Jan-Philipp hebt in Chemnitz die Hand zum Hitlergruß

Jan-Philipp hat vorgeglüht. Leim schnüffeln, den Leim, mit dem Freiherr Götz von Kubitschek seine Antaios-Bücher in Polen binden lässt und dazu Sing meinen Song gehört, die Folge, in der Xavier Naidoo die emotionalsten Lieder von Frei.Wild neuinterpretiert. Noch zwei Dosen Sterni nachgekippt und dann ab zum Nischel.

Dort treffen sich die Kollegen, um zu trauern. Die Kollegen kommen vom Sonnenberg. »Nazikiez« schrieben die aus dem Feuilleton. Für Jan-Philipp ist es Heimat. Deutsche Heimat. Ein Pleonasmus. Jan-Philipp lacht. Wie ostdeutscher Patriot.

Am Nischel ist die Hölle los. Joachim Gauck liest seinen vielbeachteten ZEIT-Artikel vor, Michael Kretschmer bittet die Gegendemonstranten eindringlich, das Image von Sachsen nicht nachhaltig zu schädigen und Frank Plasberg macht ein spontanes Hart aber Fair, weil Faschismus eine Meinung ist und die auch ihren Platz haben muss im Diskurs. Mäßig interessiert hört Jan-Philipp zu. Lieber geht er jagen; Gutmenschen, Ölaugen, Schmierfinken, Volksverräter eben. Oder wie es in der Nationalelf heißen würde: Kartoffeln gegen Kanaken.

Dabei trifft er auf die Kamera. Vor der steht ein RTL-Mann und kommentiert das Geschehen. Jan-Philipp guckt in die Kamera, guckt auf den Mann. Schneidet Grimassen, die ihn möglichst irr erscheinen lassen, sagt »Grüße« und hebt die Hand zum Hitlergruß: Was man 2018 in einer Liveschalte halt so macht.

Der RTL-Mann spricht vom Mord. Gemetzel eher. Klar, wenn der Ermordete nicht ermordet worden wäre, würden die Kollegen heute den durch Chemnitz jagen. Weil wie ein Deutscher sah der nicht aus. Deutsche sehen so aus wie Jan-Philipp. Aber nicht alle. Aber alle Asylanten sind Mörder. Aber alle Sachsen sind Nazis. Und alle Nichtdeutschen sollen sich zurück zu ihrem ethnopluralistischen Stamm verpissen. Und alle Ostdeutschen sind Nazis. Und alle Westdeutschen zahlen immer noch den Soli, diese Vögel. Die Treuhand. Trump. Versailles. Plastikmüll. Der CFC in der vierten Liga. Es ist wahnsinnig komplex. Jan-Philipp ist froh, dass der Leim ballert.

Jan-Philipp hätte auch Kraftklubfan werden können. Dann würde er heute hier nicht stehen. Dann wäre er antideutscher Linksfaschist von der Antifa geworden. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Jörg Müller hat geschrieben: »Wer bei diesem Genozid an uns Deutschen mitmacht ist ein unverbesserlicher, verblendeter antideutscher Rassist.« Die Alice Weidel hat geschrieben: »Das Abschlachten geht immer weiter.« Der Bundestagsabgeordnete Frohnmaier hat geschrieben: »Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringende ‚Messermigration‘ zu stoppen!« Der Alex Gauland hat gesagt, dass wir sie jagen sollen. Sind Kollegen, alles Kollegen.

Jan-Philipp riecht die Angst des RTL-Manns. Verständlich, wenn einem ein Chemnitzer voll auf Leim um die Schultern hängt. Und weil der RTLer die Grüße nicht sehen kann und der Mann im RTL-Studio auch nicht und all die Techniker im RTL-Studio auch nicht und deshalb nichts machen können, macht Jan-Philipp noch mal den Hitlergruß, Hitlergrüße einmal rund um die Welt schicken, weil das jetzt eben geht.

Als die Kamera ausgeht, hängt sich Jan-Philipp ab. Der Leim lässt nach. Dafür kommen die Tränen. »Ich bin doch kein Nazi«, schnieft er leise, »ich hab doch nur Angst um Deutschland. Wie die Kollegen.«

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So erlebte der RTL-Reporter die Live-Schalte mit Hitlergruß
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