Lesereise (16). Bamberg. Im Liveticker.

Lesungstagebuch: »Ausschau halten nach Tigern«

˜Im Regen

Bamberg, Bamberg liest, Kontakt Festival, 25. Mai 2013

11:37 Uhr
Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
wer lange sitzt, muss rosten.
Den allerschönsten Sonnenschein
lässt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
der fahrenden Scholaren.
Ich will zur schönen Sommerszeit
ins Land der Franken fahren,
valeri, valera, valeri, valera,
ins Land der Franken fahren!

15:07 Uhr
Der allerschönste Sonnenschein ist dann doch Regen. Was natürlich keine Rechtfertigung ist, über Wetter zu schreiben.

16:13 Uhr

Weltkulturerbe schauen. Später hören, dass die Gärtnerstadt allmählich verschwindet. Stattdessen: der übliche Prozess der Gentrifizierung.

16:52 Uhr
An der Regnitz entlang. Unter Brückenpfeilern Zusammenrottungen. In der Ferne das Hallenbad sehen, wo die Lesung stattgefunden hätte, wenn heute 2012 wäre.

17:01 Uhr
Ankunft am JuZe. Geruch von Soja und Waffeln in der Luft. In der Lounge Loungemusik und gepolsterte Sitzgelegenheiten. Versinke vorerst darin.

˜

17:53 Uhr
Besichtigung des Veranstaltungsorts. Ein Saal, viele Stühle. Die Lesebühne ist vor der eigentlichen Bühne aufgebaut. Ein schmaler Sockel mit Sessel und rosa Kissen und einem Tisch, auf dem Vasen mit selbstgepflückten Blumen platziert sind.

18:01 Uhr
Sitzprobe. Beine unterschlagen oder vorbeugen oder anlehnen? Jede Sitzhaltung produziert ein bestimmtes Bild. Welchem will ich heute entsprechen?

18:13 Uhr
Letzte Vorbereitungen. Fühle mich entspannt. Würde Béla Réthy den Abend kommentieren, würde er von einem Mentalitätsmonster sprechen. Der Himmel reißt auf, ZuschauerInnen füllen den Saal. Martin baut einen Rekorder auf. Ich entscheide mich, mich beim Lesen relaxt zurücklehnen zu wollen.

18:17 Uhr
Martin moderiert mich an. Mit derart wohlwollenden Worten, dass ich erröte. Was keine Metapher ist. Mein linkes Bein beginnt nervös zu wippen. Entscheide mich spontan, heute im Stehen zu lesen.

18:40 Uhr
Martin beendet sein überwältigenden Einstieg und bittet mich vor. Ich entscheide, heute gar nicht zu lesen. Erklimme dennoch irgendwie die Bühne vor der Bühne, ohne dabei Tisch mit Blume umzuwerfen. Rücke das Mikro in Stimmbandnähe, kuschle mich ins rosa Kissen. Fühle mich wie ein Vorhängeschloss an der Kettenbrücke.

˜

18:41 Uhr
Entscheide spontan, die Beine unterschlagen. Glücklicherweise letztens erst neue Schuhe gekauft.

18:46 Uhr
Beende Einstiegsmonolog. Beginne zu lesen. Was wollte ich gleich lesen?

18:49 Uhr
Erstes Gelächter bei der Stelle mit der Krankenkasse. Entspanne erstmals seit 18:13 Uhr. Zumindest minimal.

18:59 Uhr
Springbreak lesen. Wie immer die Frage: ist das ein lustiger Text oder eher erschütternd? Heute offenbar Letzteres.

19:03 Uhr
Bemerke vorn, in der ersten Sitzreihe von mir aus rechts gesehen, Bewegungen. Werde gezeichnet. Bleistiftspitze schabt über Papier, später schält sich daraus ein Porträt.

gemalt

19:16 Uhr
Entschuldige die Stille in den Pausen zwischen den Texten. Stille ist aber wichtig. Gerade bei Lesungen. Nur eben schwer auszuhalten.

19:17 Uhr
Ein neuer Text. Es braucht ja sowieso 20+ Lesungen, um überhaupt den Ansatz eines Gefühls für einen Text entwickeln zu können. Aber irgendwann muss man damit beginnen. Warum nicht heute?

19:19 Uhr
Sage Hashtag, wo # geschrieben steht.

19:23 Uhr
Großes Gelächter bei »hat ihren Beziehungsstatus auf Es ist kompliziert gesetzt.« Bin erleichtert. Ist offensichtlich der allerbeste Text, den ich jemals geschrieben habe und schreiben werde.

19:29 Uhr

Kurze Konfusion. Ist jetzt schon Schluss? Die Veranstalter sind eigentlich längst nervös, weil im Verzug. Andererseits: fühle mich okay soweit. In der zweiten Reihe hebt Martin den Daumen. Alles super? Oder: noch eine Geschichte?

19:30 Uhr
Noch eine Geschichte. Die Einführung dazu ist länger als die Geschichte selbst. Aber ebenso wichtig wie die Geschichte ist die Geschichte zwischen den Geschichten.

19:40 Uhr
Ende. Bekomme eine Flasche Rotwein überreicht. Das Publikum wird vom Moderator vor die Wahl zwischen einer Filmrolle mit experimentellen Kurzfilmen oder einem Vortrag über den Kampf gegen die Turbobildung gestellt.

19:45 Uhr
Nach Händeschütteln und Schulterklopfern finde ich mich in der Lounge wieder, wo der Vortrag über den Kampf gegen die Turbobildung gehalten wird. Bin ich dagegen. Habe aber auch Hunger.

19:49 Uhr
Bekomme einen Veggiburger ausgegeben. Denke: Wenn ich schon nicht übers Wetter schreibe, dann zumindest übers Essen.

20:28 Uhr
Nach Gesprächen über Speckwasser, Bierdoktorväter, Thereminen und Gentrifizierung unterwegs zum Private Viewing.

˜

20:41 Uhr
Ritter kämpfen gegeneinander. Offensichtlich eine Metapher. Nur für was? Auch Bela Rethy weiß nicht weiter. Was er aber weiß: »Alles ist gesagt«.

60. Minute
Mandzukic

65. Minute
Gündogan

89. Minute
Robben

22:55 Uhr
Angela Merkel umarmt Bastian Schweinsteiger.

Nachspielzeit

In der Innenstadt, irgendwann nachts. Keine Dunkelheit. Eher Horden junger Männer unterwegs, größtenteils glücklich trunken.

Nahe des Marktes High Five mit einem Unbekannten.

Im Schaufenster entdeckt: Das eigene Buch.

Verirrt in den Gassen beim Dom. Regen setzt ein, durchnässt den Stadtplan.

Mit letzter Kraft die Entscheidung, den Eintrag ins Lesetagebuch als Liveticker zu verfassen. Singe das Frankenlied.

schaufenster 2


Gelesen: Pennen bei Glufke, Springbreak Europe, Katzenvideos schauen mit Jan-Philipp, Sie haben jetzt Kinder

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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