Jan Böhmermann hat recht und alle anderen auch.

schranke

Alle haben recht.
Die, die sagen, Jan Böhmermann habe eine widerliche, unter-die-Gürtellinie-zielende, eh­ren­rüh­rige Schmähung vorgenommen, die verboten gehöre.
Die, die sagen, Jan Böhmermann habe auf besondere Weise die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung / Satire / Kritik und Verleumdung gezeigt.
Die, die sagen, es gäbe Wichtigeres zu besprechen als diese Angelegenheit.
Die, die sagen, es gäbe nichts Wichtigeres zu besprechen als diese Angelegenheit, weil sie ganz grundsätzliche Fragen an ein Miteinander und damit die Sprache stellt.

Das eine lässt sich ohne das andere nicht denken. Die Schmähung nicht ohne den Kontext, in dem sie geschehen ist. Jan Böhmermann hat gesagt: Das muss erlaubt sein. Das andere darf nicht erlaubt sein. Indem er das Nichterlaubte ausgesprochen hat, hat er ein Paradoxon geschaffen. Diesem Paradoxon ist mit Logik, mit Empörung, schon gar nicht mit Politik, Facebookkommentaren und Talkshows beizukommen. Es wird sich nicht auflösen lassen, niemals.

Alles, was geschehen ist und geschehen wird, muss so geschehen. Es ist folgerichtig. Das Löschen des Beitrags aus der Mediathek – kein vorauseilender Gehorsam, sondern ein unbedingt notwendiger Schritt. Jemand wurde auf eine Weise beleidigt, die nicht gestattet sein sollte. Das Verurteilen dieser Beleidigung. Das Verteidigen der Vieldeutigkeit dieser Aktion. Die Strafanzeige des Beleidigten als dessen gutes Recht. Selbst das erst zögerliche, dann so konsequente Äußern der Regierung offenbart etwas. Nichts offenbart das einfallslose Lied von Dieter Hallervorden. Nichts richtig macht auch derjenige, der glaubt, Jan Böhmermann wollte es dem türkischen Präsidenten mal so richtig zeigen. Nie richtig denkt derjenige, der denkt, diese Beleidungen wären angemessen.

Doch an einer Stelle wird sich das unlösbare Paradox auflösen müssen. Denn entweder geschieht nichts. Dann ist der Kontext als Satire erkannt. Entweder ein Gericht spricht ihn frei. Dann ist der Kontext als Satire erkannt. Entweder Jan Böhmermann wird verurteilt – zu einer Geldstrafe oder vier Jahren Haft. Dann wird die Schmähung aus dem Kontext gelöst und das Einzelne höher bewertet als das Ganze.

Es ist eine Sache, den Extra3-Beitrag zu teilen und zustimmend zu liken. Es ist eine Sache, das Lied von Dieter Hallervorden zu teilen und sich dafür auf die Schultern zu klopfen. Es ist aber eine vollkommen andere Sache, durch einen Beitrag/Satire/Gedicht/Schmähung ins Nachdenken gebracht zu werden. Überlegen zu müssen: Wer sagt was in welcher Weise und spricht damit welche Widersprüche an und zwingt mich, eigene Positionen zu hinterfragen.

Die Widersprüche sind groß. Der Handel mit der Türkei. Überhaupt die Frage, wie mit Despoten umgegangen werden muss. Wie wichtig Diplomatie dabei ist. Wo die eigene Überzeugung an erster Stelle stehen sollte. Wo sie das kann. Warum nicht immer. Was denn die eigene Überzeugung überhaupt beinhaltet. Diese Fragen sind an die deutsche Diplomatie zu China zu stellen, die deutsche Diplomatie zu Russland, an die USA natürlich, die Diplomatie innerhalb Europas. Lauter Widersprüche. Oft mehr so als so.

Der Extra3-Beitrag zeigt diese Widersprüche nicht auf. Es ist auch nicht seine Absicht, uns diskutieren zu lassen, was wir denn als gerechtfertigt empfinden könnten. Der Extra3-Beitrag ist nicht unbequem. Er bereitet – zumindest innerhalb Deutschlands – kein Unbehagen, keine Angst. Er ist wichtig, ist möglicherweise ein Ideal einer bestimmten Form von Satire. Er hat keine Fallhöhe. Er stellt keine Fragen.

Die Worte der Schmähung hingegen, die rassistische, niederträchtige, menschenfeindliche Sprache ist ja keine Erfindung von Jan Böhmermann. Du hörst sie auf der Pegida, du findest sie in den Kommentaren der AfD-Facebookseiten, du liest sie in den Artikeln von Blogs wie PI-News. Diese Sprache existiert seit vielen Jahren. Sie gibt die Gedankenwelt von niederträchtigen, rassistischen Menschen wieder.

Indem Böhmermann diese Sprache verwendet und voranstellt, dass diese Sprache schmäht und abwertet und deshalb – im Gegensatz zum Extra3-Beitrag – nicht erlaubt sein sollte, macht er sich eben nicht gemein damit. Er schmäht nicht, er provoziert auch nicht oder kalauert. Er stellt etwas dar. Er differenziert. Er fragt, ob ich solche Gedanken, solche Worte dulden sollte. Ob sie zur freien Meinungsäußerungen gehören sollen. Er gibt eine Antwort darauf. Wenn ich das nächste Mal solche Gedanken durch solche Worte erkenne, dann wird es mir leichter fallen zu sagen: Das schmäht.

 

———

Verfassungsblog

Advertisements

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s