Kino. Worte, die nichts riskieren, Bilder für verfilmte Wikipediaeinträge.

Inherent Vice

Schrulliger Detektiv fragt sich durch das Los Angeles der 1970er Jahre, um seine Exfreundin Shasta Fay zurückzugewinnen.

Vorhanden war alles: Ein verpeilter, kiffender Privatschnüffler. Eine Story, die verwegen und kompliziert um die Ecke gedacht um die effektivsten Grundthemen aller Geschichten kreist: Macht & Liebe. Figuren im Dutzend, die nicht nur die besten Namen aller Zeiten tragen, sondern auch Backenbärte und die außergewöhnlichsten Leben in den Gesichtern. Eine literarische Vorlage von Thomas Pynchon. Eine Ära, die sich wie keine zweite anbietet für blumige Retrokostümierung und überbordendes Setdesign.

Ja. „Inherent Vice“ hätte ein Kultfilm sein können (und Kult hätte in diesem Fall nicht mal in Anführungszeichen geschrieben werden müssen), der „Big Lebowski“ dieses Jahrtausends, eine Pynchon-Adaption des Film noirs mit Elementen der Nackten Kanone und „Jackie Brown“.

Aber es gab eben auch einen Regisseur. Den großen Paul Thomas Anderson. Und der hatte keinerlei Interesse an einem klassischen Kultfilm. Geschrieben hat er das Drehbuch parallel zu „The Master“. Vielleicht ist das die Erklärung. Denn um die unfassbare Wucht von „The Master“ nur ansatzweise ertragen zu können, muss es einen Ausgleich brauchen. Die Arbeit an einem Film wie „Inherent Vice“ vielleicht. Denn wo in „The Master“ jedes Detail sitzt und sich jedes Hintergrundrauschen perfekt einfügt in die bedeutungsvolle Schwere, kann „Inherent Vice“ nur improvisiert, prall, lässig und seltsam unfertig wirken.

Allein der Form halber die Namen der Figuren. Shasta Fay Hepworth.  Sauncho Smilax. Sortilege. Petunia Leeway. Clancy Charlock. Ensenada Slim. Amethyst Harlingen. Emmet Unverzagt. Rhus Frothingham. Dr. Rudy Blatnoyd.

Birdman

Ehemaliger Superheldendarsteller inszeniert ein Raymond-Carver-Theaterstück und lernt dabei zu fliegen.

Schon nach wenigen Minuten wird klar, dass es sich hier um einen besonderen Film handeln könnte. Auch wenn besonders nicht zwangsläufig das Herz umarmt. Aber: Eine entfesselte Kamera, die ohne Schnitt in langen Theaterkatakomben Figuren und deren Geschichten aufspürt! Etwa zehn Metaebenen, wovon die offensichtlichste noch die des ehemaligen Superheldendarstellers ist, der einen ehemaligen Superheldendarsteller spielt (Batman=Birdman, Keaton=Thomson)! Ein Stück im Stück! Die Aufhebung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion und Fiktionfiktion! Einen Soundtrack, der allein aus einem luftigen, hektischen Schlagzeug besteht und den Schlagzeuger beim Soundtrackspielen immer wieder ins Bild nimmt!

Jede Menge außergewöhnliche Punkte also, die man für ellenlange Abhandlungen nutzen könnte. Nutzen möchte ich aber die Szene, in der Künstler auf Kritikerin trifft und sagt: „Kritiker riskieren nichts.“ Was leicht als billige Rachefantasie von Til Schweiger durchgehen könnte, ist tatsächlich der Schlüsselsatz. Weil Thema von „Birdman“.

Die These dafür lautet: Das Schaffen von Kunst (oder was man dafür hält) erfordert alle Opfer. Diese Opfer dürfen der Kunst niemals anzusehen seien. Diese Opfer wird niemand außer dem, der sie erbringt, nachvollziehen können. Für diese Opfer wird man niemals adäquat entlohnt. Bestenfalls Geld, bestenfalls ein kurzer Moment des Glücks. Viel wahrscheinlicher: schnell einsetzende Zweifel am eigenen Können, der geschaffenen Kunst, der zukünftigen Kunst und dass man das Beste bereits hinter sich gebracht haben könnte.

Dankenswerterweise bietet „Birdman“ drei Enden an: ein tragisches, ein artifizielles, ein hoffnungsvolles. Man kann es sich also heraussuchen, mit welchem Gefühl man das Kino verlassen und auf das Schaffen von Kunst schauen will.

Foxcatcher

Schrulliger Multimillionär kauft sich Ringteam, um Mutterkomplex zu überwinden.

