Alben 2013. Schlagbohrhämmer in Zeitlupe.

Zweitausenddreizehn war ein seltsames Musikjahr, eines ohne Platte, deren ich mein Leben vom ersten bis zum letzten Ton anvertrauen würde. Deshalb anstatt einer sowieso unsinnigen Nummerierung die Nennung einiger Alben, die mich in den letzten zwölf Monaten begleitet haben.

Savages – Silence Yourself

Gegen-etwas-sein erfordert viel Kraft. Und wird diese Kraft in Musik umgesetzt, klingt das 2013 wie Savages. Für Savages und besonders deren Sängerin Jehnny Beth ist jeder Ton Kampf, jedes Wort Antihaltung. Dafür schont sie weder sich noch ihre Hörer. Postpunk, als wäre 1980 und Banshee von den Sioux auferstanden. Ein zorniges Schlagzeug, kalte Gitarren, der Bass kompromisslos – das ist nichts, was Freude bereitet. Oder was eine Band länger als zwei Alben aushalten kann, ohne zerrissen zu werden. Deshalb gilt es »Silence Yourself« hier und jetzt mit einem dunkeln Feuerwerk in eisiger Nacht zu feiern.

Girls In Hawaii – Everest

Debüt in Schleife gehört. Nachfolger komplett ignoriert. Drittes Album wieder in Schleife gehört. Auch ohne Wissen von der Tragödie nah dran an dem, was Eisgletscher in Täler stürzen und alles darunter begraben lässt. Elektronik da, wo sie notwendig ist, ansonsten ziehen Worte und Töne wie Gespenster vorbei.

Nadine Shah – Love Your Dum and Mad

Nein, Nadine Shah ist keine zweite PJ Harvey. Nadine Shah ist Nadine Shah und die ist zuerst einmal eine Stimme, die gräbt und gräbt und gräbt und was sie ans Licht bringt, ist etwas, nun, tief. Erden, voller Schlacke sind die Lieder, jedes ein eigenes Seil über dem Abgrund. Nichts, was man sofort ins Herz schließt, aber etwas, das ein Herz allmächlich packt und in Silberpapier einwickelt. Abgelegt dann entfaltet sich ein …  – und hier enden die Metaphern, hier beginnt der Augenblick, in dem du »Love Your Dum and Mad« hörst.

Kanye West – Yeezus

Kanye West hat diverse Komplexe. Peinlich ist, wenn er mit Ehefrau Motorrad fährt. Vermessen, wenn er sich als Messias inszeniert. Unangenehm bei den unappetitlichen Sexismen und Gangsterklischees. Aber immerhin bewahren ihn manche Komplexe davor, ähnlich wie Jay-Z stupide Musik nach Businessplan zu erstellen. Ab und an braucht es eben eine aus dem Rude gelaufene Selbstwahrnehmung, um all der Mittelmäßigkeit entgegen zu treten. Und wer ihn bei der Auswahl der Samples (»Gyöngyhajú Lány«, Nina Simone) beraten hat, der sollte im nächsten Jahr selbst auf Erlösertrip gehen dürfen.

Turbostaat – Stadt der Angst

Wieso auch anders, wenn man als Band längst dort ist, wo andere die Spitze vermuten? Deshalb zählt das Lied mehr als die Entwicklung. Und bei Turbostaat auch Liedtitel. »Fresendelf«, »Phobos Grunt«, »Pestperle«. Über »Sohnemann Heinz« habe ich das Wesentliche geschrieben. Was bleibt, ist Wut in kontrolliertem, zugänglichem, engagiertem Postpunkcorefeedbackgewitter.

my bloody valentine – mbv

Musik wie Schlagbohrhämmer in Zeitlupe. Gitarren dengeln, darüber spuken flirrende Stimmen, hypnotische Malströme entstehen – nichts ist anders als 1991. Und hier ist das gut so.

 Big Deal – June Gloom

Hallo britisches Duo, das mich mit einfachen Mitteln und maximalen Songs auf den letzten Metern des Jahres noch einmal kalt erwischt. Hätte mehr Hype verdient als all die öden Dreampoplangweiler, die sich stundenlang in öligen Sphärensounds suhlen. Einmal »Golden Light« dagegensetzt und Langweile bricht klirrend.

Prag – Premiere

Gesprochen habe ich Anfang des Jahres mit der Band Prag und erzählt, wie ich damals im Sommer 2012 die Akkorde von »Sophie Marceau« heraushörte, um auf der Gitarre spielen zu können, was mich so mitriss. Nicht erzählt habe ich von der Befürchtung, das Album dazu könnte eine maßlose Enttäuschung werden, eine schlagerlastige Bedeutungslosigkeit, die es sich in ihrer Komfortzone allzu niedlich einrichtet. Passiert glücklicherweise nur selten auf »Premiere«. Der Rest bleibt eine Autofahrt nach Tschechien und zurück und »Zeit« im Ohr.

Soviet, Soviet – Fate

Meine Lieblings »Die-klingen-wie-Interpol-die-wie-Joy-Divison-klingen«-Platte des Jahres.

Casper – Hinterland

Auf Twitter/Tumblr postete Casper ein Foto mit den Titelseiten der Intro | Vision | Spex | Juice | Spiegel Kultur ect. Jeweils zu sehen: Casper. Darunter stand: Musikindustrie durchgespielt. Das trifft das Jahr für Casper ganz gut. Rap, Singer/Songwriter, Indie (mit der Unterstützung von Get Well Soon) und jede Menge Beschreibungen von emotionalen Extremzuständen oder was man in einem bestimmten Alter als extrem wahrnimmt.

Agnes Obel – Aventine

Das Album, welches ich während des Schreibens am häufigsten gehört habe. Was das über die Musik, was das über mein Schreiben aussagt, weiß ich auch nicht. Vielleicht mehr dazu, wenn ich in zehn Jahren erneut höre und erneut lese.

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Moby – Innocents

Etwas zu kokett hatte Moby in einem Interview gefragt, wen wohl die 11. Platte eines 48jährigen Musikers interessieren würde. Und sicher, anders ist kaum etwas auf »Innocents«. Aber souverän. Und auch wenn »Feeling So Real« »mein« Moby-Song bleiben wird; »Dogs« ist nah dran.

Westbam – Götterstraße

Schon beim ersten Hören eingängiger als alles, was Helene Fischer jemals aufgenommen hat. Allerdings würde die nie mit Iggy Pop »One million Germans on dope« singen.

The Joy Formidable – Wolf’s Law

Rue Royale – Remedies Ahead

Nick Cave – Push The Sky Away

Emiliana Torrini – Tookah

Zola Jesus – Versions

Queens Of The Stone Age – Like Clockwork

Woodkid – The Golden Age

Die höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase

Anna Calvi – One Breath

Mire Kay – A Rising Tide Lifts All Boats

Herrenmagazin – Das Ergebnis wäre Stille

Pet Shop Boys – Electric

Tricky – False Idols

Love A – Irgendwie

Caspian – Hymn for the Greatest Generation

Yuck – Glow and Behold

Moderat – II

These New Puritans – Fields Of Reeds

Daughter – If You Leave

Low Vertical – We Are Giants

The Strokes – Comedown Machine

Fidlar – Fidlar

Apparat – Krieg und Frieden

Tocotronic – Wie wir leben wollen

Marnie Stern – The Chronicles of Marnia

M.I.A. – Matangi

No Ceremony – No Ceremony

London Grammar – If You Wait

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Lieder 2013

vergangene Jahreslisten

 

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