Berlin Festival 2013. Der Unterschied zwischen Feuer und Licht.

  Berlin Festival - Dillon

Angenommen, eine gigantische Kuppel würde sich über das Berlin-Festival stülpen. Vielleicht genau dann, wenn Damon Albarn „Beetlebum“ singt, an der Stelle von „Because you’re young“. Unter dieser Kuppel wäre dieses Festival festgehalten, mit all seinen Menschen, seiner Musik, seinen kleinen Dramen, Widersprüchen und Glücksmomenten. Was geschieht, wäre dreifach, vierfach intensiver, das Großartige ebenso wie das Banale. Wie wäre das dann?

Berlin Festival

Zuerst einmal das Gelände. Berlin Tempelhof. Ausrangierte Flugzeugtypen. Angestrahlte Fassaden. In den Hangars die Bühnen. Überall Buden, die verkaufen, was das Zeug hält. Die Dienstleistungsunternehmen, die hier die Möglichkeit haben, direkt mit der Zielgruppe zu kommunizieren. Die Katzenmasken verschenken und 30 Tage freien Internetzugang. Lauter gutgemeinte Angebote, die der interessierte Festivalbesucher nutzen kann, wenn im Zeitplan gerade drei Minuten Pause bleiben oder Fritz Kalkbrenner auflegt.

Die Festivalbesucher. Eher urbane Gestalten, die, so ist das Festival angelegt, nicht zelten werden, sondern per Fahrrad oder U-Bahn am frühen Abend eintrudeln, optimal oder bewusst weniger optimal gestylt sind, schaulaufen, schnattern, sich treffen, abhängen, konsumieren, oftmals auch Musik.

Berlin Festival - Pet Shop Boys

Ein Festival ist keine Sache einer Generation mehr, sondern für alle Altersgruppen gedacht. Die ältesten Menschen in Berlin müssten Neil Tennant und Chris Lowe sein. Die Pet Shop Boys. Ein Mann steht unbeweglich hinter einem magisch angestrahlten Keyboard, der Andere im schwarzen Stachelkostüm singt mit minimaler Gestik. Dieser statische Zustand wird egalisiert durch zwei ekstatisch herumwirbelnde Tänzer mit Stiermasken über den Gesichtern. Dazu Projektionen, deren Wirkung das Wort »spektakulär« nur unzureichend wiedergeben würde. In einigen Momenten setzt das Playback aus, interessanterweise stets dann, wenn die Show allzu sehr ins Pathetische zu kippen droht. Für einen Augenblick droht die gesamte Inszenierung in sich zusammenzufallen.

Berlin Festival - Pet Shop Boys

Glücklicherweise weiß die Band seit dreißig Jahren Bescheid. Über Pop und Perfektion. Jeder Ton der bekannten Lieder ist Kulturgut und wird entsprechend gefeiert. Die Zeile »I’ve got the brains, you’ve got the looks, let’s make lots of money«, das Hundebellen in »Suburbia«, der Schlussakkord von »It’s A Sin«. Höhepunkt ist das aktuelle »Vocal«, das geschickt den Bogen schlägt von den 80er über den Eurodance der 90er bis eben heute. Dazu tragen sie als Hüte Discokugeln. In denen bricht sich Licht. Gleichfalls spektakulär. Ein kollektives »Woohoo« entfährt dem Publikum, das sich dieses eigentlich für Blur aufgespart hatte.

Berlin Festival - Blur

Blur spielen danach und sind eine Generation jünger als die Pet Shop Boys. Und es ist fast schon ein Wunder, die Band in der Originalbesetzung zu erleben. Bei nahezu jedem Stück fällt auf, was für ein unglaublicher Gitarrist Graham Coxon doch ist. Immer wieder bricht er durch Störgeräusche in die Geschlossenheit von Damon Albarns musikalischer Welt und lässt so das Ideale etwas weniger abgeklärt und damit noch dramatischer wirken.

Berlin Festival - Blur

Albarn startet das Konzert gleich mal am Limit. »Girls And Boys«, Love in the 90’s was paranoid. Dazu entleert er Mineralwasserflasche um Mineralwasserflasche über den Fotografen im Fotograben. Euphemistisch könnte man sagen: Albarn bespritzt Pressevertreter. Einer der zahlreichen Engländer im Publikum sieht das anders. »He’s a prick« erklärt er den um ihn Stehenden.

