Lindner. Bäcker. Jeder in der Schlange.

Vor vielen Jahren wurde ich gefragt, wer einer der schönsten Männer der Welt sei. Ich sagte: Jude Law. Weil Christian Lindner laut Gala und Spiegel eine entfernte Ähnlichkeit mit Jude Law aufweisen soll, hatte er bei mir einen gewissen Stein im Brett, eine sehr oberflächliche und dumme Schlussfolgerung, gerade in Zeiten der eiskalten, im vollen Unterbewusstsein ihrer Bedeutung getätigten Bäcker»anekdote«, die u.a. impliziert, anhand der Hautfarbe ließe sich die Rechtschaffenheit eines Menschen ablesen.

#Bäcker

Bernd Ulrich: »Wie nennt man Leute, die in der Schlange beim Bäcker darüber nachdenken, ob DIE ANDEREN illegale Migranten, Steuerhinterzieher, oder Ehebrecher sind, während man selbst ein rechtschaffener Bürger 😇 ist? Genau: man nennt sie bigotte Spießer.«

Kunstseidene: ‏»Keine Partei war in den letzten 50 Jahren so häufig an der Bundesregierung beteiligt wie die FDP. Ein Einwanderungsgesetz – durchaus Kern liberal-meritokratischer Politik – haben wir nicht, dafür Salonrassismus und keinen Regierungswillen.«

Moritz von Uslar: Was mich am Bäcker-Spruch von @ChristianLindner wirklich anwidert, ist, mit welcher Kälte und kleinkarierten Berechnung hier der Tabubruch begangen wird. Diese grauenhafte Kälte, die Abwesenheit von jeder Moral, das ist die Schule der #AfD

Saša Stanišić: »Sich beim Bäcker sicher fühlen gehört nicht zu Deutschland :(
Gehe gleich zum Bäcker, bitte Daumen drücken. Jeder in der Schlange könnte ein Liberaler sein.«

Florian Kessler: »Die deutsche Bäckerei als Ort der „Autochthonen“ – mir fällt dann doch in grober Assoziation die pure Angst ein, mit der Victor Klemperer nach dem Brotkaufen in seinem Tagebuch notierte, wie wenige Menschen nur noch bei seinem Dresdner Bäcker mit „Guten Tag“ grüßten.«

Einerseits wichtig, dass der Aussage des Vorsitzenden eines der wichtigen Parteien des Landes entschieden entgegengetreten wird, so dass er zumindest gezwungen ist, eine halbgare Erklärung auf Twitter nachzuschieben. Andererseits natürlich längst Teil eines mittlerweile eingespielten Mechanismus: Jemand lässt einen Testballon steigen, um zu sehen, wie viele applaudieren, und nicht wenige stechen mit Nadeln hinein, um ihn zum Platzen zu bringen. Aber alle schauen auf diesen Ballon, bald diese Ballone, bald kein Himmel mehr, bald nur noch Ballone. Neu daran ist, dass dieser Test diesmal von der FDP kam, die ihr Menschenbild bisher anhand ökonomischer Kriterien gebildet hat.

Und dann lese ich diesen Artikel, in dem beschrieben wird, wie China ein Sozialpunktesystem einführt, das – mit Hilfe von Technik, Algorithmen und der Bereitschaft der Bürger, ihre Daten und Definition von Werten Obrigkeiten zu überlassen – ein sich selbst steuerndes Überwachungssystem errichtet, welches in alle Lebensbereiche entscheidend eingreift und denke: Maschinen an sich sind erst einmal nur Maschinen. Erst die Übereinkunft einer Gesellschaft, wie sie sein will, lenkt die Maschinen. Aber die Maschinen sind da und sie werden benutzt und nichts wird das aufhalten. Der Punkt zum Eingreifen ist die gemeinsame Übereinkunft.

Und wenn diese Übereinkunft von Geschichten wie der von Christian Lindner beim Bäcker geprägt sein sollte, wird mir anders zumute.

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