Das beliebteste Volk der Welt


Wisst ihr noch, als wir Deutschen das beliebteste Volk der Welt waren? Als wir wieder unbeschwert Fähnchen schwenken konnten und Sommermärchen rufend durch Berlin zogen, als wir stolz und zufrieden die Umfragen auswendig lernten, die bestätigten, dass Völker uns mehr liebten als andere Völker, selbst als Touristen waren wir beliebt, weil wir weltoffen und bescheiden waren, zwar noch immer ein wenig hüftsteif und akribisch, aber das war sympathisch, auf eine entzückend altmodische Weise liebenswert und wir wollten auch tanzen und nicht mehr verbissen sein und das Entspannt sein wollten wir lernen, wir wollten uns Mühe geben, uns weniger Mühe zu geben und wir hatten den Gürtel enger geschnallt und dafür den Aufschwung bekommen und wir hatten aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und uns eine angemessene Zeit lang angemessen verhalten.

Wisst ihr noch?

Wisst ihr noch, als wir Deutschen im Sommer 2015 locker tänzelnd im Takt von Felix Jaehn vor die Welt traten und der Welt zuriefen, »Welt, zeig uns mal, wie sehr du uns liebst«. Doch die Welt war erstaunt, dass wir noch so dachten. Die Welt sagte »Diese Liebe, sie war einmal gewesen«. Und wir fielen aus allen Wolken, wir konnten das nicht glauben, wir wollten nicht glauben, dass die Welt uns nicht mehr so sehr liebte.

»Warum?«, fragten wir die Welt und die Welt zeigte auf Griechenland und sie zeigte auf Verhandlungszimmer, sie nannte uns jeden der Momente, als wir »Der Grieche an sich« gesagt hatten und sie zeigte Karikaturen sirtakitanzender Griechen, die unser Geld fraßen, unser Geld hatten sie gefressen. Und die Welt zeigte auf Flüchtlingsheime, die brannten und sie zeigte uns Meldungen, die nicht auf den Titelseiten erschienen, sondern unter »Sonstiges« und sie zeigte uns Menschen, die Menschen, die anderen Menschen halfen, mit Steinen bewarfen und sie zeigte uns besorgte Bürger, die Menschen als Maden bezeichneten und wie wir das im weitesten Sinn als die Äußerung besorgter Bürger verstanden.

Und wir, noch immer erschrocken, dass die Welt uns in diesem Sommer urplötzlich und wie aus dem Nichts so weniger lieb hatte, wir distanzierten uns umgehend und riefen, »Das waren nicht Die Deutschen« und »Die Deutschen ist eine unzulässige Verallgemeinerung« und »So ist Deutschland gar nicht« und »Der Deutsche an sich ist doch anständig«.

Und die Welt sagte, ja, wenn das so sein sollte, dann sei jetzt der Moment gekommen, Stellung zu beziehen. Dann sei jetzt der perfekte Augenblick da, klar und deutlich auszusprechen, was eine verabscheuungswürdige Ungeheuerlichkeit sei. Dann sei bei allen drängenden und zu klärenden Fragen über Ursachen, Folgen, Problemen und Fehlern zuallererst eine moralische Entscheidung zu treffen, die Entscheidung zu helfen.

Denn da waren Menschen und sie brauchten Hilfe und wir müssten helfen, zuallererst müssten wir helfen, weil das menschlich wäre. Und wenn wir nicht hälfen, wenn wir Hass in Kommentare gössen, wenn wir mit Schildern vor Zeltstädten ständen, wenn wir Steine schleuderten, wenn wir Feuer legten und dummes Unwissen nachplapperten, dann dürften wir niemals wieder moralisch genannt werden. Niemals wieder. Dann hätten wir das Recht verwirkt, anständig genannt zu werden.

Die Welt wusste, dass es nicht einfach sein würde. Sie wusste, dass es zehn Freunde brauchte, die zuerst den Mut aufbrachten, offen für eine Sache einzutreten, bis man selbst diesen Mut aufbrachte. Jeder von uns hätte einer dieser zehn sein können. Doch meistens waren wir der elfte.

Die Welt wusste, dass es Zeit brauchte, bis die schweigende Mehrheit (die nicht schwieg, weil sie zustimmte, sondern die schwieg, weil sie nichts sagte oder nicht gehört wurde) eine sprechende Mehrheit wurde und nicht mehr überhört werden konnte, bis aus all den bezogenen kleinen Stellungen eine große bezogene Stellung wurde, die Stellung eines Landes.

Die Welt wusste, dass man sich dafür den »Ich habe nichts gegen Ausländer, aber«-Sagern offenbaren musste, man musste argumentieren, oftmals im privaten Kreis, wo eine solche Auseinandersetzung schmerzhafter war als in den Kommentarbereichen von sozialen Netzwerken. Die Welt wusste, dass es notwendig war, ein Vokabular für diese Gegenwart zu verwenden, das nicht verschleierte und beschönigte. Denn die Welt wusste, dass die Sache an sich nicht schwer war zu verstehen. Und eigentlich war es auch nicht schwer, sie auszudrücken. Eigentlich war es auch nicht schwer, dafür einzustehen.

Und dann sagte die Welt: »Es geht doch nicht darum, wie ich euch sehe und was ich von euch denke. Es geht darum, dass ihr euch noch im Spiegel anschauen könnt.«

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