Welt von morgen.

Da saßen sie also im Fernsehstudio einer der großen deutschen Politikgesprächsrunden: ein Schweizer, der offenließ, ob Hermann Göring nicht doch mit »vermeintlich besten Absichten« gehandelt haben könnte, und eine Deutsche, die forderte, in Notfällen eben auf die Geflüchteten schießen zu müssen.

Sie waren rechtspopulistische Reaktionäre und hier waren sie in der Mehrzahl. Sie wussten, dass in politischen Gesprächsrunden weder Gäste ihre Standpunkte überdenken noch Zuschauer ihre Meinung ändern sollten. Aber solche Runden zeigten, in welchem Rahmen ein Thema gegenwärtig diskutiert wurde.

Das hieß: Gerade bestimmten sie den Diskurs.

Dafür hatten sie Worte wie »Gesinnungsterror« oder »Meinungsdiktatur« erfunden. Sie hatten von Thementabus gesprochen und Feindbilder geschaffen. Sie gaben vor, Gerechtigkeit für die Schwachen zu wollen, planten aber das Gegenteil. Sie konnten so sprechen, weil sie wussten, dass Fakten für ihre Anhänger ohne besondere Bedeutung waren.

Sie wussten vielleicht nicht, was das Wort ausdrücken sollte: RechtspopulistIn. Aber sie kannten den Satz: Neoliberale halten die Menschen ruhig, Populisten hetzen sie auf. Und das konnten sie ja gut. Sie hatten sehr einfache Antworten für sehr komplexe Zusammenhänge.

Eigentlich hatten sie nur die eine Antwort: Es gibt uns und es gibt die und wenn es die nicht mehr gibt, wird es uns besser gehen. Wer uns war, machten sie hauptsächlich an Nation, Rasse und Religion fest.

Sie waren ruhig und zufrieden, fast tiefenentspannt. Sie wussten ja, sie waren nicht allein. In Amerika würde ein rechtspopulistischer Milliardär Präsidentschaftskandidat werden, auch eine Präsidentschaft schien möglich. In Frankreich würde eine Rechtspopulistin Präsidentschaftskandidatin werden. In Österreich waren die Rechtspopulisten schon die stärkste Kraft. Ebenso in der Schweiz. In Polen bauten Reaktionäre den Staat um, in Ungarn herrschte ein nationalistischer Autokrat. Und in Deutschland waren die reaktionären Rechtspopulisten dabei, die drittstärkste Partei zu werden.

Ja, sie waren auf ihrem Weg, die rechtspopulistischen Reaktionäre und sie kamen gut voran. Was sie taten, taten sie im Bewusstsein, dass die Welt in einem Jahr schon eine andere sein konnte. Die Welt, wie sie ihnen vorschwebte, war kein Hirngespinst, keine dystopische Unmöglichkeit. Sie konnte wirklich werden. In ihr würde alles, was von einer eng gefassten Norm abwich, keinen Platz mehr haben. Die Welt von morgen würde eine Welt von gestern sein. Wir würden diese Zukunft aus Geschichtsbüchern kennen.

Noch war diese Welt eine Möglichkeitsform. Aber sie wussten – und waren vielleicht deshalb so entspannt – dass mit jedem Tag, an dem man ihnen mit Schweigen begegnete und sie gewähren ließ, diese Welt wahrscheinlicher wurde.

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