Trump. Molotowcocktail ins System.

Seit 2000 schaue ich die amerikanische Wahlkampfnächte. Über die Jahre hinweg hat sich eine gewisse Routine entwickelt. Die Öffentlich-Rechtlichen zunehmend seltener, CNN, dazu immer wieder in Fox News reinzappen, später das Internet, Blogs, soziale Medien, Twitter, Posten, über Links stolpern, andere Infos, Ansichten, ein fernes Rauschen eben.

In diesem Jahr kam ich den irrsinnigen Ereignissen dieser Nacht immer dann am nächsten, wenn ich den Livestream von Jan Böhmermann verfolgte.

Der setzte sich mit seinem Team in ein Wohnzimmer, schaute die Wahl und kommentierte. Anfangs alle Stimmen durcheinander, einige aus dem Team ergriffen – natürlich ironisch – Partei für Trump. Über allen Scherzen und Verweisen lag die beruhigende Gewissheit, dass Hillary Clinton gewinnen würde. Ein Stream wie der Griff Jimmy Fallons in Trumps Haar.

Eine amerikanische Wahl ist nicht einfach zu verstehen. Welcher Staat wann wählt, welcher Kandidat welchen Staat gewinnen muss, wann wie viele Stimme wo ausgezählt sind – verwirrend viele Zahlen schwirren auf den Bildschirmen. Eine Interpretation fällt oft schwer. Nur weil Clinton drei Uhr nachts MEZ zwanzig Wahlmänner mehr als Trump hat, bedeutet das nicht, dass es gut für sie läuft.

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Das Böhmermannteam konzentrierte sich schnell auf eine Zahl. Die New York Times hatte eine Skala entwickelt, die auf die Entwicklungen des Abends in Echtzeit reagierte. Alle Prognosen und Ergebnisse, reduziert auf eine Zahl. Am Anfang des Abends lag Clinton deutlich über 80%. Die Stimmung im Team war gut, man frotzelte.

Nach der ersten Stunde sank diese Zahl auf 70, bald Richtung 60 Prozent. Die Stimmung blieb weiterhin ausgelassen. Immerhin versprach der Abend nun spannend zu werden, ohne ein böses Ende befürchten zu müssen. Doch je weiter die Zahl sank, desto stiller wurde es im Team. Bald stand die Zahl bei knappen 50 Prozent, bald lag Trump erstmals in Führung.

Und erstmals wurde das Unwahrscheinliche wahrscheinlich – der Sieg eines Kandidaten, der … [hier alle faktischen Wahrheiten über Trump einfügen] Je weiter sich die Zahl zu seinen Gunsten verschob, desto fassungsloser die Gesichter, desto leiser die Stimmen, desto ernster die wenigen Worte. Entsetzen machte sich breit.

Man schaltete zum ZDF, die sinnlos tapfer längst verlorene Staaten Clinton zuschlugen. Man schaute zu CNN, die auf der Magic Wand hilflos immer tiefer in Wahlbezirke wie in Apfelmännchen hineinzoomten in der Hoffnung, darin eine Antwort der Geschehnisse zu finden.

Und sie sahen zu Fox News, das tagsüber noch halbherzig versucht hatte, für den schon als geschlagenen geltenden Trump Stimmung mit Benghazi, Mailservern und Mauern zu machen. Aus einigen Moderatoren dort sprach Freude, bei vielen Unglauben, bei einigen ebenfalls Angst. Fox News hatte Angst vor dem Kandidaten, den sie mit erschaffen hatten, Angst vor der Zeit, in der er regieren würde.

Nach fünf Uhr verließ Böhmermanns Team erschöpft und erschüttert  das Wohnzimmer. Der Stream war beendet. Da stand Trump bei 93%, unwahrscheinlich war nun ein Sieg Clintons.

In einem Tweet habe ich gelesen, dass für die Wähler Trump ein Molotowcocktail ist, den sie aufs System schleudern. Aber was ist denn das System? Die Politik? Die Wirtschaft? Die Kultur? Die Gesellschaft? Und was, wenn alle Verlierer, Opfer, Benachteiligte dieses Systems sind oder sich zumindest so fühlen? Wie ließe sich das reparieren?

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In den nächsten Tagen wird viel über Trumps WählerInnen geschrieben werden. Man wird Zusammenhänge erkennen, krasse Widersprüche, lauter Irritationen und fassungslos fragen, wie diese Narration aufgehen konnte: Ein nichtreligiöser, misogyner Milliardär punktet auch, teilweise gerade bei, bibeltreuen, weiblichen, verarmten WählerInnen. Als Fiktion ließe sich diese Geschichte nicht erzählen.

Trump ist ein gewählter amerikanischer Präsident. Wie, vielleicht ob er das Amt ausübt – in den nächsten Monaten stehen einige Prozesse gegen ihn an – es ändert nichts daran, dass nichts begonnen hat. Keine neue Zeit an einem 9. November, keine Ära, die von hier aus beginnt.

Denn wir befinden uns längst darin.In einer weltpolitischen Zeit, in der das Extreme Vorrang vor dem Konsens erhält, das Hässliche, Gemeine vor dem Miteinander, eine Zeit des Rechts der Starken, Rüpelhaften, Nichtmitfühlenden, Gewissenlosen. Trump ist einer, der das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein bringt. Dieser Trump ist nun das Gesicht dieser Zeit.

Es ist kalt geworden. Türkei, Russland, Syrien, der Brexit, das Auseinanderbrechen Europas. Im nächsten Jahr stehen Wahlen an. In Frankreich, in Deutschland. Das ist die gute Nachricht. Es könnte eine furchtbare sein.


An American Tragedy
Das Trump-Puzzle

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