Die Sommerfrische am Ende der Straße

Die Sommerfrische am Ende der Straße

Die Sache ist: Ich werde auf jeden Fall lügen. Für eine Ausstellung soll ich vier Tage auf Sommerfrische ins Salzkammergut gehen. Das kann natürlich nur scheitern. Was man Sommerfrische nennt, war vor hundertfünfzig Jahren und man fuhr einen Sommer lang. Ich lebe heute, ich habe keinen Sommer, ich würde also lügen, wenn ich behauptete, ich wäre auf Sommerfrische gewesen.

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Was ich allerdings habe: 333 Euro. Die stehen für meine Sommerfrische zur Verfügung. Damit miete ich ein Zimmer im Hotel Greif. Das Hotel Greif liegt in der Rainerstraße von Wels und damit etwa hundert Meter von meiner Dachgeschosswohnung entfernt. Ich finde mein Vorhaben vertretbar. Ansonsten bin ich ja auch zuhause und stelle mir schreibend die Welt vor. Für die besten Sätze muss ich nicht zwangsläufig hinaus. Und wenn ich schon lüge, dann will ich zumindest konsequent sein.

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Stände ich an einem der malerischen Salzkammergutseen, würde ich mich nicht an den sich devot zu den Bergen schmiegenden Hütten erfreuen können. Ich würde die Häuser sehen und die Grundstückspreise mitdenken. Über jedem individuell von einem Münchner Architekten gestalteten Dach würde eine virtuelle sechs- oder siebenstellige Zahl schweben und mich fragen, welche Hypothek auf diesem Glück wohl lastet. Welche Opfer mussten erbracht werden, um an diesem zauberhaften Ort leben zu dürfen? Oder schlimmer noch, mussten etwa keine Opfer dafür erbracht werden? Die totale Ökonomisierung der Gegenwart hätte mich verdorben. An den Seen würde ich kein Stück Menschengemachtes betrachten können, ohne mich zu fragen: Was ist das wert? Und: War es das wert?

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Hallstatt wäre ein Landschaftszoo, wie als wollte mich eine Tourismus-Marketing GmbH mit allem Nachdruck überzeugen, Worte wie »pittoresk« oder »Gänsehaut pur« zu verwenden. Die Marktgemeinde läge auf einer halbinselähnlichen Ausbuchtung am See, auf der sich die zierlichen Bootshäuser wie die geöffneten Schubladen einer antiquierten Kommode
übereinander stapelten. Das Wasser wäre schockierend klar, so dass die Berge, der Himmel, Hallstatt selbst doppelt vorhanden wären. Es wäre der pittoreske Metakommentar der Natur zum emsigen Kopierfleiß der Chinesen, welche das Örtchen eins zu eins in der Provinz Guangdong nachgebaut
haben.

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Die Schatten der Seilbahngondeln wanderten über den Waldweg wie Schatten von Vogelschwärmen. Fliegen stöben von Tierkot auf. Am Herrgottswinkel wären Bildnisse von Heiligen an die Stämme geschlagen. Auf den Lehnen der Bänke ständen die Namen der Seen, die ich sähe, wenn ich säße. Die Wegmarkierungen hätten die Farben der österreichischen Flagge, was seltsamerweise tröstlich wäre.

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In ausgedachten Geschichten so wie dieser kann ich die Gefahr suchen. Im wirklichen Leben besser nicht. Das wirkliche Leben lässt keine nachträgliche Korrektur zu. Was mir alles drohen könnte auf Sommerfrische im Salzkammergut: ein falscher Tritt und daraus folgend ein tödlicher Sturz. Steinschlag von der Felswand. Eine Lawine. Ein Zeckenbiss, der in einem halben Jahr für eine Hirnhautentzündung sorgen könnte, denn das Salzkammergut ist erhöhtes Risikogebiet. Die Salzkammergutbahn könnte mit mir darin entgleisen. Ein Ausflugsboot könnte kentern und ich würde im Mondsee ertrinken, ein Ortsname, der sich poetisch in meiner Traueranzeige machte, aber existenziell unvorteilhaft in der Vita. Höhensonnenbrand mit Spätfolgen. Lebensmittelvergiftung durch zu viel Gulasch. Angriffe durch aggressive Kuhherden, die nachweislich jedes Jahr mehrere Wanderer zu Tode bringen. Einen anaphylaktischen Schock durch einen Hornissenstich. Fuchsbandwurm durch das Verspeisen von Himbeeren am Wegesrand. Herzinfarkt aufgrund der ungewohnten Anstrengung. Hitzeschlag. Die Möglichkeiten, Opfer eines tödlichen Unglücks zu werden, sind auf Sommerfrische nahezu unendlich, größer jedenfalls als in einem Hotelzimmer. Ich bezweifle, dass das Risiko zu Sterben einen möglichen Gewinn durch Erholung aufwiegt.

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Schönheit kann nur durch Anstrengung erfahren werden. Diese Erkenntnis steht im fundamentalen Widerspruch zur Idee der Sommerfrische. Sommerfrische ist ein striktes Minimum an Aktionismus. Eine Stunde leichtes Schlendern wird schon als Anstrengung idealisiert, die es mit gespritztem Most und paniertem Kalbsschnitzel zu feiern gilt. Nein, es kann kein wahrhaft schönes Leben in der Sommerfrische geben.

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Ende Mai hätte ich für die Galerie der Stadt Wels auf Sommerfrische ins Salzkammergut fahren sollen. Hat aber nicht geklappt. Weil ich lieber ins Hotel gehen wollte. Trotzdem habe ich etwas darüber geschrieben, genau genommen 52 Seiten darüber, wie die Reise hätte aussehen können.

Diese Vorstellung ist nun als Heft erschienen, mit Fotos und Gedanken zu Kurparks, Fiakergulasch, Sisi und Smartphonetourismus. Der komplette Text in: Die Sommerfrische am Ende der Straße.

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(alle Fotos: T. Forster)

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2 Gedanken zu “Die Sommerfrische am Ende der Straße

  1. Also ich lebe in dauerhafter Sommerfrische genau hier und habe es 65 Jahre überlebt! Wir hätten uns sehr gefreut, wenn du tatsächlich gekommen wärst und hätten dich auch beschützt.Und ich hätte dich auch in alle Geheimnisse dieser Gegend eingeweiht.
    Liebe Grüße Edeltraud

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