Mäher von Wiesen

Kürzlich habe ich eine Wiese gemäht. Dabei befremden mich gemähte Wiesen. Den Mähern von Wiesen unterstelle ich Biedermeierkeit, ein deutsch-englisches Getue, ein Spießertum, das überstehende Halme pingelig mit der Nagelschere stutzt und sich dann so befriedigt auf die gut geölte Hollywoodschaukel setzt, um von dort aus den schönen, aber nun leblosen Rasen begutachtet und sich im gleichen Atemzug über den nachlässigen Nachbarn erregt.

Nichtsdestotrotz mähte ich. Es war ein zum Tal hin abfallendes Stück Land, Bäume standen dort und Bänke, es handelte sich um kein durchgehendes und damit einfach zu mähendes Wiesenstück. Der Rasenmäher war ein mittelschweres, mittelaltes und damit mittelmodernes Gerät. Strom kam durch ein Kabel, man musste achtgeben, dass beim Mähen das Kabel nicht unter die Scheren kam.

Zu Beginn ging es darum, eine Strategie für ein möglich effizientes, also kurzzeitiges Mähen zu entwickeln. Da es beim Mähen nur eine Strategie geben kann, mähte ich Streifen nach dem Zickzackmodus. Schnell stellte sich ein beglückendes Gefühl ein – jeder gemähte Streifen Rasen strahlte hell und zuversichtlich im gleißenden Sonnenschein heißer Sommertage. Der ungemähte Teil des Rasen dagegen erschien fehlerhaft, unzivilisiert und deshalb minderwertig. Dank des Mähens gab es eine klare Grenze zwischen gut und schlecht.

Je weiter sich diese Grenze zum Tal hin verschob – je mehr ich also mähte – desto stärker wuchs mein Ehrgeiz, konsequenter zu sein. Konsequenter eine klare Linie zu fahren, konsequenter gegen überstehende Ränder vorzugehen und konsequenter sämtliche Pflanzen zu stutzen. Anfangs noch hatte ich aus ironischem Protest einzelne Gänseblümchen oder Schafgarben bewusst mit dem Rasenmäher umkurvt und so stehengelassen, um mich von dem Klaren und Einheitlichen eines englischen Rasens zu distanzieren. Man sollte mir nicht vorwerfen können, ich wäre kleinbürgerlich, bieder oder gar akkurat.

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Aber die überstehenden Blumen und Halme fielen auf. Sie störten mein ästhetisches Empfinden. Sie waren Fremdkörper in einer Welt, die ich kontrollierte. Also unterließ ich diese kindischen Abgrenzungsposen und ging gegen alles Pflanzliche – gleich ob grün oder bunt, reizend oder verblüht – objektiv und unemotional vor. Es gab keine Blumen mehr, nur noch Unkraut. Ich war rigoros gegen die Wiesenlandschaft im Ganzen.

Plötzlich verstand ich auch den tieferen Sinn der Metapher: Einsparungen mit dem Rasenmäher vornehmen. Ich spürte förmlich das Glück, mit dem Politiker und Sachverständige in Ausschüssen Kürzungen von Budgets beschlossen, ohne auf Details Rücksicht nehmen zu müssen. Beim Kürzen war vor der Schere jeder gleich. Je länger ich mähte, desto mehr wurde ich Sachverständiger.

Das größte Glück wartete am unteren Ende der Wiese. Dort stand das Gras hoch. Ich veränderte einige Einstellung an meinem Arbeitsgerät und konnte so besser und energischer gegen den Rasen vorgehen. Mit lautem Heulen trieb ich den Mäher ins wilde Gras, er grunzte und würgte, die Vibrationen seiner Scherbewegungen übertrugen sich auf mich, ich verschmolz mit der Maschine, gerade so, als würde ich selbst mit todbringenden Klingen durch die Pflanzen gehen. Es war lustvoll, die Maschine ins tiefe Gras zu jagen, für einen Moment zu fürchten, steckenzubleiben und dann das herrliche Geräusch zu hören, mit dem pflanzliches Leben als grüne Biomasse in den Korb geschnitten wurde.

Am Ende war der Rasen gemäht. Ich betrachtete mein Werk – eine glatte, von Blumen befreite Fläche, sauber und beherrscht. Beruhigt, der Wildnis ein Stück Zivilisation abgetrotzt zu haben, setzte ich mich auf die Hollywoodsschaukel. Sanft schaukelnd fiel mir so der Garten des Nachbarn auf.

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Veröffentlicht in Leben

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