ich wir sie die anderen

Ich fahre in einem Zug. Den Gang gegenüber sitzt ein Paar. Sie sind vielleicht Mitte Zwanzig. Es gäbe viel, was ich an ihnen beschreiben könnte. Ich beschreibe: Sie hat ein Tuch um ihren Kopf geschlungen, es verhüllt Teile ihres Gesichts. Der Mann hält die Fahrkarte in den Händen. Als der Schaffner erscheint, spricht nur der Mann. Sie vermeidet jeden Blick.

Ich weiß nichts von ihnen. Jede Annahme ist falsch. Sie kommen nicht von hier. Ich denke: Was, wenn sie fünfundzwanzig Jahre in einem kleinen Dorf weit in den Bergen gelebt haben und mit den Vorstellungen, die die Menschen in dem Dorf haben, aufgewachsen sind? Wenn daher ihre Werte rühren, ihre Sicht auf die Welt. Und was, wenn sie jetzt hier sind und bleiben werden wollen müssen? Und wir und sie feststellen, dass es Gemeinsamkeiten gibt und Unterschiede?

Die, die ich sehe, sind die Anderen.

Wenn wir auf die Anderen blicken, blicken wir auf uns. Denn ohne uns kann es die Anderen nicht geben. Deshalb ist die größte und schwerste Frage, die zu beantworten ist, nicht die Frage, was die Anderen von uns unterscheidet und wie wir uns bewahren können, sondern die Frage, was uns eigentlich ausmacht.

Es wird gefordert, den Anderen unsere Werte beizubringen, damit sie bei uns leben können. Aber wer definiert denn diese Werte? Die CSU? Die PETA? Die Katholiken? Joachim Gauck? Die AfD? Das RTL-Samstagabendprogramm? Die deutschen Romantiker? Wer ist denn dieses Wir? Und was in aller Welt sind Werte? Welche? Darum der Streit: Die Deutungshoheit über das wir. Wer das wir definiert, definiert das Anderssein.

Das finde ich das Außerordentliche an Europa. Europa ist der Versuch, das wir zu erweitern. Wegzugehen von einer Definition über Nationen, von Stämmen. Vielleicht ist eine neue Definition nicht zwangsläufig besser. Aber sie könnte mehr sein. Zu sagen: Wir sind nicht 5 Millionen, 12 Millionen oder 80 Millionen. Wir, das sind 500 Millionen. Da fehlen noch 6,5 Milliarden. Aber immerhin.

Natürlich die Grenzen. Auch darum der Streit: Braucht es diese Grenzen? Ja, die braucht es, vorerst, weil Europa ohne Grenzen wäre nicht Europa, sondern die Welt. Aber wenn es diese Grenzen braucht, was geschieht mit denen, die vor diesen Grenzen stehen? Die sind dann ja die Anderen. Und wenn wir sie innerhalb der Grenzen aufnähmen, dann würden sie zu uns gehören. Wir wären nicht mehr das gleiche wir wie zu vor. Wir müssten uns ändern, wir würden in Teilen zu den Anderen werden.

Das kleinste wir bin ich. Ich bin ein Individuum. Und das Individuum, jeder und jede ist allein und verloren und furchtbar ängstlich. Und weil es das weiß, weil es die Einsamkeit überwinden will, streckt es die Hand aus und fasst nach etwas, das etwas von der Einsamkeit nimmt. Ein Mensch. Und um den Menschen, der genauso einsam und verloren und angsterfüllt ist, zu erreichen, braucht es eine Gemeinsamkeit. Jeder ist anders als der andere. Wir brauchen Gemeinsamkeiten. Liebe, Familie, Freundschaft, Arbeit, Nachbarn. Das geht vielleicht bei zehn Menschen so oder fünfzig oder auch zweihundert.

Ab einer bestimmten Zahl muss die Gemeinsamkeit abstrakter werden. Ich spreche deine Sprache. Ich glaube an deinen Gott. Ich halte für dein Fußballteam. Ich habe die gleichen Bücher gelesen. Das sind Gemeinsamkeiten, möglicherweise sogar Werte. Aus dem ich wird ein wir, das Andere des Anderen wird weniger wichtig als das Gemeinsame mit dem Anderen.

Es wird gesagt: Na komm, lass uns ein wir definieren. Sagt mal, werwir sind. Wir sind liberal und wirtschaftsfreundlich und säkular, wir schützen Minderheiten, reisen gern, sind pünktlich, essen Schnitzel, trinken Bier, sind für Gleichberechtigung, wollen die Umwelt schützen, halten vieles gern sauber, haben keinen Humor, sind wieder wer und viel entspannter, als wir das lange Zeit waren.

Für jedes dieser Beispiele wird sich ein Gegenbeispiel finden, viele, unzählige Gegenspiele werden zusammenkommen und im Grunde alles in Frage stellen, was wir als wir annehmen. Und dennoch wird kein Widerspruch so groß scheinen wie: Die Anderen könnten wie wir sein. Wir könnten wie die Anderen sein. Eins. Aus den Unterschieden klüger werden. Die Gemeinsamkeiten feiern.

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