Die guten Anliegen

anliegen 1 Mehrmals die Woche werde ich angesprochen. Von Menschen, die ein Anliegen haben. Meistens stehen sie am Goetheplatz in Weimar. Sie haben Stände aufgebaut, halten Mappen in den Händen und tragen ein zupackendes Callcenterfreundlichkeitslächeln auf den Lippen. Wer von dieser Seite in die Stadt will, muss über den Goetheplatz gehen. Deshalb ist es ihnen ein Leichtes, dort Passanten anzusprechen.

Vermutlich legt mein Äußeres die Vermutung nah, ich könnte mich für Anliegen interessieren. Ich werde gefragt, ob ich mich für die Rechte von Tieren interessiere, die Rechte von Menschen, die Rechte von Kindern. Ich werde gefragt, ob ich mich für Umweltschutz stark machen möchte, für Delfine, für Resozialisierungmaßnahmen. Ich werde gefragt, ob ich mich gegen Kinderarbeit positionieren möchte, gegen Massentierhaltung, gegen Gentechnik. Ich werde gefragt, ob ich soziale Dienstleistungen unterstützen will, demokratische Entscheidungsprozesse, nachhaltige Landwirtschaft. Ich werde gefragt, ob ich Älteren, Schwächeren, Hungernden Hilfe leisten möchte.

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Ich möchte das alles. Ich interessiere mich für alles. Ich halte alles für unbedingt notwendig. Aber es ist mir nicht möglich, jeden der Vereine, der sich für ein bestimmtes Anliegen stark macht und dafür von mir finanzielle Unterstützung in Form eines jährlichen Mitgliedbeitrags erbittet, beizutreten. Ich habe mir angewöhnt, um ein Informationsblatt zu bitten und darauf hinzuweisen, dass ich niemals Verträge auf der Straße unterschreibe. In den allermeisten Fällen erlischt das Interesse an mir als Vereinsmitglied augenblicklich, was verständlich ist hinsichtlich einer möglichen Provision.

Im Internet ist es ähnlich. Auf Facebook erscheinen Links und Bitten um Likes und Kommentare gegen das Tragen von Pelzen, für einen griechischen Schuldenschnitt, gegen TTIP, für Flüchtlinge. Ein Boykottaufruf von Nutella erscheint über einem Artikel, der das Leiden der Kinder in Syrien beschreibt. Menschenrechte für Menschenaffen werden gefordert. Veganer weisen auf Massentierhaltung hin, meisten mit sehr drastischen Bildern (überhaupt weisen Veganer ausdauernder und mit extremerem Bildmaterial auf ihr Anliegen hin als andere). Es werden Artikel gepostet über den Gender Pay Gap, über Hate-Speech, Mobbing, Panoramafreiheit, Überwachungsmechanismen, Drohnenkriege, Kindersoldaten, neoliberale, homophobe, faschistische Aktionen.

Das Internet ist voll von Anliegen und zu den allermeisten habe ich eine Meinung und einen moralischen Standpunkt. Wenn ich darauf angesprochen werde, versuche ich Meinung und Standpunkt auszudrücken.

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Allerdings like ich nur selten ein solches Anliegen. Noch seltener kommentiere ich (und wenn, dann bezieht sich der Kommentar weniger auf das Anliegen selbst als auf die Art und Weise, wie über das Anliegen gesprochen wird). Noch seltener weise ich von mir aus auf ein Anliegen hin. Dabei befinde ich mich noch immer in einem virtuellen Raum, in dem alles, was passieren kann, ein abstrakter, bestenfalls gedankenanregender Vorgang ist. Da ist noch kein Korn gesät, kein Hermelin gerettet, keine Palmbaumplantage vermieden.

Ständig gibt es unbedingt notwendige Anliegen für die gute Sache. Ich kann der Vielzahl der Anliegen nicht Herr werden. Also muss ich gewichten. Ich muss entscheiden, ob mir die Überfischung der Meere wichtiger ist als die Enthauptung von Journalisten. Ich muss wählen zwischen hungernden Kindern im Südsudan und hungernden Rentnern in Griechenland. Ich muss urteilen, ob mich die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien stärker berühren soll als die globale Erwärmung.

Ich muss beschließen, mit welchen der guten Anliegen ich mich näher beschäftige, über welche ich mich informiere, welche ich wie nah an mich heranlasse. Ich muss entscheiden, von welchen Anliegen ich nur grobe Vereinfachungen, von welchen nur Schlagworte und welche Anliegen ich sofort wegklicke und wegwische.

Es ist unmöglich, solche Entscheidungen zu treffen. Sie jeden Tag zu treffen, sie jedes Mal zu treffen, wenn ich einen solchen sozialen Kommunikationsraum betrete, kann nicht gesund sein. Also muss ich Strategien entwickeln, um mich davor zu schützen, um von Schuldgefühlen, Abstumpfung und Zynismus nicht dauerhaft verletzt zu werden.

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Manchmal nutzen die Panzer, die ich anlege, nichts. Das hat viel mit Feindbildern zu tun.

Zum Beispiel die Griechenlandkrise. Es ist doch so:

Selbstverständlich trägt die griechische Regierung Schuld an der Griechenlandkrise.
Selbstverständlich trägt die EU Schuld an der Griechenlandkrise.
Selbstverständlich tragen Banken wie Goldman-Sachs Schuld an der Griechenlandkrise.
Selbstverständlich trägt die Austeritätspolitik Schuld an der Griechenlandkrise.
Selbstverständlich tragen Ökonomen Schuld an der Griechenlandkrise.
Selbstverständlich trägt die EZB/IWF Schuld an der Griechenlandkrise.
Selbstverständlich trägt das Griechen-Bashing deutscher Medien zur Griechenlandkrise bei.
Selbstverständlich trägt das Deutschland-Bashing griechischer Medien zur Griechenlandkrise bei.

Das sind acht Sätze, die nicht mal ansatzweise die Komplexität des Themas andeuten. Und wahrscheinlich haben die meisten spätestens schon beim Wort »Austeritätspolitik« den Absatz übersprungen, in der Hoffnung, der nächste Absatz wäre verständlicher. Aber es ist nicht möglich, die Griechenlandkrise zu verstehen. Deshalb ist es nicht möglich, darüber ohne Frustration zu sprechen.

Dennoch hat es den Anschein, als ob seit fünf Jahren sehr viel darüber gesprochen wird.

Wie spricht man über etwas, das größtenteils Frustration hervorruft?

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Dieter Nuhr hat nach dem Referendum der Griechen einen Tweet geschrieben: »Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!«

Die Reaktionen auf den Tweet waren, man kann sich das vorstellen, recht vielfältig. Vielfältig im Sinn von extrem im Sinn von unverhältnismäßig. Plötzlich ist das komplexe Griechenland-Thema auf eine Sache reduziert. Man muss nicht mehr über Austeritätspolitik reden oder die Rolle von Goldman-Sachs beim griechischen Euro-Beitritt. Die Griechenland-Frage verdichtet sich auf Nuhrhass oder Nuhrhasserhass. Ausrufezeichen sind erlaubt und Großbuchstaben. Der Panzer wird abgelegt. Man muss nicht mehr wählen, muss keine unmögliche Entscheidung mehr treffen. All das kann man hinter sich lassen.

Endlich muss man nicht mehr gewichten.

Endlich darf man schreien.

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