Horst Seehofer hält drauf


Horst Seehofer hält drauf. Der Zug fährt im Kreis und rast auf einen anderen zu. Wenn Horst wollte, könnte er das verhindern; Weiche umstellen, abbremsen, anhalten, aussteigen. Horst will das nicht. Der Zug kracht hinein. Frontalcrash. Horst verzieht keine Miene. Macht er nie. Wenn er lächelt, dann mit der Milz.

Es ist Samstag Abend. Gerade hat Kroatien Dänemark aus der WM geschossen. Horst hat sich in sein mobiles Modelleisenbahnzimmer zurückgezogen. Das hat er immer dabei, kann er jederzeit aufbauen. Seine Züge lässt er über ein Deutschland im kleinen Maßstab rollen. Dafür hat er sich ein eigenes Deutschland gebaut; fünfundneunzig Prozent der Fläche nimmt Bayern ein, der Osten und der Norden kommen gar nicht vor, ein kleiner Provinzbahnhof ist Berlin. Hier kann er schalten, wie er will.

Horst überlegt, was er eigentlich will. Im Grunde ging es immer darum, den größtmöglichen Schaden anzurichten; für die Parteien, das Land und Angela, vor allem für Angela. Im Finale hat er sie dort angegriffen, wo sie sowieso verwundbar ist. Ist bedingungslos Kontra gegangen und hat noch drei drauf gesetzt, sicherheitshalber zwei mehr als Kruzifixsöder und Asylindustriealex.

Dabei ist Horst Migration ebenso egal wie Gesundheitswesen oder Landwirtschaft. Wenn sich Angela für bezahlbaren Wohnraum eingesetzt hätte, hätte er eben auf eine Mindestmiete von 17 Euro pro Quadratmeter bestanden. Wäre ihr Klimawandel wichtig gewesen, hätte er sich für eine Erhöhung der Erdtemperatur um zwei Grad schon vor 2025 stark gemacht.

So eben die Migration. Wie viele kommen in Passau an, wie viele werden zurückgewiesen? Die Ausschiffungsplattformen in Afrika, um den Shuttleservice zu unterbinden? Kann er im Detail nicht sagen. Interessiert ihn auch nicht. Geht ja nicht um die Sache. Weiß er ja selbst nicht, was »die Sache« ist. Geht ihm um Angela. Angela irgendwie runterziehen. So wie damals auf dem Parteitag. Nur diesmal halt endgültig. Dafür ist er bereit, das Teuerste zu geben, was er hat: sich selbst.

Es klopft. Alexander katzbuckelt ins Zimmer. »Horst«, sagt er, »Horst, willst du das wirklich?«

Horst denkt, dass er seinen Namen nie gemocht hat. Horst ist kein Name, sondern eine Diagnose. Horst soll Gestrüpp bedeuten oder Hengst. Er glaubt ja Hengst. Lorenz, das wäre es gewesen. Lorenz Seehofer. Er seufzt. Dafür, dass er Horst heißt, hat er es weit gebracht. Nach ihm wird niemand mehr über den Namen frotzeln können.

»Nein«, sagt Horst nach langem Schweigen, »nein, Alexander, das will ich nicht. Ich bin ein Meteor, der auf die Erde zurast und der verglühen wird, der dabei aber ein paar Gesteinsbrocken abwerfen will. Und die sollen eine Frau auslöschen.«

Weil Horst nicht lacht, versteht Alexander nicht. Versteht der sowieso niemals. »Geh jetzt, Alexander und sei ein nützlicher Idiot. Ich bleib noch ein bisschen bei meiner Bahn.«

Als der Kleinkarierte gegangen ist, nimmt Horst die Trillerpfeife aus dem Mund. Er wird bald siebzig. Wie lange kann ein Mensch den Zenit leben? Er betrachtet die entgleisten, jetzt dampfenden Züge in seinem Modelldeutschland. Die liegen gut da, das Bild gefällt ihm. Allmählich fängt es Feuer. Warum nicht?

 

Advertisements