Avicii. Nicht am Strand von Madagaskar.

Gestern Abend, als ich mit dem Fahrrad nach Connewitz unterwegs bin, erfahre ich, dass Avicii gestorben ist. Wenige Tage zuvor hätte ich diese Nachricht unbewegt zur Kenntnis genommen, bestenfalls festgestellt, dass Avicii einer von denen mit den besonders lästigen Liedern ist. Doch war das gestern nicht mehr möglich. Tags zuvor hatte ich eine Dokumentation gesehen – Avicii: True Stories.

Der Film erzählt von einem jungen schwedischen Teenager, der in seinem Schlafzimmer sitzt und Musik macht, so wie man Musik macht, wenn man Musik liebt: tausend Stunden lang Musik spielen, dafür die Stücke der Vorbilder kopieren, sie Ton für Ton nachbauen, um zu verstehen, schließlich beginnen, Eigenes hinzuzufügen. Tim Bergling schickt seine Tracks an Blogs, ein Blog postet sie, sie werden gehört, ein Manager wird aufmerksam, verspricht dem Jungen, ihn groß raus zu bringen.

Er bringt ihn groß raus. Remixe erst, dann »Levels«, »Wake Me Up«, vier, fünf, sechs Auftritte in der Woche, überall in der Welt, fast tausend Auftritte in wenigen Jahren, Aufmerksamkeit, Fame, Alkohol, Alkohol, Alkohol, Panikattacken, Zusammenbrüche, der Körper gibt zu verstehen, dass er diesem Leben nicht gewachsen ist, der Manager, die Entourage geben zu verstehen, dass ein Weitermachen unbedingt notwendig sei. Also sitzt Tim Bergling wieder in Limousinen, die ihn zu den Flughäfen bringen, spricht Jingles für Spotify ein, die Schmerzmittel so stark, dass er sich kaum aufrecht halten kann.

Die Musik ist sehr fern von dem, was ich höre. Doch ich sehe, dass diese Musik überall gehört wird, dass sie etwas in Menschen auslöst, gleich ob in Brasilia, Miami, Perth, Tokio, Ibiza. Ich sehe diese ganzen Legenden, die von den goldenen Jahren der Gitarre erzählt werden, die Energie, die Exzesse, die kollektive Ekstase und verstehe, dass es egal ist, ob jemanden das über einen USB-Stick oder einem in die Luft geworfenen Bass gelingt: am Ende verlassen die vor der Bühne für wenige Sekunden sich selbst.

Und dann, nach dem dritten, vierten, zehnten Zusammenbruch – Tim Bergling bekommt mittlerweile längst süchtig machende Opiate verabreicht – die Entscheidung: Musikmachen ja, aber kein weiteres Touren. Unendliche Erleichterung in seinem Gesicht, Befreiung. Er ist 26. Und ich denke: Das ist also ein Film über jemanden, der nicht zum Club 27 gehören wird, einer, der erkennt und Konsequenzen zieht, einem, dem es gelingt, vorher auszusteigen.

Am Filmschluss sitzt Tim Bergling an einem Strand in Madagaskar, das Wasser türkisfarben, Wind in Palmen und spielt allein für sich (und die Kamera) Gitarre. Es ist ein kitschiges Happy-End, der Film wie alle Dokumentationen eine Verdichtung, eine Zuweisung von Rollen, eine Idealisierung mit zahlreichen Auslassungen, eine von zehn true stories, die hätten erzählt werden können. Aber das Gefühl bleibt: Es ist die Geschichte eines Sieges.

Einen Tag später fahre ich durch Leipzig und weiß: Sie ist es nicht.

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