Teilen und Nichtteilen

we hate hate

Gestern habe ich auf meiner Facebookseite den Verweis zu einem Artikel geteilt. Der Artikel berichtete vom Roboter hitchBOT, der als eine Art soziales Experiment auf eine Reise selbstständig durch die USA geschickt und nach zwei Wochen mutwillig zerstört wurde. Ich glaubte in dieser Nachricht einige Aspekte des menschlichen Wesens zu entdecken: das Streben nach mehr Wissen, das Bedürfnis, eine künstliche Intelligenz erschaffen zu wollen, der Altruismus der Menschen, die sich zwei Wochen lang um eine Maschine kümmerten und die Brutalität des Menschen, die ihn zerstörten. Auf bemerkenswerte Weise fand hier Grundsätzliches zusammen, weshalb ich beschloss, die Informationen darüber zu teilen.

Kurz darauf las ich einen Artikel, der vom Tod eines sechzehnjährigen Mädchens berichtete, das vor wenigen Tagen auf der Gay Pride Parade in Jerusalem von einem ultraorthodoxen Juden mit einem Messer attackiert worden war.

Ich hatte Fotos gesehen; der Attentäter Sekunden vor seiner Tat, wie er in seiner Jackentasche nach dem Messer greift. Der Attentäter, wie er in die Masse der Feiernden läuft und wahllos mit dem Messer in Menschen hineinsticht. Ein schwer zu ertragendes Fotos, wie der Attentäter das Messer in den Rücken eines Mädchens im grünen Shirt rammt, in den Rücken wohlgemerkt, knapp unterhalb des Hals, so dass das Mädchen nicht die geringste Möglichkeit hatte, sich irgendwie zur Wehr zu setzen. Der Attentäter, wie er mit leeren, schuldunbewussten Augen von Sicherheitskräften auf den Asphalt niedergedrückt wird.

Diesen Artikel habe ich nicht geteilt.

Später habe ich mich gefragt, warum ich es notwendig fand, die eine Information auf dem begrenzten Kanal, den die eigene Facebookseite darstellt, nach außen zu geben und die andere nicht.

Ich weiß es nicht. Beim Teilen oder Nichtteilen habe ich nicht darüber nachgedacht. Ich habe emotional gehandelt. Und habe das, was mich tief getroffen hat, nicht nach außen gegeben.

Vielleicht, weil es bei aller Tragik der Zerstörung eines Roboters, die wohl etwas Generelles über das widersprüchliche menschliche Wesen erzählt, eine letztlich abstrakte Tat bleibt.

Vielleicht, weil mich die Nachricht, dass eines der Opfer ihren Verletzungen erlegen ist, verstört und auf so vielen Ebenen traurig gemacht hat (und ich finde keine andere Möglichkeit, das ausdrücken zu können als »traurig sein«).

Die Willkür, mit dem ein solcher Messerstich einen Menschen findet und sie tötet. Der mitleidlose, menschenfeindliche Fanatismus, mit dem solch eine Tat ausgeführt wird. Das Alter des Opfers, das Leben, das vor ihr lag. Die Situation, in der die Tat geschah – eine Feier, um sich für ein gutes Miteinander einzusetzen. Das Wissen, dass es wieder und wieder solche Messerstiche geben wird.

Vielleicht ist so etwas nicht teilbar.

——–

hitchBOT auf USA-Reise zerstört
Mädchen stirbt nach Messerattacke bei Gay-Parade

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