Django Unchained. Ist ja irre – Blutfontänen aus bösen Rassistenkörpern.

Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten, über Filme zu schreiben. Man kann sie beurteilen und über die bloße Meinungsäußerung hinaus erläutern, mit welchen Mitteln der Film arbeitet. Oder man beschreibt – unabhängig von der Qualität – was der Film erzählt, was für Bilder er verwendet, wie diese wirken. Nach dieser Methode steht Hobgoblins 2 gleichberechtigt neben Vertigo oder in diesem Fall, steht Django Unchained gleichberechtigt neben Pulp Fiction.

[Spoiler]
Was ich sehe. Ich sehe einen smarten, wortgewandten Kopfgeldjäger, der einem Sklaven die Freiheit schenkt und schließlich eine Partnerschaft mit ihm eingeht. Der Kopfgeldjäger ist in nahezu jeder Sekunde der Aktivere, der Präsentere des Duos. Dieses Verhältnis dreht sich erst am Ende. Erst mit dem Tod des Kopfgeldjägers wird Django wahrhaftig entfesselt.

Ich sehe Weiße, die bis auf ein, zwei Ausnahmen sadistisch oder idiotisch sind, oftmals beides. Ich sehe Schwarze, die bis auf ein, zwei Ausnahmen unterwürfig sind, denen keine Persönlichkeit zugeschrieben wird und die deshalb Objekte bleiben, welche in Fußketten dem Horizont entgegenlaufen oder in Herrschaftshäusern Saucieren reichen.

Am Anfang des Films sehe ich viele Sekunden lang Steine, über die nach vielen Sekunden eine knallrote Schrifttype geblendet wird. Ich sehe Steine und wenn ich daran denke, was ich sonst in Tarantinofilmen sehe, sind Steine möglicherweise inhaltlich begründet, aber optisch denkbar unspektakulär. Überhaupt sehe ich nur wenig spektakuläre Bilder. Wobei: vielleicht ist spektakulär das falsche Wort. Vielleicht sollte es vielmehr heißen: Bilder, aus denen Finesse spricht.

Bilder mit Finesse: Das Bild, in dem der deutsche Kopfgeldjäger von der Siegfried-Brunhilde-Sage erzählt und er nur die eine Hälfte der Leinwand ausfüllt, während die andere Hälfte ein Felsen ist, an dem der Zuschauer die Bilder, die im Kopf entstehen, während von der Sage erzählt wird, malen kann. Natürlich das rote Blut der Plantagenbesitzer auf weißen Baumwollpflanzen. Der wackelnde Backenzahn auf dem Zahnarztmobil des Kopfgeldjägers. Candys Phrenologielehrstunde.

Ansonsten sehe ich weniger Finesse, sondern erstaunlich oft eine gewisse Schludrigkeit. Wenn Django und Schultz eine Partnerschaft eingehen „bis der Schnee schmilzt“ und das nächste Bild eine schneefreie Landschaft ist und das übernächste Bild doch wieder eine schneebedeckte Landschaft. Wenn im „Cleopatra Club“ eine Replik der Büste der Nofretete steht, die erst 50 Jahre später gefunden werden wird.

Ich sehe wenig Finesse, wenn Django der großen Liebe seines Lebens nach dem ersten Wiedersehen ein bemühtes „Hey Little Trouble Maker“ hinwirft und am Ende auch, woraufhin sie ihm antwortet: „Hey Big Trouble Maker“. Da bleibt eine Diskrepanz zwischen Behauptung (Django=saucooler Hund) und tatsächlich Gezeigtem, gerade weil Django nicht unbedingt als Trouble Maker in Erscheinung getreten ist bzw. erst kurz zuvor.

Stattdessen sehe ich in King Schultz eine Figur, die mehr 2/3 des Films dominiert. Die in jeder Sekunde allen Anderen überlegen ist, schneller tötet, weiter denkt und sich letztlich auch moralischer verhält. Und zudem noch unterhaltsam ist, schräg könnte man sagen.

Wobei diese Schrägheit in jeder Sekunde so überdeutlich ausgestellt wird – dieses permanente Verwenden von bewusst unüblichen Synonymen – dass alle sonstigen Ereignisse nur genutzt werden, um dieser Schrägheit eine Bühne zu bieten. So müssen die anderen (weißen) Figuren zwangsläufig auch ein hohes Potential von Schrägheit aufweisen, um mit King Schultz mithalten zu können. Alles (Rassismus z.B., Gewalt) wird Bühne für diese Schrägheit, eine Posse entsteht, eine Art Südstaaten-Ist ja irre.

Jedenfalls aber drängt Schultz die titelgebende Figur an den Rand, lässt ihr kaum Raum, ein eigenes Profil zu entwickeln. Was durchaus problematisch ist, weil es ja Django Unchained heißt und nicht King Schultz Unchained.

Was ich aber sehe, ist Samuel L. Jackson, der als Leonardo DiCaprios Hausdiener Stephen seinem „Master“ in jedem bestätigt, ihm sogar bestimmte „böse“ Gedanken erst eingibt und damit als einzige Figur tatsächlich eine Ambivalenz aufweist jenseits der strikten Rassist/Nichtrassist Trennung.

Und da denke ich: Anstatt Blutfontänen, die aus bösen Rassistenkörpern schießen und damit genauso gerechtfertigt sind wie Blutfontänen aus Nazikörpern oder Zombiekörpern, weil Rassisten und Nazis und Zombies nichts mehr Menschliches in sich tragen und deshalb reduziert sind auf das ultimative Böse und es vielleicht notwendig ist, das ultimativ Böse mit einem filmischen Amoklauf auszutreiben, der aber, wenn man zwei, drei Minuten darüber nachdenkt, nicht mehr zurücklässt als „Die Schweine haben’s verdient“, anstatt all den Pirouetten, mit denen gockelhafte Charaktere voreinander umherstolzieren, anstatt der langen, langen 165 Minuten, da hätte ich vielleicht doch lieber Stephen Unchained gesehen.

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