Vom Unterschied zwischen spazieren gehen mit Fotoapparat und spazieren gehen ohne Fotoapparat.

Watt

Ist man in der Fremde, ergeben sich einige Möglichkeiten, das unbekannte Land zu erkunden: mit dem Auto, mit dem Fahrrad, zu Fuß, wandernd, spazieren gehend, joggend, mit einer Landkarte, mit einem Reiseführer, mit einem Fremdenführer, in einer Reisegruppe. Jede dieser Möglichkeiten ändert das Bild, das sich von der Fremde ergibt.

Auf Sylt bin ich größtenteils auf zwei Arten unterwegs: fotografierend oder spazieren gehend. Beide Arten sind verschieden. Vor jedem Verlassen des Appartements muss ich eine Entscheidung treffen, wie ich mich fortbewege möchte.

sepia

Eigentlich meint spazieren zu gehen, vertraute Pfade in erholsamer Absicht zu beschreiten. Ein Gang als reines Vergnügen, meistens nicht lang geht es doch darum, bekannte Wegpunkte abzuschreiten und dabei den Körper keiner besonderen Anstrengung auszusetzen. Im Unterschied dazu bedeutet wandern, ein fremdes Gebiet zu erschließen. Es gilt, sich vorzubereiten und Überraschungen zu minimieren; eine Karte weist den Weg, Proviant sorgt dem Hunger vor, Kleidung schützt vor widrigem Wetter. Der Gang hat ein klares Ziel: eine Strecke muss geschafft werden. Wandern ist Erholung als Sport, besser noch Pflicht.

Heide

Wenn ich auf Sylt unterwegs bin, habe ich schon vor, Orte zu zu erschließen. Ich möchte Beobachtungen machen, mir Auffälligkeiten einprägen, Stimmungen einfangen und bestenfalls verstehen, warum ein Ort so ist und nur hier in genau dieser Form existieren kann. Dafür ist es notwendig, einen Ort mehrmals zu besuchen, um Annahmen zu überprüfen – oder besser noch – zu widerlegen.

Ich setze ein Ziel und folge dann der Strecke. Nur geht es mehr darum, intuitiv auf die Umgebung zu reagieren. Zu beobachten, eigentlich ohne Absicht, dem spektakulären Hindernis ebensoviel Aufmerksamkeit zu schenken wie dem unscheinbarsten Busch am Wegesrand. Gedanken sollen forttreiben, sich ablenken lassen, irgendwo verfangen, verfliegen, um Platz zu schaffen für Neues, Altes in Erinnerungen rufen. Bestenfalls resultiert daraus eine Idee, ein Satz, ein Abschnitt, ein Plot, den ich irgendwann irgendwie verwenden kann.

Wind

Verlasse ich das Appartement hingegen mit dem Fotoapparat, habe ich eine andere Zielsetzung: ich möchte Bilder machen. Also scanne ich die Umgebung nach interessanten Motiven. Was ich wahrnehme, wird allein daran gemessen, ob es sich gut durch den Sucher anschauen lässt, ob dabei ein Foto entsteht, ob es lohnt, das Gesehene auf externen Festplatten als Backup abzuspeichern. Gedanken ergeben sich dabei selten, weil kaum Zeit bleibt zwischen dem permanenten Abgleichen der Realität mit der Option, diese unmittelbar auf einen Speicherchip zu bannen.

Was nach einem solchen Gang bleibt, sind dreißig vierzig siebzig Fotos und davon fünf brauchbare. Diese dokumentieren auf ewig die Zeitspanne des »Unterwegs sein«, halten für alle Interessierten unmissverständlich fest, was ich sah, wie ich die Welt betrachtete und manchmal auch, wie ich dabei empfand.

Boot

Beim Gehen hingegen gibt es keine Unmittelbarkeit. Nur Ahnungen, die sich verflüchtigen, wenn ich sie nicht sofort festhalte. Bestenfalls lagert sich die Wahrnehmung ab, in Schichten vielleicht, die ich manchmal nach Monaten oder Jahren freilegen und wieder aufrufen kann und somit nutzbar mache in Worten.

Was besser ist von beiden? Seltsame Frage. Das Fotografieren schafft einen unmittelbaren Gewinn. Es ist einfach, weil man nur reagieren muss und das Reagieren sich darauf beschränkt: Bildausschnitt? Vordergrund scharf? Welche Blende? Befriedigung stellt sich ein, weil ich glaube, etwas geschafft zu haben, was im Grunde keinerlei Anstrengung erfordert.

Hafen

Das Gehen aber erfüllt seinen Zweck, wenn danach ein Satz aufgeschrieben wird. Oder ich lang genug unterwegs war, um den Kopf frei zu räumen und mich dadurch Ängsten und Sackgassen entledige, wenn ich gewissermaßen auf eine Ebene gelange, die entschlackt. Das geschieht selten. Ein körperliches Bedürfnis, danach zu streben, ist vorhanden und brennend.

So überlege ich meistens genau, wie ich das unbekannte Land erkunden möchte, wenn ich das Appartement verlasse.

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