Game of Thrones. War of Thrones.

Die große Stärke von Game of Thrones: Welche Befreiung für die Geschichte der Tod einer zentralen Figur sein kann. Dabei geht es weniger um die Überraschung über ein unverhofftes Ableben als darum, dass das Entfernen einer zentralen Figur aus der Geschichte und damit das Eliminieren des vermeintlich wichtigen Handlungsstrangs bedeutet, dass in diese Leerstelle andere Figuren rücken können und so neue Geschichten geschrieben werden müssen.

Dafür gibt es gerade in den ersten Staffeln einige gute Beispiele. Ohne den Tod Ned Starks hätten Sansa oder Arya keine so starken Protagonistinnen werden können, ähnlich bei Daenerys der Tod Khal Drogos. Auch hier weniger die Frage nach der Überraschung, sondern danach: Wessen Geschichte wird überhaupt erzählt? Der Tod der für die Erzählwelt wichtigen Figuren (Könige, Strippenzieher, Herrschaftsanwärter) schafft Luft für andere Charaktere und zwingt sie zu agieren.

[ab hier: Spoiler]

Im Laufe der Serie ändert sich das. Immer deutlicher wird, welche Figuren die zentralen sind. Diese erhalten den Plot Armor, also eine Lebensversicherung aus dramaturgischen Gründen. Sie können nicht sterben, weil sie für die Gesamtgeschichte benötigt werden. Der Tiefpunkt dieser Entwicklung ist die dritte Folge der achten Staffel, die Schlacht um Winterfell, die außerordentlich beeindruckend inszeniert ist, aber nicht eine entscheidende Figur aus der Geschichte entfernt. Dabei steht bis kurz Schluss der Folge die ganz große Frage im Raum: Könnte es tatsächlich so sein, dass die Heldinnen verlieren, dass der vom Zuschauer antizipierte Ausgang der Geschichte anders verläuft, am Ende der Night King auf dem Thron sitzen wird?

Das tritt nicht ein. Folge 5 hingegen geht den ursprünglichen Weg und das möglicherweise radikaler als zuvor. Dabei entfernt sie nicht eine zentrale – vielleicht die ikonischste – Figur der Serie, sondern lässt sie von einer Sympathieträgerin zu einem Monster¹ werden. Der Feuersturm über King’s Landing macht Daenerys zu einer wahnsinnigen Massenmörderin. Das geschieht einer Figur, welche die eindrücklichste Heldenreise unternommen hat. Am Ende der Reise zur Heldin steht die Antiheldin. Was für den Zuschauer noch viel schmerzhafter ist als ihr Tod.

Mit dem Feuersturm ändert sich auch der Titel der Serie: aus Game wird War. Das, was dem Zuschauer zuvor Spiel war, ein spannungsreicher Umgang mit Konflikten, muss sich in ein Entsetzen angesichts der gezeigten Gewalt wandeln. In dem Burlington Bar Reactions-Video zeigt sich schön diese Wandlung in den Gesichtern der Gäste: die Spannung wird zum Grauen. Dabei macht Daenerys nichts anders als zuvor: Sie tötet Menschen mit Feuer.

Nur wird es nun in einer Weise gezeigt, der man nicht staunend beiwohnen kann. Man muss sich moralisch angegriffen fühlen. In den Szenen richtet sich die Gewalt nicht nur gegen Soldaten (und ist damit eine »gute«, zumindest »akzeptable« Gewalt), sondern gegen Zivilisten. Auffällig oft werden Frauen und Kinder gezeigt, verbrannt, getötet.

Es ist kein Vergnügen, das anzuschauen. Während das Meiste in Game of Thrones zuvor ein Kriegsblick war – die Lust am Kampf, dem Spektakel, das vermeintlich notwendige Töten, um hehre Ziele zu erreichen – dreht sich das ins Gegenteil. Nun ist Kampf der Gräuel, der er immer ist. Es gibt kein gutes Morden.

Für diesen Blick opfern die Macher ihre wichtigste Figur. Im Prinzip sagen sie: Es kann keinen gerechten Herrscher geben, auch keine gerechte Herrscherin, weil Macht nicht gerecht sein kann. Wer am Feuersturm Freude hat, der hat nicht verstanden. Und wen Daenerys Charakterwandlung übel aufstößt, der hat nicht verstanden, was die große Stärke von Game of Thrones ist: Durch das Wegnehmen von Figuren Geschichten neu erzählen zu können.


¹ In wikipedia wird Daenerys Targaryen als »war criminal« geführt.

Werbeanzeigen