Weimar, Kabul

Wir fahren mit N. zu einem Handballspiel. N. kommt aus Kabul. In Afghanistan hat er Politik studiert. Nach mehreren Mordanschlägen auf Kommilitonen gibt er das Studium auf. Danach arbeitet er fürs Fernsehen – auch für afghanische Ableger europäischer Sender –, trainiert einen Fußballverein, engagiert sich im Nachwuchsbereich. 2015 kommt er nach Deutschland, lebt jetzt in Weimar.

Es ist sein erstes Handballspiel. In der Halle macht er Selfies mit einer Nationalspielerin, Fotos und Videos, die er auf Facebook teilt, wo sie umgehend kommentiert werden.

N. hat Sprachkurse besucht. Ab und an fragt er nach Wendungen, bittet um Korrektur seiner Aussprache, seiner Wortwahl. Er hat Abitur, sucht eine Arbeit. Gefunden hat er bisher keine. Für einen lokalen Radiosender hat er Beiträge gemacht, war auf Workshops in Schulen dabei. Ansonsten – nichts.

Arbeiten will er, etwas tun. Für eine Arbeit, eine Ausbildung muss er tagsüber verfügbar sein. Tagsüber sind Kurse, Gänge zu den Ämtern. Auf die Ämter muss er oft, viele Stellen mit verschiedenen Zuständigkeitsbereichen.  Er muss selbst einen Weg finden, durch die Gespräche, das Amtsdeutsch, die Zuständigkeiten, die Nichtzuständigkeiten. Eine Streetworkerin unterstützt ihn dabei, beide sind nach Monaten ergebnisloser Suche ernüchtert und frustriert.

N. erzählt, dass es nicht ungewöhnlich sei, wenn Familie und Bekannte für die Reisekosten und Bezahlung der Schlepper Geld zusammenlegen, viele tausend Euro. Eine Rückzahlung wird erwartet, Anfragen kommen häufig: Geld für einen Arztbesuch, Geld für Feuerholz, Geld für Baumaterialien. Kürzlich ist N.’s Onkel gestorben, eine Art Ersatzvater für ihn. Die Familie bittet um 300€ für die Bestattungskosten. N. macht sich Vorwürfe, weil er bei der Beerdigung nicht dabei sein kann. Macht sich Vorwürfe, weil er das Geld nicht aufbringen kann. Keine Arbeit, keine Chance, an diese Summe zu kommen. Die Gedanken sind schwer. Wer nach Afghanistan zurückkehrt, abgeschoben wird, gilt als Verlierer, als einer, der auf ewig in Schuld der Familie und Bekannten steht, einer, der es nicht geschafft hat.

Sein Mitbewohner kommt ebenfalls aus Afghanistan. Er ist Analphabet. Bevor er Deutsch lernen könnte, müsste er schreiben und lesen lernen. Der Mitbewohner kifft viel, keine Aussicht, hier etwas zu erreichen.

Die Aussichtslosigkeit. Die Drogen. Am Goetheplatz sitzen einige Geflüchtete und lassen die Tage verstreichen. Letztens gab es dort eine Messerstecherei. Von den einschlägigen Seiten wurden vor allem die Nationalitäten der Beteiligten geteilt. Am Freitag will N. wieder zum Amt, wieder ein Versuch, in Arbeit oder Ausbildung zu kommen. Vor ein paar Tagen hat die IS bei einem Anschlag das Haus neben dem Haus seiner Mutter zerstört.

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