Lesungstagebuch Henry Sy (5). Das Handy der Kanzlerin.

Plakate auf grüner Tür

Stadtbibliothek, Nordhausen, 24. Oktober 2013

Am Tag, als die Kanzlerin feststellt, dass die NSA womöglich doch ein Problem sein könnte, fahre ich nach Nordhausen. Daraus ergeben sich verschiedene Fragen. Warum ist dieser Tag nicht schon im Frühsommer? Wieso heißt eine Stadt, die in der Mitte Deutschlands liegt, NORDhausen? Und weshalb bin ich eigentlich nicht öfter in diesem Teil Thüringens?

Vielleicht ja, weil im Zug die Fahrt nach Nordhausen bis zu drei Stunden in Anspruch nehmen kann. Drei Stunden. So lange soll es einmal von München nach Berlin dauern, mit den superschnellen Siemensices und auf der superschnellen Trasse mit den dreißig Tunneln, vorausgesetzt natürlich, unterwegs gibt es keinen Stopp. Lieber Spitze als Breite, denn alles, was abseits des Großen liegt, muss schwer zu erreichen sein, ansonsten wäre die Spitze weniger exklusiv. Das ist im Transportwesen so, in der Gesellschaft, in der Literatur ohnehin.

polnischer Apfel vor Neubau

Aber: Zumindest bedeutet ein längerer Aufenthalt im Zug eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, Dinge zu erleben, die man sonst nur von Hörsagen kennen würde. Drei Badener zum Beispiel, die über Hochwasserschutz und den Vorteil von Umzugsfirmen sprechen und dass es bei Umzügen immer – desch isch ei Naturgesetz – regnet. Das klingt dann so, als ob drei Jogi Löws zugleich reden. Stellte man in diesem Moment verschiedene Dialekte nebeneinander, keiner würde einen längeren Schatten werfen als das Badisch-Alemannische.

In Regionalbahnen selbstverständlich auch Beziehungsdramen, lautstark ausgetragen. Er verschränkte Arme und kurz vor der Explosion den Blick starr aus dem Fenster gerichtet, sie wirft ihm vor, sich wie ein störrisches Kind zu verhalten und streitet den Facebookkontakt zu einem »Kumpel« aus Dresden energisch ab, während die Tochter plappernd über den Regionalbahnboden krabbelt. Eine Pointe für solche Geschichten gibt es nur in »Sach«büchern wie Senk ju vor träwelling. Im wirklichen Leben hingegen steigen die Hauptfiguren in Großkorbetha aus, ohne dass man erfahren würde, wer jetzt wen in Dresden betrogen hat.

Denkmal in Groß

Jedenfalls irgendwann Nordhausen. Die Einwohner hier heißen Nordhäuser und nicht Nordhausener. Früher war der Ort Zentrum der deutschen Kautabakproduktion. Es gibt ein Theater, eine Stadtmauer, eine Apfelskulptur der polnischen Partnerstadt, eine Straße, in der zwei Oppositionsparteien sowie die FDP ihre Büros haben, eine Menge historischer Gebäude, eine Menge Neubauten und Geschäfte, auf deren Glastüren mit Klebestreifen Plakate für die heute anstehende Lesung geklebt sind.

Plakate im Schaufenster

Auf diesem Plakat ist unter anderem auch ein Foto von mir zu sehen. Kurz überlege ich, mich in genau dieser Pose mit dem exakt ähnlichen Gesichtsausdruck danebenzustellen, so lange, bis Passanten erstaunt stehenbleiben und die Kopie mit dem Original vergleichen und beides nicht mehr voneinander unterscheiden vermögen. Glücklicherweise verwerfe ich den Gedanken als eventuell zu egozentrisch.

Dabei ist jede Lesung ein Stahlbad der Egozentrik. Einer sitzt vorn und liest aus seinen Texten, redet eine geschlagene Stunde ausdauernd am Stück über sich und seine Sicht auf die Welt und alles, was der Gast im Publikum sehen kann, ist der Eine. Ein Fest für die Generation Soziales Netzwerk und mindestens so ich-bezogen wie zehn Selfies. Dabei ist die Lesung älter als jedes Like.

