Ein Abend in der Sansibar.

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Am Abend verlassen wir die Komfortzone. Wir fahren über Rantum hinaus bis nach Wassertal, dort, wo der Loran steht, ein zweihundert Meter hoher Sendemast in der Heide, von den Amerikanern im Kalten Krieg aufgestellt und heute ohne kriegsentscheidende Funktion. Hier ist die Insel so schmal, dass sich von leicht erhöhter Position sowohl das Wattenmeer wie auch die Nordsee sehen lässt. Ein Wind weht, nicht so heftig wie gestern, als ein Sturm ausgerufen war. Bei Sturm wird der Autozug geschlossen, der die Autos vom Festland per Zug über den Hindenburgdamm nach Sylt bringt. Vor Jahren kennzeichnete ein Fahrer seinen LKW als beladen. Nur war der Wagen mit Styroporplatten bepackt, weshalb der LKW vom Zug und der Fahrer ins Wasser geweht wurde. Seit diesem tödlichen Unfall bleibt also der Autozug bei Sturm geschlossen.

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Heute ist kein Sturm, sondern eine frische Brise, die über den Strandhafer fegt und die Flaggen mit dem Mercedeslogo straff zieht. Ein Shuttle könnte uns die hundert Meter vom Parkplatz bis zum Lokal bringen. Doch wir fahren direkt bis an die Sansibar heran, da der Poller, der tagsüber die Einfahrt versperrt, in den Abendstunden abgesenkt wird. Die Sansibar liegt in den Dünen wie ein gestrandeter Babybutt. Natürlich strahlt sie, denn wo Dunkelheit herrscht, ist jedes Licht gleißend wie eine kleine Supernova. Auf dem Spielplatz toben noch Kinder, auf der Terrasse kuscheln sich deren Eltern in Decken. Das Meer rauscht, ganz nah, ein paar Holztreppenstufen hinab ist man schon am Strand, der dank des Sturms gestern halb so breit wie an windstillen Tagen ist.

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Die Sansibar ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Nein, das stimmt so nicht. Einige Plätze sind frei, weil reserviert. Reserviert für uns. Gleich am Eingang befindet sich die Theke. Dort steht der Sansibarbesitzer Herbert Seckler. Er grüßt, schüttelt Hände, bedeutet Mitarbeiterinnen, uns zu den für uns vorgesehenem Tisch zu führen. Wir werden geführt, an den Gästen vorbei, die eng beieinandersitzen, zumeist in mittelgroßen Gruppen. Auf vielen Tischen kühlen Weinflaschen in Eiskübeln. Die Wände des Eingangsbereichs sind mit Zeichnungen von Udo Lindenberg behangen, »Stark wie Zwei« steht da und »Alles klar Sansibar«.

Ansonsten fällt auf, wie niedrig die Sansibar ist, wie klein sie vielleicht erscheint. Jedes Sansibar-Merchandising-Outlet muss eine größere Grundfläche haben als das Zentrum des, wie unser Gastgeber sagt, wichtigsten Restaurants Sylts, des Nordens, von ganz Deutschland. Seitdem Gunter Sachs die abgebrannte Imbissbude zum In-Lokal erklärte, ist die Prominenz hier Stammgast. Man flüstert Namen wie Jogi Löw, Guido Westerwelle, Günther Jauch. Der Chef von AirBerlin, für die das Sansibar das Bordmenü kreiert, hat seinen mit einer Goldplakette verzierten Sitzplatz.

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Trotzdem oder gerade deshalb wirkt das Sansibar bestenfalls rustikal. Eine Bretterbude in den Dünen, ein Wintergarten aus viel Holz. Hinter dem Glas das Meer. Und seltsam: wenn man die Geschichte des Lokals nicht kennt, all den Wirbel und Aufriss, dann erscheint es nicht weiter bemerkenswert, dass man Freitag Abend in einem Lokal einen Tisch bekommt. Ansonsten aber müsste man sich so fühlen, als wäre dies ein, nein, das ultimative Erlebnis eines Syltaufenthalts sein.

Wir sitzen an einem Ecktisch, können von hier aus auf den Spielplatz und das Wasser blicken. Unsere Jacken hängen wir über die Stuhllehnen, legen die Stoffserviette vom Teller neben das Besteckset, kommen an. Ein Kellner erscheint, der wie alle Bediensteten Freizeitkleidung trägt – Poloshirt, Hose, kein Anzeichen von festlicher Bekleidung. Mein Jackett erscheint mir schon overdressed. Dabei müssen die anwesenden Gäste ihre in Daunenjacken gekleidete Lässigkeit teuer erkauft haben.

