Kino. Der Autor als Gott, ein herzloses Wesen.

When Animals dream
So geht das also. Einen Film komplett als Metapher erzählen und dennoch nur selten in bedeutungsschwangeren Pathos verfallen. Die Parabel ist hier, dass sich ein junges Mädchen in eine Werwölfin verwandelt und dafür von ihrer Umwelt – ein gottverlassenes dänisches Fischerdorf – geächtet wird. Mit der Transformation von Körper und Geist ist sehr offensichtlich das Erwachsenwerden gemeint.

Ähnlich wie der grandiose, ebenfalls aus Skandinavien stammende »So finster die Nacht« werden Blut und Horror ebenso wie Worte nur sparsam und sehr überlegt eingesetzt. Viel wichtiger sind verrostete Kutterwände, Bottiche mit toten Fischköpfen, verwaschener Strandhafer und Haare auf Körpern. Details eben, wo andere die Totale auffahren. Hat zudem mit 84 Minuten genau die richtige Länge, um all die wunderbare Symbolik nicht überzustrapazieren.

Her

Alles, was man über Liebe, Verlust, Sehnsucht, Einsamkeit, die Zukunft und Schnauzbärte wissen muss. Man könnte Lobeshymnen singen auf die Ausstattung, das dezente Design, natürlich wie immer auf Joaquín Phoenix, auf Spike Jonze, die Fähigkeit, sich sehr gegenwärtiger Fragen durch eine leichte Überhöhung intelligent anzunehmen, auf das finale »Moon Song« von Karen O. Stattdessen lieber »Her« ein nächstes Mal sehen und staunen.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Sowieso schwierig, ein Buch zu einen Film zu machen. Noch schwieriger, wenn sich das Buch über zwei so präsente Figuren definiert. Da sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Wobei: es ist ja nicht so, dass das Buch komplett einzigartig wäre. Dafür ist es doch zu sehr in die zauberhafte Idee verliebt, zwei in jeder Beziehung zauberhafte Wesen zu erschaffen, bei denen jeder Satz zauberhaft ist und jedes Handeln zauberhaft und die Art der Beziehung zauberhaft und überhaupt, die Einstellung zum Leben – alles zauberhaft.

Der Film will aber gar nicht zauberhaft sein. Der will nur brav und routiniert eine Krankheitsgeschichte runtererzählen, möglichst ohne großartige visuelle Originalität, die vielleicht ja mal das Innenleben der Figuren abbilden könnte. Lieber risikolos konventionell bleiben und Platz für ein paar belanglose Pophits finden, damit sich danach noch der Soundtrack zum Mixtape  verklären lässt.

Trotzdem erstaunlich: die Szene im Anne-Frank-Haus, die ich im Buch eher sehr deplatziert empfand – auch wegen der unterschwelligen Suggestion, zwei Mädchen, identisch, weil sie ihr Leben verlieren, bevor sie es leben können – war im Film erstaunlich anrührend. Dieses Besteigen der engen Treppen, das ehrgeizige Hochkämpfen. Da war Bild und Wille eins. Sowie das Treffen mit dem undankbaren Autoren in Amsterdam, weil da die schöne Metapher zum Tragen kommt – der Autor als Gott und herzloses Wesen, der beliebig über das Leben seiner erdachten Figuren verfügt und deshalb kein bisschen sympathisch erscheinen kann.

No Turning Back

Alfred Hitchcock soll sich einen Film gewünscht haben, der nur in einer Telefonzelle spielt. »Locke« kommt diesem Ideal ziemlich nah. Ein Polier fährt Auto und telefoniert mit verschiedenen Personen in drei erst unterschiedlichen, sich bald überschneidenden Erzählsträngen. Neunzig Minuten später hat sich sein Leben grundlegend verändert.

Drehbuchseminargastgeber würden entsetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen, weil sich in diesem sich vorwärts bewegenden Kammerspiel der Zustand der Figur nicht über Handlungen ausdrückt, sondern allein über Worte. Lauter Behauptungen, Rückblicke, Dialogfetzen. Dazu fließen Lichter des nächtlichen Englands stylisch über Windschutzscheiben und man staunt, wie viele Kameraperspektiven es von einem Fahrenden geben kann. Ja, manchmal braucht es nur einen Mann mit Problemen, ein Auto und ein Handy mit ausreichender Akkulaufzeit und man hat mehr Action erzeugt als sagen wir dreißig Teile der »Transformers«.

