Momente, September 2017.

Weimar, 2. September 2017

Tagesprogramm für heute:
13:00 Uhr – Sigmar Gabriel auf dem Platz der Demokratie
18:00 Uhr – Scooter im Gauforum Atrium

Außerminister und Hardtranceband erscheinen deutlich später als angekündigt, sprechen volksnah, agieren professionell und spielen ihre größten Hits (älteste Partei Europas / Maria, I Like It Loud). Sigmar Gabriel erwähnt öfter seine Großmutter (»Omma«) und einen gewissen Konstantin, einen Jungen, den er zuvor traf und ein Eis versprach. Das Eis kauft er ihm später beim Dolomiti am Markt.

*

Auf dem Goetheplatz neben dem Bratwurststand neben dem Bibelstand neben dem Stand der Initiative für den Erhalt des Ur-und Frühzeitlichen Museums neben dem AfD-Stand, keine fünfzig Meter entfernt eine vom Kunstfest in Auftrag gegebene Weltkarte des Kommunismus. Am AfD-Stand müssen alle entweder beige Sonnenhüte tragen oder die Aufschriften auf ihren T-Shirts unter Jacken verbergen.

*

Auch beim Erotik-Fachgeschäft erwünscht: Buy Local.

*

Kutschenfahrt über den Markt. Die Pferde defäkieren direkt vor das momentan nicht benutzte Rathaus, was die Kutschengäste lautstark und ausgiebig bejubeln. Am Ausgang des Marktes ein Bettler. Zwei der Kutschengäste – schwarze Shirts mit »Wahalla«-Aufdruck – reichen dem Bettler von der Kutsche ihre Bierflaschen herunter, ziehen im letzten Augenblick zurück, prosten einander zu und nehmen einen tiefen Schluck, dabei stets feixend den Bettelnden im Blick.

*

Donnerstag, Erfurt. Verleihung Thüringer Literaturpreis an Lutz Seiler. In der ersten Reihe sitzt – das treffendere Verb wäre »fläzen«, das Adjektiv »demonstrativ« – der Thüringer AfD-Spitzenkandidat Stephan Brandner, Beine übereinander geschlagen, Kopf schief auf die Schulter gelegt, die Blicke in seinem Rücken wohl wissend. Nach zwanzig Minuten, nach der Rede Bodo Ramelows, schaut er demonstrativ auf sein Smartphone, steht auf, geht, verlässt den Raum, die Blicke folgen ihm. Danach im Gespräch meinen Verantwortliche, dass er viele solcher offiziellen kulturellen Veranstaltungen besucht – mehr jedenfalls als Zuständige aus anderen Parteien – und diese Veranstaltungen stets vorzeitig verlässt, Augen aufs Smartphone gerichtet, auch hier: demonstrativ.

*

Samstag, Künzelsau. Abendessen mit der Jury des Würth-Literaturpreises. Einer der Jurymitglieder lebt in Kopenhagen. Am nächsten Tag muss er direkt nach der Auszeichnungsfeier zurück nach Dänemark fliegen, weil er am Abend im dänischen Staatsfernsehen das deutsche Wahlergebnis kommentieren soll. Er müsse, so sagt er, den Dänen erklären, weshalb die AfD ein so großes Thema in Deutschland sei. Die Dänen würden die Aufregung darum nicht verstehen, schließlich habe jedes europäische Land Rechtspopulisten im Parlament. Warum solle da Deutschland eine Ausnahme bilden?

*

Sonntag, ICE bei Nürnberg. Gegen sechs Griff nach den Smartphones, den Tablets, den Laptops. In das DB-Wlan einloggen. Kurz darauf Laute von verschiedenen Sitzen, »Fuck«, »Shit«, »Oje«. Von Sitz zu Sitz wandert ein Stöhnen durch den Wagon, hält bis Bamberg an.

Advertisements

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s