The Revenant | Das Atmen des Menschen auf die Kamera

Dieser Film ist nicht kalt. Und das ist erstaunlich. Denn oft laufen Männer oberkörperfrei durch die Schneeweite des nördlichen Amerikas. Männer waten in eiskaltem Flusswasser. Eiskristalle verfangen sich in Barthaaren, an Nasen hängen Eiszapfen und wenn im Todeskampf Spucke spritzt, gefriert sie, sobald sie den Mund verlässt. Dennoch ist mir nie kalt.

Dieser Film ist nicht warm. Dabei gibt es diese Szene: Leonardo DiCaprio weidet einen Schimmel aus, um in der sterblichen Pferdehülle Wärme zu finden. Mit beiden Händen hebt er Herz und Gedärme aus dem Kadaver, Dampf steigt auf und als DiCaprio nackt im Tier verschwunden ist, müsste mir warm sein. Aber warm ist mir nicht.

Dieser Film erzählt von Weite und Größe der Welt. Vom kleinen, winzigen, unbedeutenden Menschen darin. Dem Universum, Gott, dem Zufall, den Tieren ist es egal, ob der Mensch lebt. Ob er Flechten von Steinen kratzt, die Zähne in Fische schlägt, mit Wölfen um Bisonfleisch kämpft. Dem Universum ist es gleich, was der Mensch denkt, wenn er zu den Sternen aufblickt und das grüne Nordlicht sieht und was für Metaphern ihm beim Anblick von majestätisch vorbeiziehenden Wolken in den Sinn kommen.

Dieser Film erzählt von Rache. Das ist überraschend, weil ich denke, dass er vom Überleben erzählt. Vom Willen des Menschen, es gegen jede Chance an einen warmen, sicheren Ort zu schaffen: hier das Fort, in Gravity die Erde. Doch nein, es geht um Rache. Das Überleben ist Mittel zum Zweck, um das Tomahawk in den Leib des Feindes zu treiben. Vielleicht habe ich da zweieinhalb Stunden etwas falsch verstanden.

Dabei ist Rache – jedenfalls für mich – das langweiligste Motiv, das einen Menschen im Film antreiben kann. Denn Rache wird im Film immer geübt. Der geschundene Held kriegt immer seine Genugtuung, die am Ende immer keine sein kann. Denn die Rache bringt nichts zurück, sie bringt nur die Zeit rum. Am Ende treibt eine Leiche im Fluss und die Augen des Helden sind blutunterlaufen und hässlich und sein Blick ist entmenschlicht und leer und fragend, vor allem fragend, weil nach der gelungenen Rache die Geschichte erst wirklich beginnt. Aber da hören Filme immer auf.

Dieser Film fängt an, in dem er drei Männer auf der Jagd nach einen Hirsch durch einen seichten, eiskühlen Bach waten lässt. Doch nicht die Jagd, nicht die Männer sind das Außergewöhnliche. Es ist der vierte Mann. Unsichtbar, immer in Bewegung, interessiert an Landschaft, an der Kleidung der Männer, ihren Gesichtern. Der vierte Mann ist die Kamera. Sie geht mit ihnen auf Pirsch, sie schleicht mit ihnen, torkelt, taumelt, fällt, blutet, rast und stirbt, gleitet, vor allem gleitet sie.

Sie gleitet, wenn sie mit DiCaprio im Birkenwäldchen aufwacht und auf der Flucht vor den Arikarees auf einen Schimmel springt. Sie reitet neben ihm, flüchtet mit ihm, sieht sich furchtsam um, duckt sich, wenn Pfeile surren, weicht aus, hält Schwarzpulverexplosionen stand und stürzt schließlich ebenso wie der Wiedergänger.

Diese Kamera steht früh auf. Sie ist in den wenigen Minuten zur Stelle, in denen das Tageslicht morgenblau erwacht, wenn es sich im Nebel streut, im Wasser spiegelt, im Schnee vertausendfacht, zwischen Tannen teilt, zwischen den Stämmen der Millionen Bäume, in den Tropfen fallenden Regens. Diese Kamera ist ein Wunder und sie weiß das auch und sie feiert sich und diese Schönheit. Und weil das Schöne nicht mehr sein kann als schön, ist es eben nicht kalt oder warm oder lässt meine Zähne auch nicht in Bisonherzen schlagen und mein Blut wie Tränen einer vergangenen Zeit im Bärenpelz gefrieren.

Doch dieser Film ist auch das Geräusch einer Lawine. Dieser Film ist der Funkenflug von Lagerfeuer. Dieser Film ist das Skelett eines Vogels, ist eine Stromschnelle, ist nasser Leinen, ist eine Bärenmutter, die den Rücken des Helden aufreißt, ist eine Urgewalt, ist Schauspieler, denen die Extremerfahrungen anzumerken ist, ist ein logistisches Wunder, ist ein Kontinent, denn es immer noch gibt, ist ein Kampf, der ständig ausgefochten wird, auch wenn die iWatch währenddessen Nachrichten aus Istanbul in den Kinosaal bringt.

Dieser Film ist das Atmen des Wiedergängers gegen das Objektiv
ausatmen
ausatmen
ausatmen
das Hauchen des Heldens auf die Kamera, bis sie vollkommen überzogen ist vom Leben, dem Willen gegen die Leere bestehen zu wollen, so sehr von diesem Willen getragen, bis das Bild dahinter verschwindet und damit die Geschichte und alles Schnee ist, weder kalt, weder warm, nur noch weiß.

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