Jahresendrant.

Anstatt besinnlicher Worte zum Jahreswechsel ein im Grunde genommen viel zu höflicher, vielleicht naiver Rant. Oder wie Günter Jauch sagen würde: »Emotion pur« – nichts Ausgewogenes, nicht auf Ausgleich oder Vollständigkeit bedacht, sondern allein reiner Unmut darüber, dass

– jedes Jahr ab Oktober die Islamisierung von Weihnachten herbeigeunkt wird: angebliche Winterfeste statt Weihnachtsmärkte, angebliche Verbote von Weihnachtsliedern, angeblich ausgefallene Weihnachtsfeiern aus Rücksicht auf Muslime, angeblich nicht aufgestellte Weihnachtsbäume etc. Und jedes Mal entpuppen sich diese Annahmen als falsch, zumindest komplexer als die wollen uns was wegnehmen. Und trotz aller mancher Richtigstellung bleibt letztlich ein vermeintlicher »War on Christmas« im Langzeitgedächtnis hängen.

– dass es dazu diese irren Zahlen gibt: Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger ist um die Hälfte gesunken, dafür ist der Zahl derer, die glauben, dass Deutschland vom Christentum und christlichen Werten geprägt ist, um das Doppelte gestiegen (in »Westdeutschland«). Und zwanzig Prozent mehr »Westdeutsche« glauben an Wunder als noch vor dreißig Jahren.

– dass die Falschmeldung – die schwedische Regierung hätte ein Gesetz verabschiedet, nach dem vor dem Sex die Partner (schriftlich) ihre gegenseitige Einwilligung geben müssten – ihre Runden zieht, weil sie so gut ins eigene Narrativ passiert, welches besagt, dass heutzutage alles beschränkt und beschnitten wird und eingegriffen und überhaupt….

#metoo. Da finden all diese furchtbaren, erschreckenden, letztlich nicht mal so überraschenden Berichte, Erzählungen, Erfahrungen endlich den Weg in die Öffentlichkeit. Und anstatt zuzuhören, anstatt sich ein Bild vom Ausmaß dieser gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen, politischen Katastrophe zu machen, kriechen sofort die »Ja, aber«-Artikel um die Ecke, die ohne Zögern relativieren und alles in Gefahr sehen, die Liebe und die Erotik und die Meinungsfreiheit und Gesellschaft, anstatt, ich muss wiederholen, zuzuhören und dann zu fragen: »Wie können wir alle helfen, diese unhaltbaren Zustände zu ändern

– dass in Österreich ein ((Ex))-Neo-Nazi Vizekanzler wird. Der Kanzler das nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern der rechten Partei Verfügungsgewalt über die Exekutive erteilt. Dass die »Regierung« umstandslos Lager für Menschen plant und deren Enteignung dazu, regierungsnahe Kreise von Eingriffen in die öffentlich-rechtlichen Medien fabulieren, von Gesetzen, die anderen Parteien das Regieren unmöglich machen sollen. Ja, so fängt es an. Aufreger ist aber der Mittelfinger einer jungen, grünen Politikerin.

Stefanie Sargnagel schreibt diese Beobachtung, vielleicht Erklärung für das (österreichische) Wählerverhalten:

Dialog den ich tatsächlich vor der Wahl mit einem Ende 50 Arbeitslos gewordenen arbeiter mit altersbedingt schlechten jobaussichten geführt habe, der FPÖ wählt.
„Dass der Strache mit dem kurz paktiert is mir eh bissl suspekt. Der führt ja gleich Hartz 4 ein. Das ist das direkte Ticket in die Armut.“
„Dann wählen Sie halt nicht die FPÖ. Wählen Sie halt links.“
„Vom arbeitsrechtlichen Standpunkt müsste ich eh rot wählen. Aber die roten kann ich nicht wählen, die sind mir zu tschuschenfreundlich.“

– dass in Berlin Muslime jüdische Fahnen verbrennen, Jakob Augstein klarstellt, dass das Verbrennen von Fahnen legitim sei, Jens Spahn von einem »importierten Antisemitismus« spricht, es dennoch keine Sprechchöre »Tod den Juden« gab, dafür aber dieses Video, Jerusalem absurderweise Hauptstadt nur für ein Volk sein soll etc., dieser ganze hasserfüllte, unendliche Wahnsinn.

– dass Roger Waters, Brian Eno, Kate Tempest und andere die Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions unterstützen, damit Israel isolieren wollen und Druck auf dort auftretende Künstler ausüben. Dankbar bin ich für Leute wie Nick Cave und Thom Yorke, die denen wütend entgegenschleudern: »Es ist extrem erschütternd, dass Künstler, die ich respektiere, tatsächlich glauben, wir seien nach all den Jahren nicht in der Lage, eine eigene moralische Entscheidung zu treffen.«

– dass in Amerika die Regierung ein Steuergesetz verabschiedet, welches Firmen viele viele Prozentpunkte an Gewinn bringen wird, bei gleichzeitiger Mehrbelastung von kleinen und mittleren Einkommen. Natürlich wird nichts trickledownen, sondern die Unterschiede zwischen den Klassen werden weiter steigen, was die Gesellschaft noch weiter auseinander… und Unfrieden … kein Dialog … und Populisten … Wut … mehr Waffen etc. Währenddessen wird in China ein System eingeführt, welches das Verhalten der Menschen nach Punkten bewertet und daraus Einschränkungen ableitet. Die Black Mirror-Analogie kann da nicht oft genug gezogen werden.

– all die rechtsnationalen Vorfälle in Sachsen, die von staatlichen Strukturen zumindest geduldet werden, wieder und wieder und wieder die halbgaren Ausflüchte, das peinliche Rechtfertigen, das trotzig-dumme Stolzsein. Und gleichzeitig immer ein Zusammenzucken meinerseits, wenn jemand »Sachse« als Synonym für Dunkeldeutschland verwendet. Denn so bequem sollte man es sich nicht machen, so einfach ist das dann doch nicht, so viele Beispiele gegen diese Verallgemeinerung könnte ich nennen und leider viel zu viele Beispiele für all die rechtsnationalen Vorfälle in Sachsen, die von staatlichen Strukturen zumindest…

– dass ich und alle nicht die Kraft finden werden, im nächsten Jahr auf die abgebrühten Sequels, Prequels, Reboots und üblichen Fortsetzungen zu verzichten.

– dass sich zu wenig von all dem zum Besseren ändern wird.

»2018«

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