Fridays For Future. Der Schrei.

Jemand steht vor den Kindern und ist dagegen. Niemand fragt ihn, warum er dagegen ist. Also sagt er es laut. Er sagt, die Erderwärmung gibt es nicht. Er sagt, die sind doch von der Umweltlobby gezwungen. Er sagt, so wird die Dummheit unterstützt, die dieses Regime oben hält. Er sagt, dieses Mädchen mit den Zöpfen ist doch krank. Er sagt, die mit ihrem Ökofaschismus ist schuld am Terroranschlag in Christchurch. Er sagt, die Kinder sind doch naiv. Er sagt, die Kinder sollen doch mal selbst denken und nicht wie Schafe einer Herde sein. Er sagt, die sollen lieber Müllsammeln gehen anstatt mit Schildern durch die Stadt. Er sagt, die sollen samstags streiken, Schulschwänzer sind nicht glaubwürdig.

Jedenfalls ist er aufgebracht. Die Kinder und ihre Schilder triggern ihn. Sie rühren etwas in ihm an. Ansonsten würde er nicht so heftig empfinden. Wenn er sonst nichts einräumt, zumindest das muss er einräumen.

Vielleicht gerät er an diesem Punkt ins Nachdenken. Vielleicht wird ihm dabei etwas klar. Vielleicht bemerkt er so, dass seine Argumente unmöglich ernst zu nehmen sind. Vielleicht erkennt er, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Vielleicht raunt er sich zu: »Wisst ihr Kinder denn überhaupt, was es bedeuten würde, wenn Ihr euch mit euren Forderungen durchsetzt? Dann müsste ich etwas ändern. Nicht was wie: Anstatt auf Papier lese ich auf dem Smartphone. Sondern radikal anders. Ich müsste meine Lebensweise komplett hinterfragen.«

Kaum etwas ist unangenehmer als sich selbst in Frage zu stellen.

Er versteht nun. Daher sein Aufgebrachtsein. Weil er ganz tief drinnen ahnt, dass die Kinder recht haben könnten. Dass die Leben, wie sie geführt werden, einen hohen Preis haben.

Das ist nichts Neues. Schon so lange ist das klar. Doch bisher war der hohe Preis zu abstrakt. Zu weit weg. Er hat keine Auswirkungen gespürt. Ihm ging es +- gut.

Er merkt, dass da noch etwas ist, was ihn ärgert. Die Kinder haben für die sattsam bekannte Sache einen neuen Dreh gefunden. Bei ihnen heißt es: jung gegen alt. Sie sagen: Ihr Alten nehmt uns mit eurem Lebensstil die Zukunft.

Vielleicht ist das auch unfair. Vielleicht fühlt er eine Kränkung. Vielleicht hat er sich bemüht, ein gutes Leben zu führen. Vielleicht hat er in manchen, vielleicht in vielen Momenten Rücksicht genommen.

Aber Momente reichen nicht mehr. Rücksicht reicht nicht mehr. Für die Jungen geht es um alles. Er weiß, dass der Generationskonflikt einer der klassischen ist. Jung gegen Alt. Wenig mobilisiert die Jungen mehr aufzustehen. Und am Ende setzen sich immer die neuen Zeiten gegen die alten durch.

Er weiß: Je lauter er schreit, desto leiser klingt in ihm die Stimme, die sagt: Im Prinzip hast du die Zukunft schon verloren.

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