Kino | All die Lebensläufe, so lustvoll in Gesichter gemeißelt.

Steve Jobs | Inside Out | Spectre | Bridge of Spies | Irrational Man

Steve Jobs

Hier ist die Frage: Warum ein Theaterstück im Kino anschauen? Welchen Mehrwert bietet die Leinwand gegenüber der Bühne?

Die Form, für die sich Aaron Sorkin entschieden hat, um nicht unbedingt von Jobs Leben, als vielmehr von dessen Persönlichkeit zu erzählen, ist ein Drama in drei Aufzügen vor jeweils einer ähnlich kargen Kulisse: die Zeit unmittelbar vor einer der bekannten Jobs-Präsentationen (Macintosh / NeXT / iMac). Dabei treten dreimal die selben Personen auf, die dadurch die verschiedenen Facetten von Jobs Charakter vermitteln sollen.

Der Mehrwert zum Theater sind die sorkintypischen langen Kamerafahrten mit den pointierten, unendlich spitzfindigen Dialogen, die kein Mensch jemals so aufsagen würde und die mehr Informationen auslassen als vermitteln. Kann man als interessierter Zuschauer Teile davon decodieren, fühlt man sich gleich um zehn IQ-Punkte intelligenter.

Schwer macht es sich »Steve Jobs«, weil er einen Unsympathen porträtiert und sich keine Mühe gibt, seine Hauptfigur sympathisch zu zeichnen. Falls man also dem  Film eine Botschaft unterstellen möchte, dann für 98% der Laufzeit diese: Wer Großes leisten will, darf keinerlei Rücksicht auf seine Mitmenschen nehmen.

In den letzten zwei Minuten dreht sich das dann leider ins Gegenteil: Wirklich Großes kann nur schaffen, wer menschlich handelt. Vielleicht, weil es sich Sorkin und Boyle nicht mehr den Applejüngern verscherzen möchte. Oder weil Helden geläutert werden müssen.

Inside Out

»Inside Out« ist perfekt. Nicht perfekt in einer Weise wie es »2001« oder »Citizen Kane« sind, in denen man jedes Frame monatelang analysieren könnte wie das Gesamtwerk von Leonardo Da Vinci. Sondern perfekt, weil jedes Gefühl – und ich schreibe bewusst nicht von Emotion – sitzt. Weil jede Reaktion des Zuschauers, jeder Gefühlsabgrund, in den er stürzt, jede Euphorie, jede Erleichterung, jede Ergriffenheit, jede Trauer eingeplant ist und vorhergesehen ist und dennoch nichts davon kalkuliert und leblos scheint.

Jede vollgesogene Sekunde baut auf die andere auf und erzählt dabei vom Menschsein an sich. Jede Sekunde weiß genau, wann sie erklären muss, wann das Tempo anziehen, wann sie einfach nur albern sein darf, wann sie sich absurd surreale Ausflügen leisten kann. Jede Sekunde fügt sich perfekt ein.

Perfekt austarierte Filme gibt es einige. Nur ist »Inside Out« zudem eine der raren Geschichten, nach denen man einen neuen Blick auf die Welt haben kann. »Inside Out« gelingt es spielerisch, eine eigentlich hochkomplexe Sicht innerhalb weniger Minuten so glaubhaft erscheinen zu lassen, dass man sich fragt, wieso man nicht zuvor schon so auf die Welt gesehen hat.

Doch die größte Leistung ist der Moment, in dem »Inside Out« dem Schweren, Melancholisch und Traurigen nicht nur Platz einräumt, sondern es für unverzichtbar fürs Menschsein erklärt. Was der Film weitaus weniger pathischer schafft als diese Worte.


Spectre

Ich saß in einem Actionfilm und dachte die gesamte Zeit über: Hoffentlich ist die Action bald vorbei – Die Autoverfolgungen, die Flugzeugstunts, die Helikopterflüge, die Schießereien, die Messerstechereien, die Faustkämpfe. Ich dachte: Das habe ich in den vierundzwanzig vorherigen Bondfilmen gesehen, den JasonBourne-EthanHunt-Streifen, die aller schneller schneiden oder langsamer oder echter sind oder besser gestellt und mit weniger oder mehr CGI Welten bauen oder zerstören.