Zeit der Kannibalen

Ebenfalls ein Kammerspiel. Drei erfolgreiche Unternehmensberater sitzen in Hotelzimmern und lassen uns teilhaben an ihrer neoliberalen Weltsicht. Das kann gar nicht anders sein als zynisch und zumindest Faszination auslösen. Auch wenn sich der Film seiner Faszination ganz gut bewusst ist und gern ab und an jedes Maß fehlen lässt. Wie eine Schraube, die man festdreht, was sinnvoll ist, da sie etwas halten soll. Überdreht man sie aber, leiert sie aus und hält nichts mehr. So oder so: Wenn schon die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen auf der Leinwand, dann ähnlich wie hier.

Mistaken for Strangers

Gegen diese Geschichte zweier Brüder ist jede griechische Tragödie Kleinkram. Weil einer der Brüder Sänger von »The National« ist, ist »Mistaken for Strangers« eine Musikdokumentation über eine der interessantesten Bands derzeit. Weil der andere Bruder nichts auf die Reihe kriegt, ist »Mistaken for Strangers« auch eine Mediation darüber, wie man so durchkommt, obwohl man nichts auf die Reihe kriegt und vor allem, ob durchhalten nicht sogar unbedingt notwendig ist, um etwas richtig auf die Reihe zu kriegen – sei es erfolgreich Musik zu machen oder einen Film zu beenden.

Da sind einige Metaebenen dabei, man sieht viele Kameras und Schnittrechner und die eigene Position wird angenehm oft uneitel in Frage gestellt. Sicher stellt sich trotzdem die Frage, in wie weit was in Szene gesetzt wird, auch nachträglich. Unabhängig davon lacht man, weint man, ist angerührt, lernt dazu, wird unterhalten, hört etwa zwanzig »The National«-Lieder, ist beeindruckt und will »Mistaken for Strangers« gleich noch mal sehen. Was mehr ist, als man nach den meisten Kinobesuchen sagen wird.

Ida

Ein wunderbar spröder polnischer Schwarzweißfilm über eine Nonne in den 60er Jahren, die sich mit der Tante auf die Suche nach den Eltern macht und in einen Saxophonspieler verliebt. Wie ein Text ohne Verben.

Dawn of the Planet of the Apes

Ein Film, in dem ein Affe mit Gewehr in den Pranken auf einem Pferd durch eine Endzeitlandschaft reitet, macht schon mal nicht viel falsch. Ist dieser Affe – und etwa hundert weitere – dermaßen perfekt animiert, gibt es den nächsten Pluspunkt. Schält sich nach einer halben Stunde der große Konflikt heraus – soll man einer Menschheit, die alles verloren hat, wider besseres Wissen vertrauen und hoffen, dass sie aus ihren Fehlern lernen und sich zukünftig friedlich verhalten wird – scheint es tatsächlich zu hochinteressanten Fragestellungen kommen zu können.

Dann aber – schade. Weil jede Menge Explosionen. Weil Menschen wie auch Affen nur grob gezeichnet sind. Weil der Film (im Gegensatz zum 1. und 4. Teil der Reihe) nie die Absicht hat, diese Diskussion zu führen, sondern nur als Aufhänger nimmt, damit Menschen auf Affen mit Maschinengewehren schießen können und umgekehrt. Weil es letztlich doch hauptsächlich darum geht, die CGI-Fachkräfte anständig bezahlen zu können. Aber der Moment, als man auf Seiten der Affen ist und durch ihre Augen auf die gesamte Menschheit blickt – eine quasi außerhumane Erfahrung – der bleibt.

Nymph()maniac I

Die ersten Minuten – wie auch im grandiosen »Melancholia« – sind unbeschreiblich. Eine Frau in einem Hinterhof. Regen. Wasser rinnt Häuserwände hinab, läuft in Lachen über Steinplatten, verschwindet zwischen Ritzen. Diese Szene hat etwas literarisches, weil hauptsächlich wahrgenommen und das Wahrgenommene überdeutlich gezeichnet wird und sich daran schon abzeichnet, was geschehen wird.

Später ist das nicht mehr so. Später jagt ein Genitalspektakel das nächste, was ermüdet und weniger revolutionär ist, als man glauben könnte. Spannend wird es, wenn das Bettgeschehen theoretisiert wird, zum Beispiel in Vergleich gesetzt wird zu den Kompositionen von Bach. Oder zu Angeltechniken. Da ist von Trier in seinem Element. In seinem Element war Trier definitiv nicht beim Casting. Bis auf die beiden erzählenden Hauptfiguren scheinen alle die Tragik ihrer Rollen nicht schultern zu können. Christian Slater als sterbender Vater? Shia LaBeouf als Aufreißer? Dann lieber noch mal die Schlusszene von »Melancholia« oder »Idioten«.

