Der Reiher

Im Herbst lief ich an der Ilm. Es hatte die Blätter von den Bäumen geregnet, auf dem Wasser trieb der ermattete Himmel. Dort war die Stelle, wo sich jenseits des Ufers einmal ein Straßenbahndepot befunden hatte. Auf einer vorgelagerten Stelle des schmalen Flusses erblickte ich einen Reiher; das Gefieder aschgrau, die Schopffedern schwarz, die langen Stelzenbeine, auf denen er unbeweglich stand. Ich erschauerte beim Anblick; Enten war ich hier gewöhnt, aber nicht Wasservögel in dieser Größe, nicht mit diesem Stolz, dieser majestätischen Schönheit.

Zwei Tage später spazierte ich erneut an dieser Stelle vorbei. Und wieder stand der Reiher am Wasser; der identische Ort, die identische Haltung, das identische Tier. Wind blies in sein Gefieder und verwirbelte grauweiß. Wieder bewegte er sich nicht, wieder stand er starr, ein Zaubervogel an der Ilm.

Es war der nächste Tag und es war das nächste Mal, dass ich den Reiher so sah. Diesmal misstraute ich dem Bild. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier an dieser Stelle zu jeder Zeit sein konnte und dem Wind, dem Wasser, meinem Blick ohne Regung standhielt?

Es konnte nicht sein.

Jemand musste einen Reiher geschaffen haben und dieses Imitat unterhalb des alten Straßenbahndepots ans Wasser gestellt haben, ein Kunstprojekt vielleicht, eines von Umweltaktivisten, von Vogelliebhabern. So wie ich davor gezittert hatte angesichts dieser unwirklichen Begegnung, war ich nun niedergeschlagen. Ich war auf eine Täuschung hereingefallen. Es gab keine stolzen Wasservögel an der Ilm, nur die Enten, die sich am Brot junger Eltern fettfraßen, Tauben im Prinzip.

Eine Woche verging, ich hatte zu tun. Doch führte mich mein Weg an einem Montag wieder an die Ilm. Ich wusste nicht, ob ich auf den Reiher blicken wollte, auf dieses Plagiat. Aber kein Reiher war zu sehen. Nicht unterhalb des Straßenbahndepots, nicht entlang des Ufers. Jemand musste die Fälschung entfernt haben, der Künstler vielleicht. Doch warum hatte er es gerade getan, nachdem mir der Vogel aufgefallen war? Ich war irritiert, Regen setzte ein, trieb mich gedankenverloren nach Hause.

An einem Donnerstag passierte ich den Reiherort. Er war verlassen, Nebel hing über dem Wasser, der Herbst war kalt geworden.

Auch heute spazierte ich dort. Keine Reiherfälschung, nur die genügsame Ilm. Diesmal lief ich weiter. Kam vorbei am aufdringlichen Hundesportplatz, dem rauschenden Wehr und spazierte in Richtung des Eisenbahnviadukts, von dem sich einmal ein Bandido gestürzt hatte. Ich sah aufs Wasser – und sah einen Reiher. Aschgrau das Gefieder, die Schopffedern schwarz, lang die Stelzenbeine.

Er breitete die Flügel aus, setzte an zu einem kurzen Flug und landete auf den Ästen eines entlaubten Baums, blieb dort, so dass ich ihn betrachten konnte, bis er erneut aufbrach, dieser Reiher, ein wirkliches Tier am Ende.

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