Berlin Festival - Blur

Jedenfalls kommt Albarn im Laufe der nächsten neunzig Minuten zur Ruhe. Gerade bei den Stücken, die höchste Konzentration verlangen. Ebenso vielschichtig wie sphärisch, so dass das Bläserensemble und der Gospelchor genau richtig sind. »Tender«, »Trimm Trabb« »Out Of Time«, später das neue »Under The Westway«. Bei »Parklife« herrscht kurzzeitig eine angenehm überdrehte Britpopausgelassenheit. Ansonsten: Schönheit allerorten und Dankbarkeit für diese Rückkehr.

Berlin Festival - mbv

Auch My Bloody Valentine fallen in die Kategorie »Hätte nicht gedacht, dass die noch mal auftreten werden«. Als Erfinder des Shoegaze besteht nicht die zwingende Notwendigkeit, außer über Musik sonst wie mit dem Publikum kommunizieren zu müssen. Dafür kommuniziert das Publikum von sich aus und bejubelt jedes unsichere Aufschauen von Kevin Shields, der vor einer gigantischen Schrankwand aus Gitarrenamps steht. Weniger ist hier das Lied als der Klang wichtig. Sägend, leiernd, statt Earplugs glücklicherweise Rasenmäher in den Ohren. Gesang ist nur ein Effekt von vielen. Viele küssen bei mbv, lauter leise kleine Augen im Hurrikan.

Berlin Festival - Art Village

Während allen Konzerten schiebt sich ein Bierfass durch die Reihen. Ans Bierfass ist ein junger Mensch geschnallt. Der muss Bier verkaufen. Weil das Konzept ist: »Nicht der Kunde kommt zum Bier, sondern das Bier zum Kunden«, drängt das Fass durchs Publikum. Als Dampfwalze. Das Fass ruft »Was originell ist, ist gesponsert«. Wissend wird genickt. Denn tatsächlich: Eine Menge Besucher laufen mit selbst bemalten Katzenmasken herum. Geht man ins Art Village – eine Kuppel innerhalb der Kuppel – fällt neben den Illustratoren, der Tanzarena, den Poetry Slammern vor allem der weiße Katzenstand eines deutschen Schreibgeräteherstellers auf. Dort werden diese Katzenmasken verteilt, die mit den Schreibgeräten des Herstellers gleich vor Ort kreativ bemalt werden können. Wer keine Maske tragen will, trägt eine der kostenfrei verteilten babyblauen Sonnenbrillen, selbstverständlich mit entsprechendem Logo versehen. So werden die Logos spazieren geführt.

Berlin Festival - mia.

Mia. sind genauso eine Art Logo. Bei ihnen ist jedes Lied wie ein neues Level. Und jedes neues Level erfordert neue Gimmicks, um die Zuschauer bei Laune zu halten. Roadies in schwarzen Sturmmasken reichen Wasserpistolen, Steuerräder und Kapitänsmützen, bauen die Windmaschine auf, ein Laufband für den Bassisten, der später auf Stelzen über die Bühne stolziert. Vor der Bühne schießen Eifrige Daumenhoch-Fotos mit Mieze im Hintergrund.

Berlin Festival - Get Well Soon

Ellie Goulding hat als einzige Künstlerin des Abends momentan ein Album in den Top Ten. Ihr Sound besteht hauptsächlich aus Bass, der alles andere (Melodien, Beat, Refrain, Love etc.) niederwalzt. Tapfer hüpft sie dagegen an. Bei Get Well Soon hingegen ist Bass Wohlklang. Alles elegische Hymnen, an denen diesmal auch die famosen Dear Reader beteiligt sind. Stundenlang fallen lassen könnte man sich da, wenn der Boden nicht Stein wäre und der Zeitplan kein Zaudern verziehe.

