#JeSuisBerlin #JeSuisHamburg #JeSuisMünchen

lichter

Am Montag war ich in Brüssel. Am Vormittag kam der Eurostar am Bahnhof an. Verspätet, so dass ich vier Stunden in Brüssel hätte bleiben können – mit der U-Bahn noch mal in die Stadt fahren, vielleicht über die Station Maelbeek.

Dienstag bin ich nicht mehr in Brüssel. Zwischen acht und neun Uhr sterben dort vierunddreißig Menschen. Ein Tag liegt zwischen mir und Brüssel und dem Terror. Es war eine zufällige Entscheidung, montags in Brüssel zu sein. Genauso gut hätte es Sonntag oder Dienstag sein können.

Es ist Willkür. Wo es passiert und wo ich gerade stehe und an was ich denke und wen ich interessiert oder misstrauisch mustere und trotz der höchsten Warnstufe, trotz Fahndungserfolgen, trotz der Soldaten mit den schussbereiten Maschinengewehren. Nichts schützt, alles ist möglich, jederzeit, die einzige Gewissheit ist die der fehlenden Sicherheit.

Ich hätte also panisch werden sollen. Zu wissen, dass mein Montag auch dieser Dienstag hätte sein können. Stattdessen laufen die üblichen Muster ab: Überschriften lesen, erfahren, dass etwas passiert ist. Sofort, ohne etwas Konkretes zu wissen, die ersten Bilder schon im Kopf haben. Liveticker durchscrollen, die Kopfbilder präzisieren. Spärliche Informationen zu spärlichen Informationen stapeln. Die ersten von Storchs und Lengsfelds lesen, die unmöglichen Äußerungen unmöglicher Leute. Deshalb empört sein. Empört sein über mich, dass ich darüber mehr empört bin als betroffen über die Tatsache, dass Menschen gerade ihre Körper zerfetzt haben, um andere Menschen zu zerfetzen.

Wieder betroffen sein. Aber anders. Weil die Tatsache eines Anschlags nicht überrascht. Die Umstände von sich fern halten, das Blut, den Staub, die getwitterten Augenzeugenfotos Die Hashtags lesen: #Brussels, #BrusselsAttacks, #PrayforBrussels, #JeSuisBrussels. Nur: Ich war Paris. Ich war Istanbul. Jetzt bin ich Brüssel. Wie viele Städte kann ich noch sein?

Eine Gewöhnung tritt ein. Eine Routine. Abstumpfung. Vielleicht muss es das – bei allem Schrecken, bei allem Mitgefühl, bei allem Entsetzen, bei aller Trauer, bei aller Wut. Vor Brüssel besuchte ich in London. Als ich auf der Rolltreppe stand, die tief hinab unter die Erde zu den U-Bahnen führte, dachte ich für einen Moment an 2005, dachte an den Rauch, das Feuer, das Schreien. So wie ich unten war, verschwand dieser Gedanke, ging die Angst. Denn sonst hätte ich nicht dort sein können. In den ruckelnden Wagons mit lauter Fremden, in dem engen Tunnel, viele Meter unter der Stadt eingeschlossen.

Denn sonst könnte ich dort niemals sein. In den Zügen, auf den Flughäfen, auf den öffentlichen Plätzen, in den Einkaufsstraßen, in den Restaurants, in den Fußballstadien, den Menschenansammlungen, draußen, außerhalb meines Zimmers, in der Welt. Freunde von Freunden erzählen von Freunden, die Freunde haben, die bei Sondereinsatzkommandos der Polizei arbeiten. Die nicht mehr auf Volksfeste gehen, ihre Kinder nicht mehr auf den Rummel schicken, die Orte meiden, an denen Menschen zusammenkommen.

Ich muss irgendwie abstumpfen. Ich muss das Wissen um die Gewissheit ausblenden. Sie ist sowieso Willkür. Alle warten jetzt. Manche lauern auch. Deutschland habe Glück gehabt, heißt es. Bisher, wird nachgeschoben. #JeSuisBerlin, #JeSuisHamburg, #JeSuisMünchen. #PrayForMunich #PrayForBerlin #PrayForHamburg. Die Hashtags sind schon gemacht. Ich muss vergessen, dass es sie geben könnte. Ich muss abstumpfen. Ich muss mitfühlen.

 

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Terror und die sozialen Medien: Aus Angst empört
Kommentar von Yassin Musharbash

 

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