Star Wars | Das Nachstellen der Macht

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Nach etwa dreißig Minuten gibt es eine unerwartete Szene: Die alten Helden – Leia Organa, Han Solo, Luke Skywalker, Chewbacca – laden die neuen Helden zu sich nach Hause ein. Es gibt Kaffee und Kuchen, man plaudert miteinander und schaut dann gemeinsam »A New Hope« in der originalen Fassung an.

An dieser Stelle des Films hat der Film schon einiges geschafft: Er hat die neuen Helden – eine entschlossene Schrottsammlerin, einen draufgängerischen Stormtroopers-Deserteur, einen mutigen X-Fighter-Piloten, eine pfeifende Kugelrobotereinheit – so in das Universum geführt, dass sie sympathisch erscheinen und man interessiert ist an dem weiteren Verlauf ihrer fiktiven Leben. Außerdem hat der Film klar gemacht, was geschafft werden muss, damit er ein Ende finden kann. Ein Ziel ist definiert, mehrere Zwischenstationen, ein Bösewicht, einige Mysterien, die in den kommenden Episoden gelöst werden sollen.sw1

So sitzen die Helden also zusammen und weil notwendig ist, dass sie es bis zum Ende schaffen, schauen sie sich »A New Hope« sehr aufmerksam an. Dabei machen sie viele Notizen: In dieser Situation musst du dich so verhalten, dann und wann wegducken, losrennen, wegrennen, auf jemanden zurennen, hier einen kessen Spruch auf den Lippen tragen, der Droide muss rotieren und dort ein Kämpfer sagen »Wir bekommen Besuch«.

Diese Szene dauert ungefähr bis zum Ende des Films. Dann springt der Film zurück an den Punkt, an dem sich die Helden zum Star Wars-Schauen trafen. Von da an stellen die neuen Helden »A New Hope« nach. Die alten Helden helfen aus, wenn es mal knirscht, stehen den Geschehnissen jedoch sehr wohlwollend gegenüber.

Da der Schurke nicht zum Kaffeetrinken eingeladen war, kann er natürlich nicht wissen, wie die Geschichte verlaufen wird und muss deshalb eine empfindliche, aber noch keine endgültige Niederlage einstecken. Und weil er ein innerlich zerrissener Charakter ist, darf er sogar, um seine innerliche Zerrissenheit ausdrücken, »Ich bin innerlich zerrissen« sagen und danach eine Handlung vollziehen, für die ihn die Zuschauer auf immer hassen werden, etwas, was einem Schurken nur gut tun kann.

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So ist am Ende geschafft, was geschafft werden muss: eine todessternähnliche Superwaffe zerstört, Liebschaften deuten sich an, einige neue Türen sind geöffnet. Alle müssen zufrieden sein. Die alten Helden, weil die Staffel- bzw. Lichtschwertübergabe reibungslos geglückt ist und die neue Generation sich ganz wunderbar schlägt, zitiert, ohne zu plagiieren, ganz im Geist der Tradition, würdige, starke, interessante Nachfolger.

Die neue Generation freut sich, weil sie nun Teil des Stars Wars-Universums ist und geliebt und mythologisiert werden wird und dennoch neue Wege beschreiten kann. Die Zuschauer freuen sich, weil sie eine respektvoll modernisierte Reise in die Vergangenheit gemacht haben, ein Schaulaufen lauter Lieblingsmomente, sie an das wunderbare Alte erinnert wurden und es kein bisschen staubig und fahl aussieht, weil die Erinnerung so dreidimensional ist, sich diese Nostalgie auch der in Gegenwart kein bisschen fadenscheinig anfühlt.

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Und die Kinogeschichte freut sich ebenso, weil Han Solo noch einmal Leia umarmen darf, C-3PO mit R2-D2 schäkert und Chewbacca im Millenium Falcon fliegt, lauter ikonische Momente also, für immer im kollektiven Popkulturgedächtnis verankert. Und ein neues Genre gibt es dazu: kein Remake, kein Reboot, keine Fortsetzung, sondern ein Reenactment.

Ein Reenactment, das Nachstellen einer bereits bekannten Geschichte, bei der man nicht sofort weiß und wissen will, was eins zu eins übernommen ist und was minimal modifiziert und welche neue Figur Züge von Yoda trägt und welche vom Imperator und welche Textzeile Kopie ist oder Hommage sein soll und man sich warm umfangen fühlt von soviel Hingabe und Vertrautheit. »Das Erwachen der Macht« ist der 7. Teil einer Reihe, aber gibt sich viel Mühe, wie ein erster Teil zu erscheinen. Das ist ehrenvoll – und gerade nach Episode 1-3 – vielleicht der einzig richtige Weg, Star Wars fortzuführen. Doch es bleibt ein Widerspruch, der sich auf viele Szenen legt.

So gewinnt »Das Erwachen der Macht« auf ganzer Linie und verliert dennoch. Weil es unmöglich ist, zweimal das erste Mal Star Wars zu schauen. Bei aller Mühe, bei allem Respekt und bei aller Detailverliebtheit weiß ich – und deshalb bleiben die Hände am Ende mehrheitlich trocken – dass dieses Gefühl nicht zu wiederholen ist. Außer natürlich, ich wäre zehn oder elf Jahre und der erste Star Wars-Film, den ich im Kino schaute, wäre »Das Erwachen der Macht«.

 

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