Theater in Weimar.

dnt weimar - diskussion

Wir sitzen im Deutschen Nationaltheater Weimar. Das allein ist schon eine Sensation. Denn das DNT existiert, wie jemand später anmerken wird, seit den Kreuzzügen. Dann kam die Entdeckung Amerikas, dann Goethe, dann Friedrich Ebert, dann die Nazis, dann der Sozialismus, dann der Kapitalismus.

Heute kommen der Oberbürgermeister und der Intendant, der Kulturminister und die Staatssekretärin ins DNT. Sie sitzen auf der Bühne und sprechen vor vielen Weimarern über die Zukunft des Theaters. Oder anders: So gut wie alle sprechen über die Zukunft des Weimarer Theaters. Der Minister spricht über die Zukunft der Theater in Thüringen.

Auch in Zukunft wird es Geld geben. Für Theater. Aber weniger. Oder mehr. Auf jeden Fall anders. Dafür reist der Minister in Thüringens Theaterstädte und spricht in den Theatern über die Zukunft dieser Theater. Jede Theaterstadt wird zu Recht erklären, dass gerade dieses eine Theater unverzichtbar sei; Arbeitsplätze, Stadtidentität, Lebensmittelpunkt, über Jahre gewachsenes Kulturbiotop, Integrationsarbeit, Bildungsort. Für Weimar und die Weimarer, wird in Weimar gesagt, sei das Theater die Seele der Stadt.

Schnell werden zwei Dinge klar: Der Minister will nicht in die Spitze. Er will in die Breite. Er will, zumindest erklärt er das so, dass Theater in ganz Thüringen bestehen. Auch in der, wie es genannt wird, Peripherie. Also jenseits von ErfurtWeimarJena. Und er will Gerechtigkeit. Zumindest erklärt er das so. Gerechte Bezahlung will er, Bezahlung nach Tarif, keine prekären Situationen für angestellte Kulturschaffende. Was mehr Bezahlung bedeutet, was mehr Ausgaben bedeutet, was bedeutet, dass irgendwo irgendjemand auf Geld verzichten muss.

Und eine zweite Sache wird deutlich: Der Minister und die Staatssekretärin sind – zurückhaltend formuliert – dem Gedanken nicht abgeneigt, aus zwei Theatern eins zu machen. Ein Theater an zwei Orten, Erfurt und Weimar. Annäherung erst, dann Kooperation, schließlich Fusion. Kurz, Mittel, Langfristig. Einsparung. Synergieeffekte. Das DNT. Goethe, Nationalversammlung, weltweite Strahlkraft. Vs. Erfurt. Immerhin Landeshauptstadt.

Das Publikum formuliert Vorbehalte gegenüber Erfurt. Erfurt, das politische, das administrative Zentrum Thüringens, die Stadt mit einer wieder gegründeten Universität, Erfurt, der politisch gewollte Verkehrsknotenpunkt des Landes, für den der Fernverkehr durch Weimar, Jena, Gera rauscht, aber nicht mehr hält. Dieses Erfurt möchte sein Theater nun mit dem bedeutenden Nationaltheater verschmelzen. Der Vorbehalt der Weimarer ist: Auf Kosten Weimars.

Weimar verliert ständig an Bedeutung. Mancher Weimarer auch die Verhältnismäßigkeit. Jemand vergleicht die Weimarer Musiker mit den Erfurter Musikern anhand von Vollmilch und Magermilch. Andere betreten während der Diskussion die Bühne mit einem Transparent, auf dem der Vergleich gezogen wird zu einer Plenumssitzung des Zentralkomitees der SED.

Andere Weimarerinnen bringen die schöne Metapher des Klangkörpers ins Spiel, ein Orchester als eigenständiger Klangkörper, den man nicht beliebig austauschen, kürzen, ergänzen, fusionieren könne. Weimarer lesen vorbereitete Reden vor, die an die Historie des Hauses erinnern. Kein Name ist zu groß, um ihn nicht zu nennen. Ehrfurcht erfüllt den Saal. Weimarer richten Appelle an den Minister. Weimarer Studentinnen sprechen von ihrer Zukunftsangst, die sie beim Lesen des Thesenpapiers 2025 empfinden. Ein Weimarer nennt Thüringen ein reiches Land, eine Äußerung, die erstaunlicherweise keine Lacher auslöst.

Es wird klar: Jeder hat eine Position. Und die Position der Weimarer kann nur sein, das Weimarer Theater, die Weimarer Kultur für einzigartig und deshalb unverzichtbar zu erklären. Und die Position des Ministers dürfte sein, dies anzuerkennen und gleichzeitig die Theater in Eisenach und Gera, Nordhausen und Meiningen ebenso für unverzichtbar zu erklären. Und dann begännen die Verhandlungen und je entschiedener eine Seite verhandelte, desto mehr bekäme diese Seite vom wenigen Geld.

Irgendwann kommt jemand auf Kultur zu sprechen. Kultur als freiwillige Leistung eines Landes. Und freiwillig bedeutet: nicht unverzichtbar. Und verzichtbar bedeutet: wenig Geld.

Spätestens da müssten sich die Anwesenden einig sein. Spätestens jetzt müssten wir aufstehen und das schöne DNT verlassen und uns in den Landtag setzen oder in die Länderfinanzausgleichskonferenzen oder gleich in den Reichstag und dort die Freiwilligkeit der Kultur in Abrede stellen. Denn im Prinzip ist für alle in diesem Raum etwas nicht freiwillig oder optional. Sondern unverzichtbar: Kultur.

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