Godzilla

Godzilla ist von den überlebensgroßen cineastischen Katastrophenbedrohungen wahrscheinlich eine der langweiligsten. Sicher, er kommt aus dem Meer und tritt Städte kaputt. Aber man denkt halt den Menschen unter dem Gummikostüm immer mit, was der Bedrohung doch einiges an Dramatik nimmt. Und tatsächlich ist diese Godzillaversion im ersten Drittel doof. Der Versuch, mit dem Blick auf menschliche Schicksale (ein Vater-Sohn-Konflikt!) Anteilnahme zu erzeugen und die Katastrophe aufzuladen mit Empathie. Eher nicht.

Dann aber stirbt (endlich) Walter White und der Film findet sich. Weil er eben nicht mehr einzelne Schicksale erzählen will, sondern das Schicksal einer Stadt, meinetwegen der Welt. Die ultimative Bedrohung, ein endgültiger Untergang. Und die Bilder, die »Monsters«-Regisseur Gareth Edwards dafür findet, sind spektakulär. Ein hochhaushohes Monster als Schemen in rotem Nebel. Reptilienhaut, auf der sich Wasser perlt. Fallschirmspringer beim Sprung ins Ungewisse. Zusammengenommen sind das an die hundert Frames, die man sich als Poster ausdrücken und aufhängen müsste, als Erinnerung, das Bilder manchmal größer sind als Worte. Oder Geschichten. So endgültig sah die Endzeit nicht mehr seit »Krieg der Welten« aus. Was wohl das stärkste Kompliment ist, das man einen Endzeitfilm machen kann.

Die geliebten Schwestern

Komplett unbefangen kann ich hierüber nicht urteilen. Weil quasi direkt um die Ecke gedreht. Weil ich zur Roten-Teppich-Premiere mit anschließendem Empfang im teuersten Hotel der Stadt geladen war. Weil ich damit sogar im ZDF-Morgenmagazin zu sehen war, jedenfalls für Sekunden,  da ich um eine Meinung zum Film von einem engagierten MoMa-Reporter gebeten wurde, die dann aber nicht gesendet wurde.

Gesagt hatte ich, ja, interessant, weil das schon ein typischer Historienfilm über historische Begebenheiten ist, der aber eben auch sehr untypische Sachen macht. Symbolbilder einfügt. Mit einer Szene von Weimarer Touristen endet. Überhaupt weniger an historischen Leistungen interessiert ist als an zwischenmenschlichen Beziehungen.

Gesagt habe ich aber auch: Schon sehr lang, dieser Film über Schiller, der die Dreiecksbeziehung bis ins Letzte ausloten will. Vielleicht ja die Krux, wenn ein Film sowohl im Kino als auch als TV-Zweiteiler funktionieren muss. Da gibt es doch viele Absichten vieler Geldgeber. Was nur selten gut ist für eine Geschichte – Interesse von Geldgebern. Dennoch muss es natürlich den Auslandsoscar für Weimars »Die geliebten Schwestern« geben. Vielleicht weil ja dann wieder ein Empfang mit kostenlosen Getränken und Häppchen stattfinden wird.

Boyhood

Auch hier ständiges Staunen. Schließlich überlagert die Entstehungsgeschichte (das Aufwachsen eines Jungen wird über viele Jahre begleitet und in eine Spielfilmhandlung übertragen) den Inhalt. Was nicht schlimm ist, weil das Vergehen der Zeit ja der Inhalt ist. Wer es extremer mag und sich noch länger filmisch begleitete Leben anschauen will, schaut »Berlin, Ecke Bundesplatz« oder gleich »Die Kinder von Golzow«. Dort dann allerdings ohne hervorragenden Soundtrack, wie zum Beispiel dem Blackalbum der Beatles.

Guardians of the Galaxy

Idealbeispiel des »post-plot-Cinemas«. Weil alles wunderbar funktioniert – alle paar Minuten gibt es eine Wendung, die unsere Helden zwingt, neue Allianzen einzugehen und sich größeren Herausforderungen zu stellen. Zeigt dazu ebenso ideal, wie das geht: das Bewährte so zu verändern, dass es frisch und unverbraucht erscheint, gerade die Sonderbarkeit der Heldengang. Dazu überall Referenzen (Kevin Bacon! Jackson 5! Indiana Jones!).

Überall die dreckige Seite von »Star Wars«, beständig Bilder, die bis ins letzte Pixel in allen Farben animiert sind und die Augen unter Strom setzen, so dass man zwei Stunden aus dem Schauen gar nicht raus kommt und sich nach dem Absetzen der 3D-Brille nicht mal fragt, was das alles sollte. Weil die Netzhaut mittlerweile kollabiert ist und das alles ist, was das Megakino dieser Tage will.

 

 

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