Alben 2015 | Besonders gegen Erwartungen.

zugezogen

Zugezogen Maskulin – Alles Brennt
Zu HipHop und Rap kann ich nicht viel sagen. Dabei müsste mich Musik, die so viel Wert auf das Wort legt, eigentlich unablässig begeistern. Dass dem nicht so ist, liegt möglicherweise an den Weltbildern, auf welche die verwendeten Worte zu oft Bezug nehmen, Ansichten zur Gesellschaft, die natürlich die Gesellschaft abbilden. Aber eben auch Haltungen, die zu oft nicht mit meinen kompatibel sind. Sicher finde ich es interessant, wenn Haftbefehl eine neue Sprache erfindet. Aber ihn allein deshalb abfeiern, geht dann eben doch nicht.

Anders Zugezogen Maskulin. Die erfinden keine Sprache. Aber sie verwenden sie, um die Gegenwart zu beschreiben. Grimmig, schlau, poetisch, genau, direkt und vor allem empathisch und wütend. Wütend auf die Umstände, die wir trotz aller Widersprüche weiterhin zulassen. Und empathisch genug, um Opfer nicht als Schimpfwort zu verwenden. Wenn ein Jahr gemacht war für ein Album wie »Alles Brennt«, dann 2015. Mein Liveticker des Jahres.

blur

Blur – The Magic Whip
Sollte iTunes die Wahrheit sprechen, dann mit der Zahl, die am Ende des Jahres das am meisten gespielte Album des Jahres zeigt. In meinem Fall: »The Magic Whip«. In einem japanischen Hotelzimmer auf der Reuniontour aufgenommen (von der ich ein grandioses Konzert in Berlin sehen durfte) und später von Graham Coxon bearbeitet. Zwölf Songs, jeder wäre auf »13« ein weiterer Höhepunkt gewesen. Outtakes wie Meisterwerke.

björk

Björk – Vulnicura
Eine Liebe scheitert. Und Björk erzählt von diesem Scheitern, einer Geschichte von Berührungen, die in einem schwarzen See verschwindet. Unterstützt wird sie von Arca, der das fantastische FKA Twigs-Album (siehe Jahresliste 2014) und Teile vom wahnsinnigen »Yeezus«, darunter »Blood on the Leaves« (siehe Jahresliste 2013) produzierte. Zwei Ausnahmekünstler also in einer Ausnahmezusammenarbeit über einen Ausnahmezustand: Dem Ende einer Liebe.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Tocotronic – Das rote Album
Und nochmal die Liebe. Diesmal als gut aufgelegtes, herzblutrotes Manifest. Manifeste sind so eine Sache. Tocotronics letztes, »Wie wir leben wollen«, hatte mich vor zwei Jahren so gar nicht erreicht, weil da die guten Absichten unkenntlich unter meterdickem Make-Up verborgen lagen. Hier allerdings ist der erste Song »Prolog« Schlüssel: Mit den Mitteln des Shoegazes latent vorwärtstreibend, ohne Refrain, mischt sich Liebe mit diversen Gegenwartsbezügen und mäandert keinem Ende entgegen, sondern versteht sich als Loop. Nach dem selbstbezogenen Hidden Track »Date mit Dirk« springt das rote Album sogleich auf Anfang zurück, weil es Björk hoffnungsvoll zuraunt: Das Ende einer Liebe ist der Beginn einer Neuen.

schnipo

Schnipo Schranke – Satt
Auch schön: Neben Bands und Sängerinnen, die einen schon zwanzig Jahre begleiten, Bands zu finden, die neu sind. Die im Prinzip auch nichts und niemanden entsprechen. Blockflöten, Kluburlaub, Tamponaden, ein Duo mit klassischer Ausbildung und der Provokation vermeintlicher Abscheulichkeiten. Nicht jeder Schuss ein Treffer. Aber die besten Refrains des Jahres. Die man sich nicht überall mitzusingen trauen sollte. Oder gerade überall. Wer hier lacht, ist ein guter Mensch.

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Die Nerven – Out
Doppelt schön: Neben Bands und Sängerinnen, die einen schon zwanzig Jahre begleiten, Bands zu finden, die einen erst seit einem Jahr begleiten, von denen man aber hofft, dass noch viele Jahre dazu kommen werden. Die Nerven, nach wie vor der beste Bandname, weil Großschreibung = Kleinschreibung sein soll, Postpunktrio aus Stuttgart. Und keinesfalls gewillt, alles richtig zu machen. Oder es jemandem recht. Zum Beispiel mir. Hätten sie nur ein zweites »Fun« machen müssen. Stattdessen nehmen sie sich auf »Out« raus und zurück, kontrollieren die Ausbrüche und machen die Slogans kryptischer. Dauert also. Wächst also. Ist also weiterhin gegen alles. Besonders gegen Erwartungen.

white birch

The White Birch – The Weight Of Spring
Alben wie »The Weight of Spring« kann man sich nur einige Male im Jahr anhören. Weil sie von so schmerzhafter Schönheit sind, dass man befürchtet, sie würden sich beim Wiederholen abnutzen. Wie Bücher, die man nie zu Ende liest, weil sie nie aufhören sollen. So fragil, dass man beim Hören nicht zu atmen wagt.

sleater

Sleater Kinney – No Cities to Love
Wie oft ich damals vor dem Krieg »Dig Me Out« gehört habe. Und wie erstaunt ich war, wie leicht dieses beglückende Gefühl zu rekapitulieren ist. Postpunkpophymnen zum Niederknien.

viet cong

Viet Cong – Viet Cong
Viet Cong heißen nicht mehr Viet Cong, einen neuen Bandnamen haben sie noch nicht. Also steht hier noch Viet Cong. Und das zu Recht. So launig ist die Musik, die sie spielen allerdings nicht. Allerdings überhaupt nicht. Eher maximal klaustrophobisch. Shoegaze wie er in einem Bergwerk geschuftet wird. Sah niemals die Sonne.

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Chelsea Wolfe – Abyss
Und wieder Untiefen. Denn Abgründe sind oftmals am interessantesten. Singer/SongrwiterGothicDroneMetalArtFolk. Eigentlich eine Verbindung aus der Hölle. Was sicher so beabsichtigt ist.

Außerdem gern gehört:

Low – Ones and Sixes
Maria Hackman – We Slept at Last
Love A – Jagd und Hund
The Hirsch Effekt – Holon : Agnosie
Anna von Hausswolff – The Miraculous
Bilderbuch – Schnick Schnock
Jamie xx – In Colour
Sleaford Mods – Key Markets
Adna – Run, Lucifer
Godspeed You! Black Emperor – Asunder, Sweet and Other Distress
Nadine Shah – Fast Food
Sophie Hunger – Supermoon
Lana Del Rey – Honeymoon
Heather Nova – Red Moon
Dagobert – Afrika
Caspian – Dust and Disquiet
Peaches – Rub
K.I.Z. – Hurra die Welt geht unter

Die Lieder des Jahres

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