Köln. Einself ist kein Dialog.

Es ist kompliziert.

Birgit Kelle fordert einen Aufschrei.
Die CSU setzt sich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann ein.
Ein Linker agiert mit antisemitischen Äußerungen.
Ein Rechter verteidigt Israel.
Ein Konservativer macht sich für Schwulenrechte stark.
Ein TTIP-Gegner möchte Sigmar Gabriel am Galgen hängen sehen.
Ein Putin-Sympathisant kritisiert die amerikanischen Drohneneinsätze.

Es gibt viele Positionen. Einige teile ich, einigen würde ich unter allen Umständen entgegentreten. Diese Positionen werden von Leuten vertreten, mit deren Meinung ich oft übereinstimme oder deren Weltbilder meinen fremd sind.

In letzter Zeit vermischt sich das oft. Leute, denen ich stets widersprochen habe, vertreten Meinungen, die auch meine sind. Meistens zögere ich dann. Meistens kann ich dann nicht so ohne weiteres zustimmen. Meistens brauche ich dann etwas Zeit, um darüber zu nachzudenken.

Was nicht schlecht ist. Sich und die eigenen Positionen zu hinterfragen. Den Blick auf andere zu hinterfragen. Schubladen schließen. Vermeintliche Gewissheiten prüfen.

Gestern war so ein Tag. Im deutschen Internet explodierten die Meinungen über die Straftaten am Kölner Hauptbahnhof, die sexuellen Übergriffe auf Frauen. Ich musste feststellen, dass ich anders darauf reagierte als vor drei Jahren auf die Diskussion über die Sexismusvorwürfe gegen Rainer Brüderle, eine Diskussion, die damals ebenso heftig geführt wurde.

Ich fragte mich, warum das so ist. Ich machte mir Vorwürfe, fragte, ob meine Reaktion unangemessen war. Das Mitgefühl war da, das Entsetzen. Aber das Denken war anders.

Es brauchte einige Stunden, Texte und Meinungen, bis ich meine Reaktion nachvollziehen konnte. Bei der Aufschreidiskussion von 2013 ging es um die Frage, was als Übergriff zu werten sei. Bei den Silvesterübergriffen stand das außer Frage. Was geschehen war, war strafbar. Diese Diskussion musste nicht geführt werden. Sie wurde nicht geführt. Geführt wurde stattdessen die Diskussion über die Täter.

Ich habe gelesen: Das Dreckspack sollte aus dem Land geworfen werden. 2000 Aggroaraber trieben deutsche Frauen vergewaltigend durch Köln. Angela Merkel sollte durch solche Moslemgassen getrieben werden, damit sie die Auswirkungen ihrer Multikultipolitik am eigenen Leib spüren würde. Solche Sätze und andere, softer oder noch widerlicher formuliert.

Ich habe mich gefragt, ob ich das, was die Frauen erlitten haben, relativieren würde, wenn ich auf solche Sätze hinweisen würde. Ob ich als Mann in der Lage bin, eine solche Angst nachzuvollziehen. Ob ich darüber schreiben kann. Ob ich auf vergleichbare Situationen verweisen sollte, in denen nicht nach Religionszugehörigkeit der Täter gefragt wurde. Ob ich damit vom eigentlichen Thema, dem Leid, ablenken würde. Ob ich damit etwas verschleiern würde.

Einen Tag nach der Explosion ist die Sache klarer. Ich muss darüber schreiben. Weil sich die Diskussion mittlerweile meilenweit von dem ursprünglichen Thema entfernt hat, der Position, die ich teile, für die ich eintrete.

Wenn die CSU postet: »Wer die Regeln unseres Zusammenlebens, unter anderem den Respekt gegenüber Frauen nicht akzeptiert, kann hier in Deutschland keinen Platz in unserer Gesellschaft haben.“« dann ist das auch meine Position. Aber ich kann nicht den Kontext außer Acht lassen. Ich kann nicht die Politik der CSU außer Acht lassen, kann nicht übersehen, wie die Partei diese Position bisher in Taten und Gesetzen gelebt hat.

Ich verstehe, was und wen die CSU mit dieser Position erreichen will. Was und wen Birgit Kelle mit ihrer Aufschrei-Forderung meint. Ich unterstelle, sie wollen die Rechte der Frau stärken. Ich unterstelle, dass sie darüber hinaus eine Agenda verfolgen. Diese ist nicht die meine. Und ich frage mich, ob ich das Richtige unterstützen kann, wenn damit etwas Falsches erreicht werden soll.

Wir müssen über die Rolle der Polizei sprechen. Wir müssen über die Rolle der Politik sprechen und wie sie die Polizei finanziert. Über den Schutz von Schutzbedürftigen müssen wir sprechen. Über Täter und den Umgang mit ihnen. Über Prävention. Über Kultur, Sprache, Religion, selbst über einen so unscharfen Begriff wie Wert müssen wir sprechen. Über Integration müssen wir sprechen, in der Vergangenheitsform und im Futur. Wir müssen über Geld sprechen, über Verzicht und Chancen. Wir müssen über Kriminalität sprechen, über den Kapitalismus, über arm, über reich. Wir müssen über den Schutz von Minderheiten sprechen, über Respekt. Wir müssen darüber sprechen, wie wir darüber sprechen.

Es ist ein komplexes Thema. Die Reduktion auf »Der schwarze, muslimische Flüchtling an sich ist ein Vergewaltiger« offenbart ein sehr eingeschränktes Weltbild.

Ja, ich möchte eine ehrliche und mit Fakten geführte Diskussion über das gute Zusammenleben in einer Gesellschaft. Nein, ich möchte keine Stigmatisierungen, keine Diskriminierungen, ich möchte keinen Geifer vor dem Mund und keine klammheimliche Schadenfreude. Ich fürchte, dass diese Diskussion nach gestern schwerer zu führen ist. Einself ist kein Dialog. Hass ist keine Gesprächsgrundlage. Selbst wenn er von Angst herrührt.

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