Dann ist da der Showdown: Die ultimative Bösewicht-Ikone Blofeld, dargestellt vom aktuell wahnsinnigsten Kinomaniac Christoph Waltz bohrt den unbesiegbarsten aller Helden in den Kopf. Keine Chance zum Entkommen. Wahnwitziger Auftakt zum grandiosen Finale einer vierteiligen Serie.

Knapp drei Minuten später ist das Finale vorbei. Das Bösewicht-Hauptquartier ist in die Luft gesprengt, der Bösewicht ausgeschaltet, ein paar läppische Gegner ebenso. Das Fehlen von Action nehme ich nun als Fehler wahr. Die psychologischen Erklärungsversuche interessierte mich auch nicht. Was vielleicht mein Problem ist. Vielleicht auch das des Films. Der weiß, dass man die gleiche Geschichte fünfundzwanzig Mal erzählen kann. Aber vielleicht nicht zweimal. So führt die Ermattung von Regisseur, Autor, Hauptdarsteller zu vielen unnötigen Schlampereien, die nur den Schluss zulassen: Mit diesem Team wird nicht noch einmal die Welt gerettet.

Bridge of Spies

Gefragt habe ich mich die gesamte Zeit über: Warum dieser Film? Warum macht Steven Spielberg, der alle Geschichten der Welt als Spektakel umsetzen könnte, ausgerechnet diesen Film? Und selbst wenn es Erklärungen gäbe – er dreht gern mit Tom Hanks, weil das so entspannt ist / er mag Berlin / er will eine Geschichte erzählen, die sich als Metapher für heute verwenden lässt, als Umgang einer Gesellschaft mit ihren Feinden /   bleibt die Frage: Warum gibt er sich so wenig Mühe? Sicher, die Ausstattung ist fantastisch, die Kamera, die das Licht auf den mit Wasser besprühten Straßen einfängt, die Schauspieler, all die in Gesichter gemeißelten Lebensläufe.

Aber wofür? Für eine halbherzige Gerichtsszene, in der Tom Hanks seiner Nation ins Gewissen redet und an deren demokratische Werte appelliert? Für eine spannungsarme Spionagegeschichte, die man spätestens nach »Dame, König, As, Spion« nicht mehr so behäbig erzählen kann? Für das Einfangen von Zeitgeschichte, die in ihrer Plattheit genauso desinteressiert an Exaktheit wirkt, wie man das amerikanischen Filmen gern vorwirft?

Bei fast jedem anderen Regisseur hätten sich diese Fragen nicht gestellt. Ich hätte etwas »zeitweise ambitioniert« geschrieben, von der hochwertigen Produktion und dem belanglosen Ausgang. Aber Spielberg?

Irrational Man

Neben mir im Kino saß eine ältere Dame, die mehrmals lachte; so ein wissendes, die eigene Vermutung bestätigendes Lachen war das, wie als wäre genau die absurde Situation eingetreten, mit der sie gerechnet hatte.

Und tatsächlich: Der Film beginnt mit der Offstimme einer Studentin, die erzählt, dass an ihrer Universität ein neuer Professor erwartet wird, ein Frauenheld, von dem gesagt wird, dass er Affären mit seinen Studentinnen eingeht. Gleich darauf diskutiert sie mit ihrem Freund das Szenario, in dem sie die Geliebte des Professors wäre. Im Kopf der Zuschauer hat da der Film längst schon begonnen: er weiß, dass die Studentin mit dem Professor zusammenkommen wird. Was bald auch geschieht.

Dem Zuschauer wird sehr  vordergründig verdeutlicht, was geschehen wird. Diese Methode wendet Allen den gesamten Film über an. Alles, was passiert, erfüllt die Erwartung des Zuschauers, der dann eben so lacht wie die Dame neben mir und zufrieden ist mit sich und seiner Klugheit.

Ein hochinteressanter Effekt, der so offensichtlich eingesetzt ist, dass er kein Zufall sein kann. Besonders, weil Allen einmal die Erwartungshaltung unterläuft. Doch da ist »Irrational Man« auch fast schon am Ende. Danach kommt nur noch der lascheste Nachsatz, den man lange Zeit im Kino sah. Was auch Absicht sein muss. Ebenso wie Joaquin Phoenixs schlampige Hemden, die das Gegenteil der Hemden aus »The Master« sind.

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