Berlin Festival

Doch der Zeitplan ist notwendig und gut so, denn der funktioniert auf die Minute genau, weshalb nie ein Funken Frustration aufkommt. Nur: Man muss halt pünktlich sein. Man muss sich halt optimieren. Um ein Maximum an Eindrücken mitnehmen zu können, muss man hier und dort sein und immer genau dann, wenn etwas passiert. Fallen lassen wird zum Wagnis. Viel erfolgversprechender scheint, eine Handvoll Eindrücke von allem mitzunehmen. Nichts, was tief geht. Sondern hier ein Reiz, dort ein Laserstrahl, einen Refrain, den man mal gehört hat, ein Kostüm, das auffällt. Hauptsache weiter, schnell und immer unterwegs. Auf der Twitterwand werden in Echtzeit 140 Zeichen mit dem #Berlinfestival überlebensgroß sichtbar gemacht. Jeder kann so für Sekunden eine Momentaufnahme für 20000 Menschen sein.

casper

Reize setzt Casper. Gewohnt ärmellos hastet er über die Bühne, verheddert sich ab und an im Mikrokabel. Ganz anders als Damon Albarn verteilt er Mineralwasser galant und ist ansonsten für das obligatorische Festivalentertainment verantwortlich. Jungs, Mädchen, Arme hoch, nach links, alle brüllen, laut, springen hüpfen, jetzt alle, auch die ganz hinten, Hände, Hände, Hände. Und Mittelfinger. Berlin streckt auf Caspers Wunsch hin den Mittelfinger, auch die Kinder mit den neonfarbenen Gehörschutzkopfhörern auf den Schultern ihrer Eltern.

casper 2

Lauter gestreckte Mittelfinger, Generationen vereint in dieser Geste, von der nicht klar wird, gegen wen sie gerichtet ist. Gegen den Himmel, Krieg, die Kuppel, Berlin, die Fuckers, Pop, Rock, HipHop. Wichtig allein ist der Mittelfinger. Gestreckt. Am Nachmittag noch hat Casper unermüdlich Autogramme geschrieben. Die Schlange zu ihm war länger als die vor dem Dampfschweinstand.

Berlin Festival - Dillon

Dillon spielt im Hangar. Elektrochansons. Die erste Hälfte ihres Konzert ist Elektro, die zweite die Chansons. Die Mischung aus beidem macht Dillon so besonders. In den ersten Reihen werden selbst geklebte Discokugeln an Angeln gehalten. Bei »Tip Tapping« dirigiert Dillion die Zuhörer. Scheinbar stundenlang singen sie gemeinsam den Refrain. Als der Gesang kurzzeitig außer Takt gerät, kommt es zu Irritationen. Dillon winkt unwirsch ab, so, als habe sie beschlossen, das dies ist eben ein sehr schöner Moment war, den sie sich nicht kaputt machen lässt. Doch – und das ist das wirklich Schöne – gleich darauf fängt sich alles und jeder, Gesang und Beat, Zuhörer und Dillon selbst verschmelzen und werden zum Licht im Schwarzen.

Berlin Festival - Klaxons

Auch die Klaxons spielen im Hangar. Bei ihnen sind die Ordner besonders engagiert. Grimmig wuchten sie ihre Körpermassen auf die Absperrgitter und halten von dort aus Ausschau nach RaucherInnen. Entdecken sie welche, wird es etwas eklig. Die Ordner werfen ihre Taschenlampen an und leuchten den Rauchenden solange ins Gesicht, bis diese ihre Zigaretten ausmachen. Manchmal verlassen die Ordner dazu die Sicherheit des Fotograbens und gehen die Rauchenden direkt an. Sicherheitstechnisch nachvollziehbar, ist die Kuppel nirgendwo so sehr Nordkorea wie im Hangar bei der Security.

Berlin Festival - Björk

Vor einem Björkkonzert sind die Erwartungen zu Recht unermesslich. Und die Erwartungen werden schon vor Beginn eingelöst. Auf die Leinwand projiziert wird die Bitte, keine Fotos zu machen, sondern lieber den Moment zu erfahren als sich damit zu beschäftigen, den Moment für die eigene Facebookchronik festhalten zu wollen.

Berlin Festival - Björk

Aber dann: Björk und ein Chor aus zwölf Isländerinnen. Wie ein Chor aus einer griechischen Tragödie kommentiert dieser jede von Björks Handlungen. Und bewegt sich dazu, seltsam chaotisch wie gleichermaßen einer unsichtbaren Ordnung folgend. Dazu zucken Teslablitze im Beat, verschieben sich Erdplatten zu tiefsten Bässen. Björk trägt ein gelbes Kleid und einen gelben Stachelkopf, dessen Stacheln sie sich wohl von Neil Tennants Stachelkostüm am Tag zuvor geborgt haben muss. Björks Gesicht wird man also in der nächsten Stunden nicht sehen. Dafür einiges von »Homogenic« hören. Und »Homogenic« könnte Björk endlos spielen, hier unter der Kuppel, sicher der beste Soundtrack für eine Ewigkeit wie diese.

