird. Die komplexen Serien haben ihren festen Platz im Fernsehen und auch darüber hinaus erobert.

Dazu auch: „The Wire. Der Hauptdarsteller ist das System.“ – Interview

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