Varoufake. Für eine Minute schweben.

Für einige Stunden legte sich ein unheimliches Gefühl über die Onlineseiten, die Twitteraccounts, die Facebookkommentarfelder, die Blogs. Ein Gefühl, so unbekannt und eigentümlich, so verstörend und beängstigend. Ein Mittelfinger war erschienen und war plötzlich wieder weg. Ob dieser Mittelfinger ausgestreckt wurde, lag im Auge des Betrachters. Eine Schrödingers-Katze-Situation. Beide Zustände waren möglich. Mittelfinger off, Mittelfinger on.

Und das darf nicht sein. Ungewissheit darf nicht sein. Man muss wissen. Oder zumindest selbstsicher behaupten: Ich weiß. Ungewissheit ist in dieser Art von Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Denn Ungewissheit bedeutet Kontrollverlust.

Jan Böhmermann hat allen diese Kontrolle entzogen, die Deutungshoheit.

Für wenige Stunden also dieser kostbare, weil so seltene Zustand des Schwebens. Und allein, dass es möglich ist, jetzt schon wieder so darüber zu schreiben, als wären seither Jahre vergangen, zeigt, dass dieser Zustand wieder für beendet erklärt wurde.

Dabei geht es nicht allein um diese Video-Manipulation. Bilder können auf verschiedene Weise zu Manipulationen beitragen: Durch einen Eingriff ins Bild selbst. Oder durch den Kontext, in den das Bild gestellt wird. Die Manipulation des Neo Magazin Royal von Varoufakis nicht existenten Mittelfinger ist eine Reaktion auf die Manipulation, welche die Redaktion von Günther Jauch gebraucht hat.

In der Sendung von Sonntag hat sie Aussagen von Yanis Varoufakis so montiert, als würde er über die aktuelle Situation Griechenlands sprechen. Und dabei aus dem Kontext gelassen, dass er sich dabei auf 2010 bezieht. Mittelfinger off, Mittelfinger on. 2010, 2015. Schrödingers Katze. Jan Böhmermann sagt:

»Liebe Redaktion von Günther Jauch. Yanis Varoufakis hat unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach nur das Video aus dem Zusammenhang gerissen und einen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen, damit sich Mutti und Vati abends nach dem Tatort noch mal schön aufregen können. Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt’s ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs. So! Das habt Ihr gemacht. Und der Rest ist von uns.«

Nur für eine Minute schweben | Alles wäre gut | Nur für eine Minute schweben 

»Günther Jauch« ist keine vordergründig journalistische Sendung. Sie will nicht ausschließlich Informationen vermitteln. »Günther Jauch« will Meinungen präsentieren.Und je zugespitzter diese Meinungen, desto größer das Summen am Montag Morgen an den deutschen Arbeitsplätzen.

Und so sitzt dann Günther Jauch mit seinem traurigen Droopy-Dog-Gesicht zwischen denen, die vor Millionen ihre Meinung präsentieren dürfen, klammert sich an seine Moderationskärtchen und greift allein ein, wenn die Diskussion vom vorbereiteten Skript abzuweichen droht. Ungewissheit ist dabei nicht vorgesehen. Denn die vorsortierten Meinungen müssen abgearbeitet werden. Erwartungen müssen bedient werden.

Jan Böhmermann hat keinen Mittelfinger entfernt. Jan Böhmermann hat einen Mittelfinger entfernt. Er hat ein Video manipuliert. Kritik gibt es an seinem Vorgehen. So sorgt sich Julian Reichelt auf Twitter um dadurch verlorenens Vertrauen in die Medien.

»Wenn Öffentlich-Rechtlich Öffentlich-Rechtlich fälschlich so diskreditiert, muss sich niemand mehr über „Lügenpresse“ wundern. Das ist gebührenfinanzierte Vernichtung von Vertrauen in die Medien.«

Julian Reichelt ist Chefredakteur von bild.de. Er sorgt sich um verlorenens Vertrauen in die Medien.

Doch es wird auch Applaus geben. Gerade von der falschen Seite. All die »Lügenpresse«-skandierenden RT-Querdenker werden sich bestätigt finden in ihren Annahmen von Verschwörungen, Unterwanderungen und Absprachen in den Systemmedien. Nur: Die Verschwörungen sind überschaubar. Mangelnde Sorgfalt in der Recherche und vor allem unredliche Zuspitzungen mit Blick auf Aufmerksamkeit und Quote sind die viel bedeutsamere Tücke.

Solche kurzen Momente der Ungewissheit sollten diese Tücke verdeutlichen. Das Schweben hätte Tage andauern sollen, Wochen sogar, idealerweise so lange schweben, bis allen dieses ungewohnte Gefühl der Ungewissheit Gewohnheit wird, bis jeder sich fragt: Was weiß ich wirklich? Und wenn ich es nicht weiß: Muss ich unbedingt so tun, als wüsste ich etwas? Und wenn ich etwas sagen will: Will ich das dann zuspitzen? Will ich dann unredlich sein?


Varoufakis and the fake finger
Wie Günther Jauch die Stinkefinger-Aussage von Varoufakis verfälschte
ZDF erklärt #varoufake für Satire

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