Wir werden hier sein im Sonnenschein und im Schatten.

Symbolfoto Überwachung

Was wäre, wenn Bücher und Filme alle Geschichten davon schon erzählt hätten?

Die Geschichte, wie ich unter ständiger Beobachtung stehe. Wie aufgezeichnet wird, was ich wo wann mit wem tue. Wie in Echtzeit abgeglichen und durch Algorithmen auf Verdächtiges untersucht werden kann, was ich liebe, glaube, hasse, fürchte, begehre. Und wie ich keine Kontrolle habe, wer wann wie über diese Informationen verfügt.

Die Geschichte, wie ich dem niemals mehr entkommen werde. Denn was ich besitze, ist smart oder wird smart sein – mein Telefon, mein Fernseher, mein Kühlschrank, mein Navigationssystem, meine Kreditkarten, meine Tageszeitung, meine körperfunktionenmessende Armbanduhr. Weil alles, was mich umgibt, smart sein wird, wird aufgezeichnet werden, was ich liebe, glaube, hasse, fürchte, begehre.

Die Geschichte, dass meine Unschuld nicht mehr vorausgesetzt wird. Nein. Weil die Unschuldsvermutung nicht länger mehr gilt, werde ich präventiv überwacht. Muster werden festgestellt, daraus mein zukünftiges Handeln abgeleitet und gegebenenfalls präventiv eingegriffen. Im besten Fall bekomme ich bei Amazon schlechte Bücher empfohlen. Wie ein schlimmster Fall aussehen könnte, darüber hat Philip K. Dick geschrieben.

Die Geschichte der Konzerne. Für sie gibt es kein gut, kein schlecht. Für sie gibt es Jahresabschlüsse. Das ist kein Vorwurf. Es ist das Ziel von Konzernen, Gewinne zu maximieren. Diese Konzerne analysieren mein Kaufverhalten und ahnen Produkte voraus, die mich interessieren könnten. Sie analysieren mein Informationsbeschaffungsverhalten und sortieren Informationen für mich vor. Was mich interessiert, was mich nicht interessiert – wie von selbst wird mein Blick auf die Welt zensiert sein.

Auch werden diese Konzerne die gewonnenen Informationen gezielt verwenden; die Krankenkassen, Kreditanstalten, die Versicherungen, die potentiellen Arbeitgeber. Je mehr Daten sie besitzen, desto mehr können sie verwenden. Für sich in erster Linie, gleich, ob für oder gegen mich.

Die Geschichte des Staates. Er soll mich schützen. Dafür hat er Institutionen geschaffen. Diese Institutionen sammeln Informationen, um mögliche Gefahren für den Staat und damit für mich abzuwehren. Denn ich gehöre zu diesem Staat.

Doch solange diese Institutionen nicht alles über mich wissen, kann auch ich eine mögliche Gefahr sein. Um die Wahrscheinlichkeit so gering wie möglich zu halten, brauchen sie alle Informationen. Über mich. Die potentielle Gefahr. Niemand kann unschuldig sein, solange nicht alles über ihn bekannt ist.

Die Geschichte, wie der Staat meine Rechte schützen soll. Die Geschichte, wie der Staat das Superrecht Sicherheit über meine anderen Rechte stellt und damit meine anderen Rechte egalisiert, mich egalisiert.

Die Geschichte der Generation, die gerade beginnt zu kommunizieren. Wie für sie Überwachung keine abstrakte Bedrohung, keine Fantasie aus Filmen, aus Büchern mehr ist, sondern Realität. Sie werden es nie anders kennen: alles, was sie lieben, glauben, hassen, fürchten, begehren, wird gespeichert werden. Sie werden keine Kontrolle haben, wer diese Informationen wie nutzen wird.

Die Geschichte der Privatsphäre. Wie jeder diese für sich selbst definieren muss. Ob der eigene Name schon privat ist, ein Foto des Gesichts, welche Musik ich mag, was ich zu Mittag esse, mit welchen Menschen ich Umgang habe, die Koordinaten meines Lebens. Davon, wie ich nicht entscheiden kann, ob andere meine Definition akzeptieren. Davon, wie der Begriff „Privatssphäre“ zu etwas Historischem wird.

Die Geschichte der Mehrheit. All jener, die lieber Schilder hochhalten, auf denen das Wort »Veggieday« durchgestrichen ist. Die sagen, wer bei Facebook ist, trage selbst Schuld. Die sagen, wenn auch nur ein Anschlag verhindert wird, rechtfertigte dies jede Überwachung. Die sagen, dass, wer nichts zu verbergen habe, auch Überwachung nicht fürchten müsse. Die sagen, wenn der Staat Festplatten der Zeitungen zerstören, dann sollen die Zeitungen eben nicht über so etwas berichten. Die sagen, wir können sowieso nichts dagegen tun.

Angenommen, all diese Geschichten einer Dystopie wären schon geschehen: Was würde als nächstes passieren? Würde etwas passieren?

Advertisements

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s