Da ist Steve Carells adlerähnliche Nase. Da ist Channing Tatums mit blonden Strähnchen durchzogene Igelfrisur. Da ist Mark Ruffalos gemütlicher Waschbärenbauch. Da ist ein Anwesen, größer als die meisten EU-Staaten. Da ist Ringen und da sind Männer, die sich in einteiligen Trikots im Kampf miteinander messen. Da ist ein Multimillionär, der unter Minderwertigkeitskomplexen leidet. Da sind Hubschrauber, da ist Kokain. Da ist Amerika und da sind die Olympischen Spiele. Da sind die Südstaaten, da sind Ornithologen und da ist die Wahrheit, denn diese Geschichte ist so geschehen.

Da ist ein Film, der sich so langsam erzählt, dass jede Sekunde wie eine Minute scheint, in der man die beunruhigend wissenden Augen eines Hypnotiseurs schaut. Da vergehen nur wenige Momente und der Sog setzt ein, ein Sog, der sagt: „Das kann nicht gut gehen. Für niemanden.“ Da ist eine schleichende Bedrohung, die schwitzt sich aus all den saftigen Körper heraus und man watet durch Lachen aus verpatzten Träumen und Kindheiten. Ja, da ist ein Film, der unscheinbar daher kommt, aber in jedem Detail genauer ist als vieles sonst, was auf der Leinwand zu sehen ist.

Wir sind jung! Wir sind stark!

Geschichte einer Clique von Jugendlichen kurz nach der Wende. Die Clique wird Zeuge, wie der Mob das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen in Brand setzt.

Angenommen, du hast ein Anliegen. Angenommen, das Thema deines Films ist politisch und pegidaaktuell. Angenommen, du willst dich gemein machen mit der guten Sache – wie kann das nicht schief gehen? Wie könnten deine guten Absichten dich nicht daran hindern, einen guten Film zu machen, sondern einen Lehrfilm, der belehrt, statt zu überwältigen?

Das geschieht nicht. Weil „Wir sind jung! Wir sind stark“ ein Glücksfall ist, ein rarer. Weil es dem Film in erster Linie nicht darum geht, die Bundeszentrale für politische Bildung zufrieden zu stellen, sondern für grimmige Wut einen Ausdruck zu finden.

Weil du diesen Figuren abnimmst zu sein. Weil der Film sie zum Leben erweckt. Mit Worten, die so auch gesprochen werden könnten. Mit Szenen, die ihnen Geschichten geben, die andeuten, warum sie handeln, wie sie handeln. Weil der Film eine klare, originelle Vorstellung hat, wie Bilder auszusehen haben, damit sie im rechten Moment rau, im nächsten Moment zart sein können.

Weil der Film mit Joel Basman einen Dämonen hat, einen Wahnsinnigen, der größte Freude am Zündeln hat und damit die Katastrophe heraufbeschwört und einen Wahnsinn in den Film bringt, der den Film permanent am Abgrund taumeln lässt. Und weil wir gleichzeitig erahnen können, dass ein Dämon niemals nur Dämon sein kann.

Weil dieser Film seine Gesinnung (fast) nie plakativ ausstellt. Weil sich die Haltung ins Handeln seiner Figuren fügt. Weil dieser Film drei Nazis zeigt und ansonsten nur „normale“ Staatsbürger. Weil der Film sich selbst thematisiert, in dem er Journalisten Fragen stellen lässt, welche die „heute-show“ als Steilvorlage nutzen würde. Weil es mit den Flaschen sammelnden Kindern einen griechischen Chor gibt. Weil dieser Chor in der erschreckenden Schlussszene selbst zum Akteur wird. Weil dieser Film einen schlechten Titel hat, aber dafür eine beängstigende Kraft. Weil dieser Film keine Vergangenheit erzählt. Weil dieser Film ist.

Als wir träumten

Geschichte einer Clique von Jugendlichen kurz nach der Wende. Die Clique kämpft gegen den bösen Kehlmann.

Gern würde ich ähnliches wie oben auch über „Als wir träumten“ schreiben. Aber leider bleibt die Rohheit, die Brutalität, die Ausweglosigkeit, die Jugend, das Leben oft nur eine Behauptung. Lieber mogelt sich die Geschichte mit Fragmenten durch eine zerrissene Nachwendezeit. Und ist erstaunlich melancholisch rückwärtsblickend, was der Unmittelbarkeit der Vorlage viel, viel Kraft nimmt.

Timbuktu

Nomade widersetzt sich dem islamischen Staat.

Unterlief in vielerlei Hinsicht meine Erwartung. Die Erwartung war der erste Spielfilm über das Innenleben des IS. Und vom Innenleben des IS existieren bestimmte Vorstellungen: Wie dieser IS vorgeht – willkürlich, aggressiv, barbarisch, unmenschlich. Die Erwartung waren die Bilder. die man im letzten halben Jahr präsentiert bekam.

Stattdessen: die IS-Besetzer eher schüchtern. Zurückhaltend. Ungelenk. Fast möchte ich schreiben: Die Atmosphäre im besetzten Ort war entspannt. Alle akzeptierten. Die Besetzten die Macht der Besetzer, die Besetzer den Unwillen der Einheimischen, sich besetzen zu lassen. Diese Akzeptanz war eine von zahlreichen, nicht immer nur guten Irritationen. Am deutlichsten wurde das bei der Verwendung der Musik: Einerseits die einheimischen Klänge, andererseits typische Filmsinfonien, eingespielt vom Prager Orchester.

