Irritierend… Notre-Dame.


Irritierend, den Brand mit der Verzweiflung der Geflüchteten in Verbindung zu bringen und zu unterstellen, wer entsetzt sei über die Zerstörung von Notre-Dame, habe keine Herz. Als wäre es nicht möglich, Trauer auf verschiedenen Ebenen zu empfinden, für vieles und das zugleich, dass ich über die Zerstörung von Palmyra erschüttet und zugleich empathisch sein kann mit den Menschen im Krieg, an der Seite der Opfer der Taliban bin und mich zugleich die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan zutiefst berührt.

Irritierend, der Entstehung von Verschwörungstheorien in Echtzeit beizuwohnen, von Menschen zu lesen, die noch während des Brandes mutmaßen, dass ihnen etwas verschwiegen werden soll, weil sie noch nichts über die Brandursachen erfahren haben. Schon Filme von verdächtigen Männern auf der Balustrade sehen, veränderte Tonspuren hören, in die »allahu akbar« gemixt ist, in den Statusmeldungen Hinweise auf das kommende Osterwochenende lesen und dahinter ein bedeutungsschweres Fragezeichen gesetzt sehen etc. Und zu wissen, dass für alle, die daran glauben möchten, ausreichend Möglichkeiten gegeben sind, den Brand von Notre-Dame zukünftig als Beweis für das Lügen der aufgeklärten Gesellschaft anzuführen.

Irritierend, wie es den Spitzen der Alternative für Deutschland gelingt, innerhalb weniger Stunden zum Teil mehrere Stellungsnahmen abzusetzen, während beim Terror von Christchurch, dem anderen (medialen) Großereignis der letzten Wochen, so gut wie keine Reaktion kam, wie deutlich so noch einmal wird, wie eng das Weltbild der Neuen Rechten gesetzt ist und kommuniziert wird.

Irritierend, wie schnell diese Neue Rechte Notre-Dame als Symbol des sogenannten Abendlandes für sich vereinnahmt und die Bilder des Brands sehr geschmeidig der eigenen Erzählung der kommenden und willkommenen Apokalypse einfügt. So schreibt Björn Höcke in einer für ihn recht peinlichen Stellungsnahme von »apokalyptischen Zeiten« und dass, wenn die Kathedrale »tausendmal in Flammen aufgeht, wir bauen sie eintausendundeinmal wieder auf.« Womit er schließlich mit zwei Notre-Dames dastehen würde.

Irritierend, wie innerhalb eines Tages neunstellige Geldbeträge versprochen werden von Menschen, die gern eine Goldplakette mit ihrem Namen auf dem Gebäude sehen und sich damit in die Zeit einschreiben wollen. Wie offensichtlich damit die Ära der Mäzen wieder aufgerufen wird (wobei gerade Notre-Dame für die Ermächtigung des Bürgertums über Könige steht). Und wie groß der Widerspruch dagegen sein müsste, dass einzelne Menschen diese immensen Summen einfach so über Nacht zur Verfügung stellen können.