Blut spucken im Supermarkt

supermarkt

Weimars schönster Supermarkt befindet sich im Kellergeschoss des  ehemaligen Gauforums. Kürzlich wurde umgestaltet. Ein Optimierer kam und setzte neuste Erkenntnisse über das Kaufverhalten der Deutschen praktisch um. Gern wäre ich dabei gewesen, als er sagte: Im Obst- und Gemüsebereich braucht es vulkangesteinsimulierende Bodenbeläge! Fleisch und Käse ans weit entfernte Supermarktende! In Gangmitte die sinnlichen Gewürze! Den nutzlosen Plastikschnickschnack in den Teil, durch die Kunden sowieso müssen!

Der Supermarkt ist nun optimiert. Aus versteckten Lautsprechern plätschern gefällige Radiomelodien, Leuchtstoffröhren dimmen Wohlgefühl auf die Netzhäute, die Räder der Wagen drehen sich widerstandslos und führen wie von selbst zu den benötigten Produkten. Mehr als zuvor ist der Supermarkt eine Fruchtblase, welche die Keime der feindlichen Welt vom Konsumenten fern hält.

Nur in einem Bereich nicht. Denn in jedem Paradies gibt es eine Stelle, an der die Grenze zur Hölle durchlässig ist.

Im Supermarkt ist das die Kasse. Vor dem Warenband sind hinter Glas Zigarettenschachteln aufgereiht – ein farbiges, nikotinanpreisendes Mosaik, Quengelware für den Süchtigen. Und da seit kurzem die Hersteller verpflichtet sind, zwei Drittel der Vorder- und Rückseite von Zigaretten- und Drehtabak-Verpackungen mit Warnbildern und aufklärenden Texte zu bestücken, besteht dieses Mosaik zu großen Teilen aus eben diesen Warnungen.

r1Da sind die harmlosen Bilder: Ein Mann bläst einem Baby Rauch ins kleine Gesicht.

Da sind die kreativen Bilder: Ein aus Zigarettenasche gestalteter Embryo.

Da sind Bilder, die Geschichten im Kopf entstehen lassen: Ein Mann, der sich ob seiner durch Rauchen verursachten Unfruchtbarkeit unglücklich im Bett wälzt. Ein Mann mit Sauerstoffmaske im Koma liegend, umgeben von erschütterten Familienmitgliedern.

Und dann sind da die drastischen Bilder: Eine Frau, die Blut auf ein weißes Tuch spuckt. Leichen natürlich, abgefaulte Zehen, offene Herzen, zerfetzte Zungen, verteerte Luftröhren, verkrebste Lungen, sehr direkt, sehr grafisch, sehr pathologisch.

Am Warenband stehend auf die Kassenfrau wartend bleibt viel Zeit, diese Warnungen zu betrachten, dieses durch das Rauchen zerstörte Organische des Menschen. All die Lieder von Milow und Andreas Bourani, all die sinnlich drapierten Lebensmittel, all die veganen Produkte, das Pastellfarbene und der Hochglanz der Weintheken stellen sich vergebens gegen den dunklen Nikotintod. Er ist, was den Kunden am Ausgang erwartet, projiziert in die Konsumentenköpfe Bilder von komatösen Familienvätern und blutspuckenden Frauen, ein optimierter Supermarkt, lebensbejahende Avocados am Eingang, Teerlungen zuletzt.

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