Miteinander reden am Wielandplatz

wieland (4) Da ist ein Platz in einer Stadt. Und der Platz liegt mitten in dieser Stadt. Am Abend kommen Menschen dorthin. Sie holen Bier aus dem angrenzenden Supermarkt, sie sitzen auf Steinbänken und sie reden miteinander.

Da sind Anwohner. Sie wollen schlafen, wenn es dunkel wird, weil sie am nächsten Morgen früh aufstehen müssen. Sie können nicht schlafen, weil sie hören, wie auf dem Platz Menschen miteinander reden.

Da sind Geschäftsleute und eines der Geschäfte ist ein Hotel und einigen Hotelgästen geht es wie den Anwohnern, sie können nicht schlafen und vielleicht bewerten sie deshalb das Hotel auf Portalen mit wenigen Sternen, weshalb sich zukünftig Gäste gegen einen Aufenthalt in diesem Hotel entscheiden könnten.

Da ist das Zitat einer Hoteldirektorin:

»Wer aber Weimar besucht, glaubt, eine Kleinstadt zu besuchen. Man erwartet keine belebte Piazza, in der auch nachts das Leben tobt. Gäste, die Weimar besuchen, kommen mit einer ganz anderen Vorstellung.«

Da sind Beschwerden im Umlauf und Diskussionen im Gange und in der Zeitung steht etwas von einer »umstrittenen Partyzone« und es ist von »Lärm« die Rede und »Feiervolk« und Kolumnisten schreiben von »Lauthälsen« und »Geschwätz«. Und da ist ein Dienstag Abend, ein nicht allzu heißer, recht typischer Weimarer Sommerabend, an dem in der Schillerstraße die letzten Eiskugeln des Tages verkauft und Pizzen am Frauenplan gegessen werden und Skater unterwegs sind und Schüler in Gruppen und Fahrradfahrer geschickt Ehepaare umkurven und Pärchen schlendern.

wieland (1)Und da bin ich, wie ich zum Wielandplatz gehe und dort einen Freund treffe, der im Nahkauf zwei Flaschen Bier holt. Und wir überqueren die Kreuzung, wir laufen die Treppe hoch zum Dichterdenkmal und lassen uns auf einer der runden Steinbänke nieder.

Und da sind vielleicht vierzig Menschen, mehrheitlich jünger als wir, in kleinen und größeren Gruppen sitzen sie zusammen und trinken und reden. Und auf einem Fahrradanhänger steht eine selbstgebaute Musikanlage, die mit einer Autobatterie betrieben wird. Kurz nach zehn Uhr wird sie vom Platz geschoben.

Wir aber sitzen weiterhin auf der Steinbank und machen das, was alle hier machen: keine Party. Wir reden einfach. Und ab und an schweifen unsere Blicke umher, denn es gibt viel zu sehen, hauptsächlich Menschen. Menschen anschauen ist immer interessant. Aus dem Nahkauf, dem Späti, tragen diese Menschen Bierkästen, manche direkt zum Platz, manche zu den anliegenden Gebäuden. Die Deckel der am Platz aufgestellten Mülleimer klappern, Verbrauchtes wird entsorgt.

Elf wird es, später zwölf. In regelmäßigem Abstand erscheinen Pfandflaschensammler, denen die Anwesenden die geleerten Flaschen reichen. Es gibt kurze Gespräche, die Sammler sammeln auch die Kronkorken ein. Als Regen einsetzt, ziehen sich die Anwesenden in die Hauseingänge zurück. Die Gespräche laufen weiter, getrunken wird weiter, weiterhin keine Party, weiterhin das Reden. Nach Mitternacht ist das Bier getrunken, wir verlassen den Wielandplatz. In der Stadt ist es jetzt stiller, aber nicht still.

wieland (2)Und da ist Tage später eine Podiumsdiskussion. Da stellt das betroffene Hotel einen Tagungssaal zur Verfügung, da lädt eine Zeitung ein und eine Vertreterin der Stadt erscheint, Vertreter der Wielandplatz-Initiative, die Hoteldirektorin ist dabei und auch der Polizeichef. Da kommen viele Anwohner und noch mehr Studenten.

Und man sitzt zusammen und legt Positionen dar und sichert einander Verständnis zu, erklärt sich bereit, reden zu wollen und eine Lösung zu finden und findet es gut, miteinander ins Gespräch kommen zu können. Und das Gespräch schreitet voran und wirft Fragen auf: Wo und bis wann darf Alkohol getrunken werden? Wie viele Anwohnerbeschwerden gab es bei der Polizei? Was erleben die Ordnungskräfte auf ihren Kontrollgängen? Wie viel Dezibel sind nach 22.oo Uhr erlaubt und wie laut sind 40 Dezibel? Wie definiert sich eine Party?