Diese formale Zerrissenheit schlägt sich auch in der Erzählung nieder: Eine etwaige Hauptgeschichte, dazu ein paar Nebenfiguren und dazwischen immer wieder Szenen des Alltags unter der Besatzungsmacht, Fragmente, die teilweise recht willkürlich aneinander geschnitten schienen. Klar: Alles, was hier geschieht, ist politisch. Und alles Politische ist eine Machtfrage. Gerade der Glaube. Aber dieses so irritierend schicksalsergebene Handeln der Figuren widersetzt sich stark der Auffassung, wie eine Heldengeschichte abzulaufen hat. Denn gegen solche Feinde wäre jeder Opponent ein Held. Nur – diese Geschichte kann keinen Helden kennen.

Citizenfour

Ein Whistleblower, ein Journalist und eine Dokumentarfilmerin decken die größte Verschwörung der Menschheitsgeschichte auf.

Die Geschichte geht ja so: Glenn Greenwald hat Edward Snowden nicht geglaubt. Erst die Dokumentarfilmerin Laura Poitras konnte Greenwald überzeugen, Snowden zu treffen. Und dann sitzen die drei in einem Hotelzimmer in Hongkong. Und begreifen, was für einen Albtraum sie in den Händen halten.

Das Spannende sind diese Tage im Hotel. Wie die drei überlegen, wie sie die Informationen am effektivsten nach außen tragen können. Wie nach den ersten Enthüllungen die weltweiten Reaktionen jenseits jeder Vorstellungskraft sind. Wie diese Aufmerksamkeit die drei und ihr Handeln verändert. Wie die Paranoia auch den Zuschauer erfasst, der weiß: Was geschieht, ist real.Alle Befürchtungen sind real. Alles, was den Überwachern zuzutrauen ist, sind diese in der Lage durchzuziehen. Ein Pflichtfilm für alle, die analog oder digital kommunizieren.

Interstellar

Spoiler: Vater wirft im fünfdimensionalen Raum Bücher aus Regalen,  um die Liebe zu seiner Tochter zu beweisen.

Das Gute an den Christopher-Nolan-Filmen ist, das sie wesentlich mehr sein wollen, als sonstige Filme, die in der Zweihundert-Millionen-$-Liga spielen. Nolanfilme wollen etwas grundsätzliches erzählen. Und hier ist das Grundsätzliche der menschliche Trieb, stets ins Unbekannte aufzubrechen  und die eigenen Grenzen verschieben zu wollen; der Mensch als ewiger Entdecker. Und weil der letzte Satz nicht unpathetisch zu formulieren ist, ist es der Film glücklicherweise ebenso wenig.

Dafür biegt sich die Geschichte das erste Drittel so zurecht, dass danach eine Reise zu Wurmlöchern stattfinden kann. Die apokalyptische Welt wird erfreulich unaufgeregt erzählt. Viel weniger unaufgeregt ist die Erzählung vom Vergehen der Zeit. Und damit vom Leben. Science-Fiction handelt niemals von Außerirdischen, sondern immer vom Menschen. Wieder Pathos. Wieder die überwältigenden Orgelklänge, wenn Licht im Schwarzen Loch erstirbt. Wieder ein Film, dem man einiges zu Recht vorwerfen könnte. Und dennoch wieder ein Film von Nolan, bei dem ich sagen möchte: Danke, dass so etwas noch möglich ist.

The Imitation Game

Schrulliger, aber genialer Eigenbrötler besiegt Hitler und entdeckt den Computer, wird aber aufgrund seiner Homosexualität in den Tod getrieben.

Die Endeckung der Unendlichkeit

Schrulliger, aber genialer Wissenschaftler verliert Kontrolle über seinen Körper, aber nicht seinen Geist.

Das Labyrinth der Lügen

Ehrgeiziger , aber idealistischer Staatsanwalt geht mit dem Nachkriegsdeutschland ins Gericht und macht das Wirtschaftswunderland mit Auschwitz vertraut.

Gelungen ist ein Film über eine historische Begebenheit oder Person, wenn ich es danach kaum erwarten kann, im passenden Wikipediaeintrag zu stöbern und überprüfen zu wollen, ob das denn wirklich genauso geschehen ist. Das fand bei allen drei Filmen statt. Besonders aber beim letzteren. Die Hauptfigur am Anfang ehrgeizig, wird dann vor große Hürden gestellt, so dass man als interessierter Zuschauer gespannt ist am Fortgang seines Kampfes gegen die Umstände wie auch beim Erzählen der historischen Begebenheit. Alle drei Filme sind spannende Geschichtsstunden. Oder eben mit passenden Bildern gefüllte Wikipediaeinträge..

[Disclaimer: All diese Worte risikieren nichts.]

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