Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten


Eine Künstlergruppe hat in Sichtweise von Björn Höckes Wohnhaus im thüringischen Bornhagen eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet und nimmt damit Bezug auf Höckes Rede von Februar, in der dieser das Denkmal als »Schande« bezeichnete.

Fünf Reaktionen meinerseits:

(1) omg

(2) ungut

Ähnlich ungutes Gefühl wie schon bei Yolocaust, die diffuse Ahnung, dass hier benutzt, vielleicht instrumentalisiert wird, dass ich glaube zu verstehen, was die jeweiligen Aktionen anzuprangern versuchen, dass ich die Ausführung in Teilen zweifelhaft finde, dass es es mehr oder zumindest zu viel um die Macher selbst geht, mehr um die Kritik als das Gedenken.

Dazu erschließt sich mir der Teil mit der Observierung nicht, mehr noch, ich halte es für falsch und fahrlässig, in Tarnkleidung und mit Feldstechern Menschen zu überwachen, ihre Mülltonnen zu durchwühlen, auf diese Weise Informationen für Dossiers zusammenzutragen.

(3) Bedenkenträger

Nehme mich als Bedenkenträger wahr, wo es doch um klare Stellungsnahmen gehen sollte. Was soll schon Kunst sein, wenn sie mehrheitlich ohne Gegenfragen abgenickt wird? Ist das Aufstellen dieser Betonstelen nicht die Art von gewaltlosen, einfallsreichen Entgegentreten des Völkischen und Reaktionären, das tausend Mal mehr bringt als Lichterketten und Pegida-Gegendemostrationen, weil es neue Bilder schafft, Reibung verursacht, damit Diskussionen in Gang setzt, wie mit der so offensichtlichen Rückkehr des braunen Nationalistischen umgegangen werden soll? Und geht es beiden Aktionen (Yolo & Stele) nicht darum, wie und ob gedacht wird? Ist da Kritik im Detail notwendig, nicht aber an der Sache selbst?

(4) Auseinandersetzung mit Kritik

z.B. SZ, die schreibt, die Aktion ermögliche es Höcke, sich als Opfer zu inszenieren (seltsames Argument, mit dem man jegliche Aktion und Kritik unmöglich macht)

z.B. der Vorwurf, dadurch der AfD wieder Aufmerksamkeit verschafft zu haben, nachdem die Partei in den letzten Wochen deutlich selter als zuvor in den Medien stattfand. (Ja. Andererseits: Wann wäre der perfekte Zeitpunkt?)

Eingriff ins Private. (Ja. Falsch, weiterhin.)

Erneut der Vorwurf der Instrumentalisierung eines Völkermords. (Natürlich, weiterhin. Trotzdem. Auch.)

(5) Erinnerung

Erinnerung an ein Gespräch mit einem Regisseur aus Tel Aviv, mit dem ich diesen Sommer zusammenarbeitete. Wir waren in Weimar. Ich sagte: »Wenn man in Weimar am Bahnhof steht, kann man den Berg hinablaufen und ist nach zwanzig Minuten im Stadtzentrum am Goethehaus. Oder man steigt in die Linie 6 und fährt den Berg hinauf und ist nach zwanzig Minuten bei Buchenwald. Da sind Pole der deutschen Geschichte auf engstem Raum.« Er sah mich an und sagte dann: »Weißt du, was der Unterschied ist? Das eine ist im Zentrum der Stadt, das andere nicht.«

Vielleicht geht die Aktion der ZfPS nicht weit genug. Vielleicht braucht es Betonstelen in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jeder 280-Einwohner-kleinen Ortschaft, nicht nur im Vorgarten Björn Höckes.

———

Nachträge

(1) Etwas überraschend, dass die Rezeption der Aktion in den Medien / der Öffentlichkeit überwiegend kritisch, bestenfalls berichtend stattzufinden scheint. Fürsprecher scheinen deutlich in der Unterzahl.

(2) Angeblich war die Überwachung eine Finte, die Kameras Attrappen, die veröffentlichten Informationen von Björn Höcke selbst in die Öffentlichkeit getragene Informationen.

(3) Hat Björn Höcke über seine Anwälte Klage einreichen lassen.

(4) Hat das ZPS anhand von Genproben angeblich die »Abstammung« Björn Höckes bestimmen lassen.

(5) Gibt es Morddrohungen gegen das ZPS: »Die Mailschreiber drohen mit Vergasung, mit Schlachtung, mit Ertränken.«

(6) Hat das ZPS die Webseite www.landolf-ladig.de veröffentlich und spielt damit auf ein Pseudonym an, unter dem Björn Höcke Texte für die NPD verfasst haben soll.

(7) Aufschlussreich ist das Dossier in der ZEIT vom 30.11., für das Jana Simon das ZPS mehrere Monate begleitet wurde. Aus dem Text ergibt sich das Bild einer Gruppe, die mit vielen Ideen operiert. Weiterhin fällt auf, dass es niemals Teil des Projekts war, in eine Art von Dialog zu treten, z.B. mit den Bewohnern Bornhagens, keine Möglichkeit geschaffen wurde für Menschen, die selten bis gar nicht vertraut sind mit den Mechanismen von Perfomancekunst / politischer Kunst / welcherBegriffauchimmerdieseAktionbeschreibt, Zugang dazu zu finden. Dafür der interessante Satz von Philipp Ruch, dem Gründer des ZPS: »Wir machen kein Verständigungsprojekt, dann würden wir von der Zentrale für politische Bildung bezahlt werden.«

(8) Stellt sich die Frage, was für Leerstellen die Aktion gelassen hat, wenn sich dadurch nicht wenige mit einem Mann solidarisien, der u.a. das und das geäußert hat.

Advertisements

2 Gedanken zu “Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten

  1. Ich muss gestehen, ich schließe mich der SZ-Position an: ich finde die Aktion sehr platt und eine Steilvorlage für die Rechten, die ja bekanntlich jeden Vorwand suchen, um sich als Opfer zu inszenieren. Und jetzt hockt (höckt!) da so ein halbgarer Nazi in Thüringen herum, zündelt ein wenig, hat noch nichts wirklich verbrochen und soll gleich tonnenschwer mit Beton ruhiggestellt werden. Die Rechten werfen den Linken ja immer Totatilarismus in Fragen der Meinungsfreiheit vor: jede abweichende Meinung wird so schnell und heftig wie möglich niedergewalzt, ausgemerzt, mit größt möglichem Empörungspotential. Ja, und insofern ist das auch eine Instrumentalisierung des Opfergedenkens. Ich meine, den Höckes dieser Welt muss man anders entgegentreten. Nicht erdrücken. Besser: die Luft ablassen. Nach solchen Vorlagen können sie sich noch viel mehr aufblasen.

    Gefällt 1 Person

  2. Danke. Dieser Artikel geht in eine ähnliche Richtung: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/bjoern-hoecke-kommentar-zur-mahnmal-aktion-gegen-afd-politiker-a-1179933.html. Ich empfinde Höcke nicht als halbgar, als jemand, der ein wenig zündelt, sondern als Symbolfigur einer reaktionären, rechten, letztlich faschistisch gesinnten Bewegung. Und eben weil er Symbol ist, arbeitet man sich an ihm auch in Symbolen ab.

    Gefällt mir

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s