Ein Flugzeug ist abgestürzt.

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Ein Flugzeug ist abgestürzt. Ich muss nicht zwangsläufig dazu einen Standpunkt beziehen. Ich müsste nicht zwangsläufig davon betroffen sein. Ich bin es dennoch und ich frage mich, aus welchem Grund ich das bin. Weil viele der Opfer aus dem Land stammen, in dem auch ich lebe? Gäbe es eine ähnlich starke Verbundenheit mit Menschen, die grüne Augen haben oder halblanges hellbraunes Haar oder Linkshänder sind?

Ich müsste mich von so vielem mehr betroffen zeigen. So viel Leid geschieht. Ich muss das so kaltherzig schreiben: Das meiste Leid ist erwartbar. Ich könnte in Erfahrung bringen, wie viele Menschen jeden Tag verhungern und verdursten und an Armut sterben und im Krieg und an nicht behandelten Krankheiten. Es gibt Durchschnittswerte, das Leid ist erwartbar.

Ein Flugzeugabsturz ist auch zu erwarten. Jedes Jahr stürzen Flugzeuge ab. Dennoch geschieht dies unerwarteter. Welches Flugzeug, wo und wann – eine Vorhersage ist unmöglich. Dieses Leid erscheint willkürlich. Ich weiß, Leid kann nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht entschuldigen muss, wenn mich etwas stärker berührt als anderes.

Ich frage mich, was der Absturz mit anderen macht. Ich verstehe, weshalb eine Kanzlerin als Repräsentantin eines Volks dem Volk ihre Anteilnahme aussprechen muss. Ich verstehe auch, dass der Außenminister – sofern der Absturz im Ausland stattfand – Prozesse moderieren muss. Ich verstehe, weshalb möglicherweise der Verkehrsminister nun bestimmte Untersuchungen einleiten muss. Ich verstehe, weshalb es ein Interesse gibt, wie diese Politiker in ihren Funktionen auf den Absturz reagieren.

Alle anderen Politiker hingegen: Haben sie zum Thema selbst wenig Konkretes beizutragen, irritieren mich ihre Äußerungen. Ihre Äußerungen erscheinen mir unpassend. Äußern sie sich aber dazu als Mensch, frage ich mich: Warum wird ausgerechnet ihre Betroffenheit gezeigt? Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch, der vom gewaltsamen, willkürlichen, deshalb so tragischen Tod anderer Menschen erfährt, betroffen ist und berührt wird. Mitgefühl. Der Politiker, der sich als Mensch betroffen zeigt, reiht sich ein in die sieben Milliarden, die mitfühlen. Es braucht keine Ausnahmestellung für ihn.

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Ich sehe, was der Absturz mit der Wirtschaft macht. Er lässt Börsenkurse steigen und sinken. Es wirkt zynisch:

»Nach #Germanwings-Absturz: Stimmung an Deutscher Börse eingetrübt. #Lufthansa-Papiere verlieren mehr als 4 Prozent an Wert.«

twittert hrInfo.

Leider steckt dahinter eine schlüssige Logik. Die Wirtschaft, die Finanzen verstehen Begriffe wie »betroffen sein«, »Mitgefühl« oder »Menschenleben« anderes als ich oder die sieben Milliarden. Der Wirtschaft, den Finanzen ist nur dieser Blick auf den Absturz möglich: Die Übertragung von verlorenen Menschenleben in Zahlen. Menschenleben werden in konkrete Werte umgerechnet. Ihr Verlust bedeutet finanzielle Gewinne und Verluste. Eine Übersetzung findet statt, die ungehörig scheint. Der Information des Flugzeugabsturzes wird die gleiche Relevanz zuteil wie der Information über den Rücktritt eines Vorstandsvorsitzenden. Der Wirtschaft ist dabei kein Vorwurf zu machen. Es ist ihre Logik. Der Vorwurf ist denen zu machen, die dieser Logik den Vorrang geben.

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Ich sehe, wie der Absturz medial aufbereitet und verbreitet wird. Würde er das nicht, würde ich nie davon erfahren. Ich frage mich, was ich wissen muss über den Absturz. Wo geschah er? Wie geschah er? Weshalb geschah er? Was für Folgen ergeben sich daraus?

Alles andere, interessiert mich das? Möchte ich Reporter vor Schulen stehen sehen und Voice-Over-Stimmen über Bilder von kerzenanzündenden Trauernden sagen hören, dass die Trauer groß sei und das Entsetzen unfassbar? Möchte ich Reporter in Flughäfen vor leeren Gepäckförderanlagen stehen sehen und sagen hören, dass Psychologen die Hinterbliebenen in Empfang nehmen? Möchte ich, dass Reporter ankommende Fluggäste fragen, wie diese sich fühlen und diesen dann nichts bliebe als zu sagen: »Ja, ich bin sehr betroffen«, was sie sicher auch sind. Und zugleich sind sie glücklich, diese sicher gelandeten Fluggäste, weil sie sicher gelandet sind und deshalb leben.

Wie könnten solche Interviews etwas anderes als Unbehagen hervorrufen? Und doch liegt möglicherweise auch darin eine Logik: Besser unbehagliche Interviews mit glücklich/betroffenen Flugreisenden in Düsseldorf zeigen als eine weitere Folge »Comedy mit Karsten«.

Doch warum solche Interviews anstatt Informationen über Wo/Wie/Warum? Was ist der Mehrwert für mich, den fassungslosen Zuschauer? Der Mehrwert muss die Emotion sein. In anderen Gesichtern Trauer und Entsetzen, Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit, vor allem Mitgefühl gespiegelt zu sehen, lässt mich die eigene Trauer und das eigene Entsetzen, meine Hilflosigkeit und mein Mitgefühl, das ja menschlich ist, umso stärker spüren. Es macht die Geschichte, die sonst eine von Zahlen wäre, von Höhenmetern und Wartungsstunden, von Betriebsjahren und Opferzahlen, zu einer Geschichte von Menschen.

Dabei weiß ich das. Ich weiß das, wenn ich zum ersten Mal höre: »Ein Flugzeug ist abgestürzt. Mit Überlebenden wird nicht gerechnet.« Ich weiß das. Müsste ich mehr wissen, um zu verstehen? Ein Flugzeug ist abgestürzt.

 

 

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