Da werden einige Anwohner sehr emotional und sagen mehrmals »Ich muss das jetzt mal so platt sagen«, wenn sie einen vulgären Ausdruck benutzen, wie sie ihre Lage beschreiben, vom fehlendem Schlaf sprechen, von ihren Kindern, vom Wecker, der vor Sonnenaufgang klingelt. Immer zeigen sie Verständnis für die Studenten, sagen, dass sie früher auch gefeiert hätten, Halleluja, was haben wir gefeiert, sagen sie. Aber heute kann ihre Position nur eine andere sein, heute müssen sie schlafen können, weil sie arbeiten müssen.

Und es stellt sich heraus, dass es im Tagungssaal Gruppen gibt, die klar strukturiert sind, die eindeutige Ansprechpartner haben und deshalb auch gesteuert werden können – die Stadt als Legislative, die Polizei als Exekutive, die Presse als Vierte Macht, selbst die Anwohner bilden eine solch fassbare Gruppe.

Doch da ist noch eine andere Gruppe – die auf dem Platz miteinander Redenden – die keine Gruppe ist, weil sie sich jeden Abend neu zusammen findet und nach jedem Abend wieder auseinander fällt, die deshalb keiner Ansprache folgen kann, die sich nicht steuern lässt, einfach, weil diese Gruppe nicht exisitiert.

Und noch etwas stellt sich heraus: Keine Partys werden am Wielandplatz gefeiert. Man kommt zusammen, man sitzt zusammen, man trinkt zusammen. Und wenn Menschen zusammenkommen, entstehen Geräusche. Und Geräusche stören beim Schlaf.

wieland (3)Da wird um Toleranz gebeten. Die Anwohner bitten darum, leiser zu sprechen. Doch auch leise Geräusche sind schon Geräusche und stören beim Schlaf. Man müsste sich im Tagungssaal eingestehen: Sollen die Geräusche verschwinden, müssen die Menschen verschwinden.

Und da ist immer noch das Zitat, das sagt, dass man in Weimar keine belebte Piazza erwartet, dass auswärtige Gäste (also Kunden) eine andere Vorstellung von der Stadt haben könnten. Und deshalb ist die Frage, die am Wielandplatz beantwortet werden müsste, nicht die nach Toleranz und Verständnis, sondern die Frage, was diese Stadt sein möchte:

Ein Klassikermuseum vielleicht, das tagsüber besichtigt wird, um am Abend einen guten Rotwein am Frauenplan zu trinken und ab 22:00 Uhr schlafen zu können? Oder sollte der Stadt eine Form von Lebendigkeit innewohnen, die etwas Ungewisses, Störendes, nicht Kontrollierbares in all das so sorgsam Kultivierte brächte?

Da spricht eine der Anwohnerinnen emotional von der Lebensqualität, die durch das Reden am Wielandplatz verloren gegangen sei. Und da fragen die Studenten, die Jungen, die Miteinander-Redenden, wie viel Lebensqualität verloren ginge, wenn die Plätze der Stadt keine öffentlichen Orte mehr sein könnten. Wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen vom öffentlichen Leben ausgenommen wird, wenn dieser Gruppe gesagt wird: Für euch und eure Vorstellungen vom guten Leben ist in dieser Stadt kein Platz. Ihr könnt an den Rand gehen, ihr könnt in Tiefgaragen eure Musik hören, ihr dürft in euren Zimmern sein, Hauptsache, ihr seid dort, wo die Stadt euch nicht wahrnehmen kann.

Und sollte das die Antwort sein, dürfte sich die Stadt nicht wundern, wenn das Lebendige, das Ungewisse, das Störende verschwände, wenn die Stadt eine der Städte werden würde, in denen ab achtzehn Uhr Stille herrschte und Leere einzöge und damit ein schleichender Tod.

Und da ist keine Lösung in Sicht, kein Kompromiss, keine Entscheidung. Doch da ist vielleicht ein Sommer, in dem es bald mehr regnet und da sind Studenten, die sowieso den Sommer nicht hier verbringen und da braucht es keine Lösung und keine Entscheidung und man kann sich beruhigt wieder schlafen legen, weil Stille und Leere eingezogen ist am Wielandplatz oder  anderen Plätzen der Stadt, an der es lebendig sein könnte.

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Wieland & wir

So wurde der Weimarer Wielandplatz zur umstrittenen Partyzone

Diskussion zum Wielandplatz: „Ohne Rücksicht keine Einigung“

Hotelchefin fordert Stadt zum Handeln am Wielandplatz auf

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