Berlin Festival - Art Village

Am Ende, bei »Declare Independence«, brüllen sich Björk, der Icelandic Female Choir und Publikum an. Ihr »Higher, Higher« klingt nun wie »Fire, Fire«. Und Feuer explodiert auf der Bühne. Und deutlich wird der Unterschied zwischen Licht und Feuer: Licht ist eine Erscheinung, Feuer eine Urgewalt. Heiß, gefährlich, unberechenbar. Ein Vulkan, ausgebrochen, potentiell tödlich, wunderschön. Was Musik eben sein sollte.

Berlin Festival - Savages

Was Musik sein sollte, zeigen Savages. Drei schwarzgekleidete Britinnen und eine Französin rotzen in den äußeren Hangar. Die Französin ist Jehnny Beth. Sie hat diesen beunruhigenden, unsteten Blick. Latent aggressiv nimmt sie beim Singen Kung-Fu-Stellungen ein. Jedes Lied ein Kampf. Kein Mittelfinger gegen irgendwas, sondern eine Faust für die Entfesselten.

Zuschauer rufen auf ihren Smartphones den wiki-Eintrag der Band auf, um augenblicklich Informationen über das Unerhörte zu erlangen. Denn es herrscht das Gefühl, dass hier etwas passiert, das im Businessplan nicht vorgesehen ist: Wut, Aggression, Hass, Selbstaufopferung. Am Ende eine zehnminütige Katharsis, welche den Geist von allem Abgekarteten reinigt. Beginnt mit einem Spoken-Word-Teil und leitet über in ein Mantra: »Don’t let the fuckers get you down«. Zehn Minuten »Don’t let the fuckers get you down« und was nur Reiz war, nur Licht, nur Emotion, füllt plötzlich alles aus und Musik ist, was Musik sein sollte: Kein Laser, keine Wasserpistole, kein »Alle Mädchen die Arme hoch« kann jemals dieses tiefgehende Gefühl erreichen. Ein quasi religiöser Moment nahe am Abgrund.

Berlin Festival - Art Village

Im krassen Gegensatz dazu der letzte Act des Abends: Fritz Kalkbrenner. Etwas bieder, ausgedehnte Monotonie, unendlich wiederholte »Castles in the sky and in the sand«. Dazu Ansagen wie »Ich bin fertig, ihr noch lange nicht«. Dreimal sagt Kalkbrenner »Macht’s gut«, bis er von der Bühne geht, genau dann, wenn Klopapier aus allen Rohren schießt.

Berlin Festival

Wäre nicht die Kuppel über dem Gelände, würden die Besucher jetzt mit den Shuttles in die Clubs zu den DJ-Sets fahren und bis zum nächsten Mittag da abgehen. Aber so bleiben wir unter der Kuppel: Die älteren Reunionbands, die mittelfingerzeigenden Kinder, die Jungs und Mädchen mit den selbst bemalten Katzenmasken, Savages mit ihrer dunklen Wut, die Bierfassmenschen, die Illustratoren, die Würstchenverkäufer, die Ordner.

Auf der Grünfläche des Tempelhofs lassen Menschen Drachen steigen und schauen erstaunt nach innen, in diese Welt, wie es sie genauso nur einmal gibt und doch immer wieder: der wunderbare, so vorhersehbare Mikrokosmos eines Festivals, mit all der Musik, dem Tanz, den Küssenden, den Gitarren, den Laptops, den Selfies vor den Stars, den Laserstrahlen, den Dampfschweinen und veganen Hot Dogs, den Twitterwalls und Promotionsbannern, den Generationen, vereint mit ihren Erwartungen, den gemachten Erfahrungen, den Erfahrungen, die hier zum ersten Mal gemacht werden, diesen seltenen Momenten, in denen das Unerwartete in die Inszenierung bricht, diesen einen Moment, in dem die Kuppel implodiert und einen schließlich freigibt für das nächste, was nun kommen sollte.

All die wunderbaren Fotos: Jörg Rom

Berlin Festival

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