Bücherei im Herbst

Ein Like auch grundsätzlich für alle Stadtbüchereien des Landes. Die in Nordhausen wird im nächsten Jahr in einen Betonbau nahe des Rolands umziehen. Bis dahin allerdings noch diese eine Lesung. Aufgebaut wird Leinwand, Beamer, Mikro, Lautsprechersystem, ein Tisch verhoben, das Netzwerkkabel gezogen. Gestern gab mir ein freundlicher IT-Techniker durchs Telefon schon verschiedene IP-Adressen durch, die ich in Subnetzmasken eintippte und damit einen Proxy freischaltete, der mir heute den Zugang ins www ermöglicht.

im Raum

Hochkompliziert also und gleichzeitig nicht, weil selbst dem Technikaufbau mittlerweile eine gewisse Routine innewohnt. Eine Sternchendecke für den Tisch, im Vorraum werden kostenfrei fair gehandelter Obstsaft und Rotwein gereicht, dazu belegte Schnittchen. Dann geht es los, alles nach Plan, nur der Zugang aufs Pferdeforum wird mir verweigert. Ich bin gesperrt, die harschen Worte des Admins klingen wie Vorwürfe. Aber wer weiß, was ich auf dem Pferdeforum geschrieben habe und was ich dem ausgedachten Pferd antat, der wird nur beifällig nicken können.

Ich stelle mir vor, wie zeitgleich zur Lesung das Profil von Henry Sy von transatlantischen Algorithmen gescannt wird, wie für seine Person Unterordner angelegt werden, Verbindungen gezogen werden zu anderen fiktiven Personen und deren Profils, wie die Einträge auf verdächtige Formulierungen untersucht werden, wie all die Ereignisse, gerade die zweifelhaften, Anlass zur Sorge sind und zu mehrfacher Prüfung führen, wie vielleicht sogar die auf Diskretion bedachte ausgedachte Organisation, für die Henry ein halbes Leben lang Informationen gesammelt hat, ins Visier der realen Organisation gerät. Beide haben schließlich einiges gemeinsam. Denn es ist ja so: in Obsidian kommen die Buchstaben n, s und a auch vor.

Theater am Abend

Allein der Gedanke, all das Ausgedachte könnte ein Sandkorn ins Getriebe der Ausspähenden sein und die rasenden Algorithmen für eine Zehntelsekunde ins Stocken bringen. Für einen Moment schalte ich um in den Revoluzzermodus und wünschte, jeder würde ein Sandkorn werfen, so dass am Ende eine Wüste entstände, in der die Ausspähenden sich zwischen lauter Fata Morganen verirren würden.

Eine Stunde vergeht, die Revolution bleibt aus. Dafür bekomme ich netterweise in Folie eingeschweißte Präsente überreicht, darunter nützliche Informationen über Thüringen und im Speziellen von Nordhausen. Nützliche Informationen sind nützlich, wird sich auch die NSA denken. Und weil jeder Computer, auch der, von dem du jetzt gerade diesen Text liest, genauso wichtig und unanzapfbar sein sollte wie das Kanzlerinnenhandy, schließt dieser Text mit fast genau denselben Satz, mit dem er begann:

In der Nacht des Tages, als die Kanzlerin feststellt, dass die NSA womöglich doch ein Problem sein könnte, verließ ich Nordhausen.

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Was noch geschah:

(7) Hamburg. Sitzplatzreservierungsanzeigedefekt.

(6) Leipzig. Das Geräusch von Kreide auf falschem Schiefer.

(5) Nordhausen. Das Handy der Kanzlerin.

(3) Hamburg. In Substantiven, Verben, Wieworten und Personalpronomen.

(2) Bremen, Oldenburg. Pop-Ups blocken in Bremen.

(1) Fotothek Weimar. Transmediale Frischkäseschnittchen.

Erhältlich bei

asphalt & anders | ocelot

Das Gegenteil von Henry Sy
Lesungstagebuch

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