Paris, 13/11 | Ich habe gesehen.

paris, 13.11.2015

Ich habe ein Fußballspiel sehen wollen und ich habe zwei Knalle gehört und ich habe in einem Liveticker humoristische Bemerkungen über die Knalle gelesen und ich habe den Kommentator sagen hören, dass es eine Schießerei in Paris gibt und ich habe den Kommentator sagen hören, dass er nicht weiß, wie er weiter berichten soll und ich habe in Twitter gelesen, dass es unverantwortlich ist, das Spiel während einer Schießerei weiterlaufen zu lassen und ich habe gehört, dass es eine zweite Schießerei in Paris gibt und ich habe von Toten gehört und ich habe in Twitter gelesen, dass es verantwortlich ist, das Spiel weiterlaufen zu lassen und ich habe in verschiedenen Tabs verschiedene Seiten geöffnet, die alle schrieben, dass mehrere Schießereien stattgefunden haben und Schießereien noch stattfinden, die alle schrieben, dass ein Konzertsaal gestürmt ist und Geiselnehmer Geiseln einzeln erschießen und ich habe den Schlusspfiff des Freundschaftsspiels gehört und ich habe Sportjournalisten über die Schießerei berichten hören und ich habe Menschen auf den Rasen laufen sehen und ich habe in Twitter gelesen und ich habe auf einen französischen Fernsehsender umgeschaltet und ich habe mehr Tabs geöffnet und ich habe den Hashtag prayforparis gelesen und den Hashtag jesuisparis und den Hashtag NousSommesUnis und ich habe das Peacezeichen als Eifelturm gesehen und ich habe die Matussekniedertracht gelesen und ich habe Livestreams gesehen und ich habe Fotos von Goldfoliedecken gesehen, die über Menschenkörper gelegt waren und ich habe Zahlen gehört und ich habe von einem Feuer in Calais gehört und ich habe und ich habe und ich habe

Ich habe nicht die Kraft gehabt, mich auszuloggen und auszuschalten. Ich habe das, was ich gesehen habe, mit den anderen Echtzeitkatastrophen verglichen. Ich habe überlegt, in einen meiner Accounts die französische Flagge als Profilbild einzustellen. Ich habe überlegt, etwas zu posten, das zu Besonnenheit aufruft, etwas, das darauf hinweist, dass die Situation viel zu unübersichtlich ist, um irgendetwas sagen zu können. Ich wollte schreiben, dass es unsinnig ist, jetzt etwas darüber zu schreiben. Ich wollte schreiben, dass es wichtig ist, jetzt etwas zu schreiben und sei es, um die Fassungslosigkeit ausdrücken zu können.

Ich wollte schreiben, dass Liebe die Antwort ist. Menschlichkeit. Mut. Freiheit. Ich wollte schreiben, dass Angst, dass Pauschalisierungen, dass Hass, dass Anschuldigungen, dass Vergleiche, dass Aufrechnungen von Opferzahlen nicht die Antwort sind. Ich wollte von #porteouverte schreiben. Ich wollte Stellung beziehen. Ich wollte mich solidarisch zeigen. Ich wollte öffentlich trauern.

Ich wollte wütend sein auf alle, die jetzt schon wussten, was geschehen war, was zu tun war, wer Schuld hatte. Ich wollte wütend sein auf alle, die schon eine Meinung hatten. Ich wollte wütend sein auf alle, die die Meinung anderer gut fanden oder verurteilten. Ich wollte wütend sein auf alle, die schrieben, dass sie traurig waren und fassungslos, weil es klar war, dass jeder nur traurig und fassungslos sein konnte. Ich wollte nicht von mir schreiben, weil es hierbei nicht um mich ging.

Ich wollte schreiben, dass ich gerade das Töten von Menschen sehe. Ich wollte von allem schreiben, was ich gerade dachte und was ich gerade sah und dass ich es sah. Ich wollte nichts davon schreiben, weil ich nicht mehr zu sagen hatte, außer, dass ich das Töten von Menschen sehe.

Ich wollte die richtigen Worte finden.
Ich wollte sprachlos sein.
Ich wollte.

Am nächsten Morgen wachte ich auf. Es ist der vierzehnte November.

 

 

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