Mesut oder nicht – Die große Samstagabendshow mit Markus Lanz

Markus Lanz ist zufrieden. Ihn und seinen Leuten ist es gelungen, innerhalb weniger Tage eine große, ach, die größte Samstagabendshow auf die Beine zu stellen. Das war wichtig. Immerhin geht es um das Thema, das die Nation wie kein zweites spaltet. Mesut Özil. Also Fußball. Also das Mitsingen der Nationalhymne. Also der Verlust von Fußball als gesellschaftlicher Konsens. Also Vorbildfunktion als sportlicher Repräsentant. Also eklige Medienkampagne. Also wie man mit freiheitsfeindlichen Meinungen in einer freien Gesellschaft umgehen soll. Also Leben zwischen verschiedenen Kulturen. Also wer welche Kultur wie begründet. Also wer für sich in Anspruch nimmt zu entscheiden, wer wo dazu gehört. Also Diskriminierungserfahrungen. Also wie ernst nichtdiskriminierte Deutsche Diskriminierungserfahrungen anderer Deutscher nehmen. Also systemische Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Also Deutschsein.

Es ist wahnsinnig kompliziert. Deshalb haben sich Markus Lanz und seine Leute überlegt, wie es ganz einfach wäre. Was wäre einfacher zu verstehen als eine Samstagabendshow? Ihre Idee: In Mesut oder nicht entscheidet sich jeder für eine von zwei Seiten. Mesut. Oder eben nicht. Das Besondere daran: Jeder Deutsche – gleich, aus welchem Land ihre Eltern kommen – nimmt daran teil. Zwei Hot Buttons, einer MUSS gedrückt werden. Damit ist die Sache dann erledigt.

Eine kompetente Jury bewertet das Abstimmungsverhalten der Deutschen. Dort sitzt Uli Hoeneß und beschimpft alle im Team Mesut als Online-Boys. Dort sitzt Julian Reichelt und fachsimpelt mit Sophia Thomallas Stimme über Rassismus ohne Beleg. Dort sitzt der türkische Justizminister und erklärt, weshalb Deutschland ein faschistischer Staat sei und die Türkei ein Paradies demokratischer Vielfalt. Dort sitzt Kerem im WeAreWithÖzil-Shirt und sagt, dass sich seit Hitler in Deutschland nicht viel geändert habe.

Es sind durchaus kontroverse Meinungen, vielleicht auch Mehrheitsmeinungen. Aber es ist wichtig, in diesen Tagen zu polarisieren. Und wenn es mal zu anstrengend wird, lockert Comedian Oliver Pocher die Stimmung im Amphitheater Xanten auf.

Die Show beginnt 20.15 Uhr, als Ende ist der 24. August angesetzt. Die ersten Tage verlaufen weitestgehend störungsfrei. Markus Lanz moderiert das ganz ordentlich weg – nicht spektakulär, aber solide. Er hat ein Gespür für Stimmungen. Und die Stimmung ist: Eigentlich will man die Hitzewelle genießen und mal zwei Wochen am Stück kein Fußball schauen müssen und nicht von Politik hören. Für viele ist es durchaus befreiend, sich da nur zwischen zwei Hot Buttons entscheiden zu müssen.

In der zweiten Woche wird es irgendwie fad. Man ist ganz froh, dass einer sagt: »Ich finde, Mesut ist ein Idiot und nehme selbstverständlich seine Aussagen über Diskriminierung ernst.« Eine sagt: »Ich bin extrem enttäuscht, dass in einem so umfangreichen und von Beratern abgeklopften Statement wie I-III Mesut nicht an einer Stelle zugesteht, dass der Reis eben nicht nur über Fußball reden wollte, bin aber auch dankbar dafür, dass Mesut sich mit DFB, BILD, Mercedes UND Lothar Matthäus anlegt.« Einer sagt: »Wenn er sagt: Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen und Immigrant, wenn wir verlieren, dann sind das auch meine Erfahrungen und ich verstehe nicht, weshalb jemand, der in der einen offenen und freien Gesellschaft lebt und diese auch einfordert, sich gemein macht mit jemanden, der mit aller Kraft dagegen arbeitet.« Eine sagt: »Wenn schon, denn schon auch noch einmal darauf hinweisen, dass das Kuscheln mit Diktatoren keine Erfindung von Mesut ist, Stichwort WM in einem Russland unter Putin und eine nächste in Katar und die deutschen Waffenlieferungen in die Türkei etc.« Eine sagt: »Das Statement ist deshalb so interessant, weil es die Doppelmoral der Beteiligten offenlegt.« Hin und wieder wirft Uli dann ein Würstchen, aber das geschieht lustlos, ohne echte Leidenschaft.

In der dritten Woche passiert nichts mehr, außer dass mal jemand auf die Mehrdeutigkeit der hier gezeigten Dualität hinweist. Nur Mesut oder nur nicht Mesut vs. Nur Deutschsein oder nur Türkischsein. Markus Lanz ist so von seiner eigenen Show gelangweilt, dass er Pussy Riot eine DM schreibt. Kurz darauf stürmt die russische Künstlerinnengruppe die deutscheste aller Samstagabendshows. »Was wisst Ihr schon von zwei Herzen, die in Euren Brüsten schlagen?«, rufen sie, »Und hast Du schon mal mit dem Namen Murat eine Wohnung gesucht?« Dann brennen sie das Bühnenbild nieder.

In der vierten Woche stehen inmitten der Xantener Aschelandschaft nur noch die zwei Hot Buttons. Uli hat sich zurück in die Säbener Straße verkrümmelt. Julian Reichelt riecht irgendwie angekokelt, hält aber weiterhin tapfer die Stellung. Der Reis ist gekommen und freut sich über das abgefackelte Amphitheater.

Müde schleppen sich die letzten fünfzigtausend Deutschen zu den Hot Buttons. Kurz vor Beginn der neuen Bundesligasaison ist es endlich geschafft: Jeder hat sich positioniert. Markus Lanz bedankt sich für die Aufmerksamkeit und will schon den Abspann ansagen, als sein Arm unvermittelt zu zittern beginnt. Wie von Sinnen schlägt er mit dem Mikrofon auf die beiden Buttons ein. Dabei brüllt er markuslanzuntypisch: »Nie wieder Hot Buttons, nie wieder nur zwei Meinungen. Für mehr Komplexität. Für mehr Zwischentöne. Für mehr sowohl als auch.«

Am Abend im Backstage rekapituliert der Deutsch-Südtiroler das Geschehene. Ihm kommt eine Idee für eine neue Samstagabendshow. »Ein Hoch auf die Widersprüche« soll sie heißen. Diesmal wird sie auch auf youtube laufen.


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