Ich und meine Selfiestange.

analoge selfiestangenIch will an einem Ort sein. Dieser Ort ist mir fremd und ich bin dort allein. Aber ich werde diesen Ort besichtigen. Ich überlege, was ich dafür brauche: Geld natürlich, eine 0,5 Liter-Flasche Mineralwasser vielleicht, einen Regenschirm zum Schutz, eine Packung Papiertaschentücher, mein Smartphone. Und einen Stock. Eine Stange. Einen Selfiestick.

Die Stange ist bis zu einem Meter lang. Sie wiegt zweihundert Gramm. An die Spitze schraube oder klemme ich mein Smartphone. Meine Hand führe ich durch die Sicherheitshandgelenkschlaufe. Per Bluetooth sind Smartphone und Auslöser miteinander verbunden.Die Aufgabe meiner Selfiestange ist es, den Abstand zwischen Kamera und meinem Gesicht zu vergrößern; denn zu nah abgelichtet verzerrt es Augen, Nase, Mund – also mein Gesicht.

Mit meiner Selfiestange gehe ich nun zu diesem Ort. Denn ich weiß:

Es genügt nicht, irgendwo zu sein.

Es genügt nicht, irgendwo zu sein und ein Foto von einem Ort zu machen, um zu beweisen, dass ich dort gewesen bin.

Es genügt nicht, irgendwo zu sein und ein Foto von mir an einem Ort zu machen, um zu beweisen, dass ich dort gewesen bin.

Es muss ein Foto von mir an diesem Ort sein, um zu beweisen, dass ich dort gewesen bin und auf diesem Foto muss ich einigermaßen gut aussehen.

Ich denke niemals: Meine Selfiestange ist für mich, den Touristen, was die Nordic-Walking-Stöcke für den Gesundheitsbewussten sind. Ich denke nicht: es ist seltsam und sieht auch ein wenig debil aus, mit einem dünnen, länglichen Gegenstand – einer größenverstellbaren Stange – in der Hand durch eine Stadt zu laufen. Ich denke nicht so, weil ich gegeneinander gestellt habe: den praktischen Nutzen gegen die ästhetischen Einbußen.

Der praktische Nutzen hat gewonnen. So ist das immer mit technischem Fortschritt. Jedes noch so elende Pferd ist erhabener als das eleganteste Sportcoupé. Dennoch fahre ich Auto und reite nur selten. Meine Selfiestange ist praktisch. Sie ermöglicht konsequenter den besten Blick auf mich. Der beste Blick auf mich ist der von oben.

Von oben wirkt mein Kopf groß und der Körper klein. Durch die Selfiestange wird auf mich wie ein Kind geschaut. Die Selfiestange beschwört das Kindchenschema. Sie aktiviert den Schlüsselreiz. Mich von schräg oben zu sehen, löst ein Fürsorgeverhalten aus. So stelle ich keine Gefahr dar. Meine Haut ist reiner, ich erscheine jünger, der Betrachter meines Selfies ist mir gegenüber weniger aggressiv eingestellt.

selfkasten

Ich denke niemals: Ich könnte jemanden fragen. Jemand, der gerade auch an diesem Ort ist, jemand, der mir bereitwillig das Smartphone aus der Hand nimmt und einen Bildausschnitt wählt, der mich zum Lächeln auffordert, dann ein, zweimal auslöst und danach Worte mit mir wechselt, die Wissenswertes enthalten könnten, jemand mit einer Geschichte.

Ich denke niemals: Hier und jetzt könnten sich ohne Selfiestange zwei Leben kreuzen, für zehn Sekunden nur oder einen ganzen Tag. So denke ich nicht. Denn ich möchte Kontrolle. Dafür habe ich meine Selfiestange. ICH lege den Bildausschnitt fest, den Blickwinkel, den Zeitpunkt des Auslösens, das Ausmaß meines Lächelns. Ich setze Kontrolle gegen Zufall. Die Kontrolle gewinnt. Es wird keine Begegnung geben.

Ich möchte mich meiner selbst vergewissern. Jede Sekunde, die ich nicht festhalte, ist für alle Zeiten verloren. Jede unfotografierte Sekunde kann nur in meiner Erinnerung überleben. Meine Erinnerung ist wankelmütig. Ich kann sie mit niemandem teilen. Allein durch Worte vielleicht. Aber es braucht viele Worte und die richtigen, um das Erlebte auszudrücken.

Zeit ist für alle knapp. Also fotografiere ich. Mich fotografiere ich. Viele fotografieren sich, oft in Momenten, die bedeutend erscheinen. Viel öfter noch in Momenten, die unbedeutend erschienen und deshalb  mit Bedeutung gefüllt werden müssen. Was kann es Bedeutsameres geben als sich selbst. Auch derjenige, der mich schreibt, fotografiert sich selbst. Eine Fotografie von sich selbst. Für sich selbst.

Und weil es den Blick des Anderen braucht, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich bin, teile ich die Fotos von mir. Die festgehaltenen Sekunden von mir in dieser Welt. Es ist einfach. Technik wurde geschaffen, um die Abläufe des Teilens soweit wie möglich zu vereinfachen. Denn es gibt ein Bedürfnis. Ein Bedürfnis von vielen. Viele wollen sich selbst teilen, um von anderen wahrgenommen werden zu können.

Diese Wahrnehmung soll gut sein. Sie soll mich bestätigen, mich motivieren, weiter durch diese Welt zu reisen, zu Orten, mich auszubreiten und zu entfalten. Auch hier hat die Technik – weil eine Bestätigung etwas ist, das die meisten brauchen – soweit wie möglich Probleme aus Abläufen genommen. Ein Klick, ein Like, ein Stern, ein paar getippte Touchs, Buchstaben vielleicht, ein kleiner drei genügt. Ich bin bestätigt. Ich bin als gut wahrgenommen.

All das setze ich gegen die Mühe, eine Stange, zweihundert Gramm schwer, stets störend in der Hand, durch Städte tragen zu müssen, durch Wälder, Berge, an Stränden, Ruinen, durch die Welt. Meine Selfiestange, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ich gut wahrgenommen werde.

Dads mit Selfiesticks

vemeintlich erster Selfiestick

Erfinder des Selfiesticks

Expertenwissen

Advertisements

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s