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Wasser wird gebracht, die spritzige »Sylt-Quelle«, gefördert aus einer Bohrung nur wenige hundert Meter von der Sansibar entfernt, die über Rohre zum Rantum-Becken geleitet wird und dort bei Bedarf in drei unterschiedlichen Varianten (classic, medium, still) abgefüllt wird. Nach Wein wird gefragt, Weiß oder doch vielleicht Rot? Wir entscheiden, nach der Entscheidung für die Speisen über den Wein zu entscheiden.

Die Speisekarte hat etwa hundert Seiten im A3-Format und wiegt ein Kilo. Drei Seiten gehören den Gerichten, der Rest den Weinen. Australisches oder amerikanisches Beef, Burger, Kaviar, Currywurst, Desserts und viel Fisch natürlich. Wir entscheiden uns für Babybutt aus der Nordsee im Ganzen, Fischpfanne, Knoblauchspaghetti mit Robiola, Lachsforelle mit Ofenkartoffel und Lammcarré auf Pfefferbohnen. Zuvor werden verschiedene Krautsalate gereicht, bei denen sich jeder bei Bedarf bedienen kann. Das äußere Besteck kann dafür genutzt werden. Weißwein wird eingeschenkt.

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Etwa eine halbe Stunde sitzen wir zusammen, als plötzlich die Lautsprecher knacken und »Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt« erklingt. Ein Ritual, wie wir erfahren, das bei jedem Sonnenuntergang stattfindet. Und tatsächlich geht die Sonne unter, vor unseren Augen, hinter den Dünen, in der aufgescheuchten Nordsee staunen wir, mit Krautsalat im Mund.

Klugerweise essen wir nicht auf, sondern warten auf den Hauptgang. Der Fisch kommt. Der Butt passt kaum auf die gigantischen Teller. Die Ofenkartoffeln sind extra. Man schneidet sie auf und gibt Schnittlauchquark darüber, der gleich darauf zerläuft. Das Carré schwimmt in einer scharfen Pfeffersauce. Ein beängstigender Gedanke: hundert Menschen in unterschiedlichen Funktionen sorgen dafür, dass der Teller genau so angerichtet vor mir auf dem Tisch steht, wie er jetzt steht. Das nicht wertzuschätzen, erscheint fehl am Platz.

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Während wir essen, wird beständig Wein nachgeschenkt, werden neue Mineralwasserflaschen gebracht. Die Lautstärke nimmt zu, unser Hunger ab. Als die Hälfte des Fischs gegessen ist, stülpen Bedienstete einen zweiten Teller über den Essteller, drehen das Arrangement in einer schnellen Bewegung und stellen den Teller zurück auf den Tisch. Der Fisch ist gewendet. So kann nun von der anderen Fischseite gegessen werden. Irgendwann sind wir fertig, Reste vom Filet bleiben zurück.

Die obligatorischen Scherze über das Völlegefühl werden gemacht. Da bringt der Kellner schon unaufgefordert eine gusseiserne Pfanne mit Kaiserschmarrn, dazu Schüsseln mit Apfelmus, Sahne, Heidelbeermus und Vanilleeis, jeweils mit einem Backup. Den Schmarrn komplett zu schaffen erweist sich als unmöglich, weshalb der größere Teil in eine schwarze Sansibartragetasche verpackt wird, auf dem das Logo von AirBerlin prangt.

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Uns wird eine Führung durch den Weinkeller angeboten, die wir gern annehmen. Dazu laufen wir hinter der Theke vorbei an den Tellerwäschern die Treppe zum Keller hinunter. Hunderttausend Flaschen werden jedes Jahr umgeschlagen, eine bedeutsame Menge lagert in Außenstellen auf der Insel, weil es sich von dort aus besser wegtransportieren lässt. Wir erfahren, dass die Sansibar im Laufe der Jahre zum jetzigen Zustand erweitert wurde. Gern würde man noch weiter anbauen, aber die Behörden, die in Husum sitzen, verweigern sich dem. Das Haus ist nicht komplett unterkellert. Dafür ist hier jeder Zentimeter genutzt, toten Raum gibt es in der Sansibar nicht. Über den Weinbestand urteilen verschiedene Zungen, Entscheidungen für oder gegen eine Sorte werden aus Gründen von Geschmack und Verkaufbarkeit gefällt. Zu wissen, dass ein unachtsamer Moment des Stolperns im Weinkeller die eigene Privatinsolvenz bedeuten könnte, trägt nicht zur Entspannung bei.

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Als wir den Weinkeller verlassen, verlassen wir auch die Sansibar. Wieder werden uns Hände geschüttelt. Draußen ist Nacht. Der Wind hat angezogen, die Lichter scheinen noch heller. Auf dem Parkplatz warten etliche Großraumtaxis auf Gäste, die nach und nach aus den Dünen tropfen. Wir fahren zurück, die leere Straße bis Rantum, eine schwarze Sansibartragetasche mit Kaiserschmarrn auf dem Rücksitz.

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Sansibar

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